Svenja Hofert gehört zu den Menschen, die sich aus langjähriger Erfahrung kompetent zur Berufswelt äußern, und sie besitzt gleichzeitig die Gabe, die ihr wichtigen Dinge anderen anschaulich vermitteln zu können. Nach mehreren Ratgebern für Bewerber und Existenzgründer hat sie nun ein Buch zur Arbeitswelt der Zukunft verfasst. Ihr Credo ist, dass berufliche Karrieren in den kommenden Jahrzehnten ganz anders verlaufen werden als bisher. Das mag stimmen, nur basiert ihre Argumentation in diesem Fall auf einigen Denkmustern, die aus meiner Sicht nicht haltbar sind. Ich will das an drei Beispielen erläutern.
1. Nicht nur im Titel, sondern im ganzen Buch klingt es so, als würde es um die Arbeitswelt insgesamt gehen. Demnach wird die Arbeit in Zukunft immer stärker flexibilisiert, das heißt, langfristige Bindungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden seltener, und erfolgreich wird vor allem der sein, der in der Lage ist, sich an diese Veränderungen anzupassen. Bereits im ersten Satz des Buches macht die Autorin selbst jedoch schon eine große - und durchaus berechtigte - Einschränkung, indem sie sich an Leser wendet, die am Ende ihres Studiums stehen. Im ihrem Buch ist Karriere demnach im Sinne der beruflichen Laufbahn von Akademikern zu verstehen. Gerade für diese Personengruppe ist es aber keineswegs neu, dass von ihr erhebliche berufliche Flexibilität und oft auch räumliche Mobilität erwartet wird. Akademiker mittleren Alters können das leicht an ihrem eigenen beruflichen Werdegang überprüfen. Ich gehöre auch zu dieser Gruppe, und mir war stets klar, dass ich nicht bei einem Arbeitgeber einsteigen und dort alt werden würde '- was auch tatsächlich nicht geschehen ist. Daneben gibt es aber durchaus 'ungebrochene' Laufbahnen, die in Unternehmen auch 'Kaminkarrieren' genannt werden, und es wird sie auch weiterhin geben, denken Sie z.B. an den Öffentlichen Dienst, an große Versicherungen, an Krankenkassen usw. Allerdings hat ein Großteil der dort Beschäftigten eben keine universitäre Ausbildung absolviert. Dass auch deren Berufswege in Zukunft völlig anders aussehen werden als heute, wage ich indes zu bezweifeln. Dazu eine kleine Anekdote am Rande: Den zur Zeit meiner Ausbildung geläufigen Satz: '"Heutzutage muss man mobil sein"' habe ich immer nur aus dem Mund von Personen gehört, die durch nahezu unkündbare Arbeitsverträge abgesichert waren und genau wussten, dass sie sich selbst nicht mehr bewegen müssen.
2. Aus Sicht der Autorin besteht der moderne Karriere-IQ vor allem darin, im eigenen Sinne zu handeln und sein berufliches Netzwerk zu pflegen. Erfolge von Unternehmen wie XING scheinen durchaus dafür zu sprechen. Fleiß und Disziplin scheinen ihr dagegen heute weniger karrierefördernd zu sein. Auch diese Aussage halte ich für gewagt, zumal die Autorin selbst ein lebendes Gegenbeispiel für ihre These ist. Wie, wenn nicht durch Fleiß und Disziplin, hätte sie sonst so viele erfolgreiche Bücher schreiben und sich ihr hohes Ansehen aufbauen können? Zugegeben, es gibt auch Menschen, die (scheinbar) weniger als andere arbeiten und trotzdem mehr schaffen. Die nennt man üblicherweise Genies. Doch schon das Genie Goethe wusste: '"Genie ist in erster Linie Fleiß".' Und daran hat sich meiner Ansicht nach bis heute nichts geändert. Aus diesem Grund halte ich auch die im Buch präsentierte fiktive Gesprächsrunde aus dem Jahr 2025 für ziemlich abwegig. Dort stellt sich unter anderem jemand vor, der Betriebwirtschaft studiert hat, aber durch eine Wirtschaftskrise arbeitslos wurde, sich deshalb als Berater für Suchmaschinenoptimierung selbstständig gemacht hat und jetzt als Coach anderen beibringen will, wie man effektiver lernt. Er selbst möchte aber mindestens drei Monate im Jahr nicht arbeiten, um sich der Familie zu widmen. Das soll ein realistisches Beispiel für die Arbeitswelt der Zukunft sein? Könnten Sie sich vorstellen, diese Person für sich arbeiten zu lassen? Ich nicht. Ich möchte nämlich, dass die Arbeit von einem Fachmann ausgeführt wird, und nicht von einem Allround-Dilettanten, der, wenn ihm gerade danach ist, alles stehen und liegen lässt und sich in den Familienurlaub verabschiedet. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich einmal gelesen zu haben, dass man rund 10.000 Arbeitsstunden benötigt, um eine Sache kompetent zu beherrschen. Das scheint mir eine ziemlich realitätsnahe Zahl zu sein, wenn man bedenkt, dass das etwa fünf Arbeitsjahren entspricht, also dem Zeitraum, in dem man ein Bachelor- und Masterstudium absolviert, eine Ausbildung zum Gesellen und Meister macht oder eine Fremdsprache sicher beherrscht. Ich glaube nicht, dass der fiktive Lernoptimierer auch nur annähernd so viel Zeit in seine Ausbildungen investiert hat, und vermute daher, dass er zwar ein durchaus selbstbestimmtes, aber auch ein ziemlich spartanisches Leben führen wird - im Gegensatz zu jemandem, der viel Zeit und Energie in seine Arbeit steckt, dadurch Experte auf seinem Gebiet wird und deshalb auch mit hoher Wahrscheinlichkeit beruflich erfolgreich und finanziell abgesichert sein wird - siehe die Autorin.
3. Damit komme ich zum letzten Punkt. Die Autorin geht davon aus, dass flexible Arbeitnehmer und kleine Unternehmen gegenüber großen Konzernen in Zukunft deutlich im Vorteil sind. Als Beispiel nennt sie den Fall Arcandor und stellt dem Warenhaus eine wachsende Zahl kleiner Fachgeschäfte gegenüber. Doch auch dieses Beispiel überzeugt mich nicht. Denken Sie einmal an Real oder Mediamarkt. Wo sind denn die kleinen Geschäfte, die diesen Giganten Paroli bieten könnten? In meiner Stadt gibt es jedenfalls kaum noch kleine Händler, und wenn, dann haben sie vermutlich ähnliche Probleme wie der fiktive Suchmaschinen-Optimierer: Sie sind zwar selbstständig, dürften aber mit hoher Wahrscheinlichkeit in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Wer dann noch wie ein im Buch erwähnter Bekannter der Autorin behauptet, wichtig sei doch vor allem der Spaß an der Arbeit, dem kann ich erwidern, dass ich mich gern einmal mit ihm unterhalten würde, wenn er das Rentenalter erreicht hat.
Und so lautet mein Fazit: Das Buch beleuchtet viele interessante Aspekte der sich wandelnden Arbeitswelt. Allerdings scheint mir das von der Autorin entworfene Szenario nur bedingt realitätsnah zu sein. Kritisch sehe ich die Verallgemeinerung allenfalls gruppenspezifischer Trends, die teilweise einseitige Interpretation von Veränderungen und den fast schon euphorischen Glauben an die beruflichen Chancen, die das Internet bieten wird. Oder bin ich noch nicht in der neuen Welt angekommen?