Nach dem Roman "Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ich" von Manfred Bieler produzierte die Gruppe "Roter Kreis" der DEFA 1965 unter der Regie von Kurt Maetzig in einer vorübergehenden Phase der Liberalisierung einen mutigen und auch heute noch sehenswerten Film, der sich in durchaus positiver Aufbruchsstimmung ungeschminkt mit den Problemen der schon fast paranoiden Verkrampfung einer herrschenden Schicht auseinandersetzte.
Die Geschichte verknüpft in einer Liebesaffäre das Schicksal und die persönliche Entwicklung des Richters Paul Deister (Alfred Müller), der die typische Opportunistenklasse der Oberschicht verkörpert, mit dem "normalen Volk", welches durch die Geliebte Maria Morzeck (Angelika Waller, 21) repräsentiert wird.
Marias Bruder Dieter war wegen "staatsgefährdender Hetze" vom Richter Paul Deister äußerst überzogen zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Maria wurde gleich mitbestraft: mit diesem Bruder darf sie natürlich nicht das erstrebte Slawistik-Studium antreten, sondern muss sich ihr Geld als Kellnerin verdienen. Den Richter lernt Maria zufällig kennen, erst, als die Affäre schon läuft, erfährt sie, dass es sich bei Paul um den Richter handelt, der ihren Bruder verurteilt hat.
Das Spannungsfeld zwischen der süß naiven jungen Liebe, der Neugierde, was nun eigentlich der Grund für die harte Verurteilung war, und der Versuchung, beim Geliebten für den Bruder einzutreten, wird feinfühlig und unaufdringlich herausgearbeitet. Ebenso wird die Einstellung des typischen Apparatschik, der systemübergreifend opportunistisch mit dem Strom zu schwimmen versucht, um sich ein bequemes Leben zu sichern, deutlich, aber auch manchmal in fast sympathischer Weise vorgeführt.
Insgesamt geriet der Film in keiner Weise belehrend oder gar indoktriniert, sondern äußerst menschlich und ist mit etwas (N)Ostalgie nett anzuschauen, die Personen wirken lebendig, der Alltag ebenso wie die besonderen Stunden glaubwürdig und nachvollziehbar.
Dennoch kommt auch die Rechtsphilosophie in offenen und ernsten Gesprächen zwischen der nachdrücklich fragenden Maria und dem zweifelnden Paul keineswegs zu kurz. Insbesondere wird auch die Relativität von "Recht", das ja immer auch ein Herrschaftsrecht ist, deutlich gemacht.
Angelika Waller selbst, die in gewisser Weise an die junge Bardot erinnert, wäre sicher auch in westlichen Filmproduktionen eine Augenweide gewesen und hätte durch ihre sympathische und natürliche Darstellung überzeugt.
Leider verordnete der seit 1964 bestellte neue KPdSU-Vorsitzende Leonid Iljitsch Breschnew wieder einen härteren, konservativen Kurs, der letztlich dazu führte, dass 1965 zwölf Filme der DEFA verboten wurden - der "Neue DDR-Film" war nach nur einem Jahr praktisch wieder am Ende. In bitterem Humor nannte man von nun ab verbotene Filme "Kaninchenfilme".
Letztlich thematisiert der Film im Kern die Konfrontation des arbeitenden Menschen mit dem Herrschaftsapparat, die natürlich maßgeblich über das Rechtswesen erfolgt. Frappierend, dass völlig unabhängig von der Art des politischen Systems diese Fragen immer noch genauso beschäftigen wie damals. So bietet "Das Kaninchen bin ich" nicht nur einen vorzüglichen Einblick in die damalige Situation der DDR-Gesellschaft, sondern auch ein jederzeit und überall gültiges Spiegelbild von Unterdrückungs-Mechanismen.
Im Original 110 Minuten, S/W, Format 1,37:1 auf 35 mm Film, Mono (IMDB)
film-jury 4* A0474 31.1.2011eg 9A Genre: Drama | Romanze