Habe "Das Kainsmal" mit gemischten Gefühlen zu Ende gelesen.
Zum einen ist da der tolle Anfang, sowie der für uns (vielleicht aber auch für den Autor) ungewohnte Erzählstil.
In stückweisen Interviewfetzen zeichnet Palahniuk nach und nach das mosaikhafte Bild einer zerrütteten Kindheit, irgendwo im mittleren Westen der USA. Da Menschen interviewt werden, die den späteren Verlauf der Geschichte kennen, werden immer wieder zukünftige Ereignisse angerissen, ohne dem Leser jedoch zuviel zu verraten.
Mit jedem Interviewfetzen kommt man der Wahrheit um Rant Casey näher, liest neue Passagen in anderem Licht, oder erinnert sich an alte, die ganz neue Bedeutung bekommen. Auch entstehen, durch die unterschiedlichen Perspektiven der Zeugen, Widersprüche die, auch dann wenn man glaubt, die Wahrheit zu kennen, einen Rest Zweifel lassen.
In diesem interessanten & fordernden Verwirrspiel zu Beginn, sehe ich die größte Ähnlichkeit zu Fight Club.
Doch dann kommt die, für mich enttäuschende, zweite Hälfte des Buchs.
Die zu Beginn angedeutete Geschichte des "Superspreaders" Casey, tritt nach und nach völlig in den Hintergrund. An ihre Stelle tritt eine Analyse der fiktiven Gesellschaft des Romans, einer Kultur geteilt in Tag- & Nachtgänger, und der Subkultur der Party-Crasher. Anstelle leiser, indirekter Gesellschaftskritik, tritt relativ abrupt eine wie ich finde sehr bemühte Verschwörungstheorie. Kapitelweise werden plötzlich (teils recht absurde) Science Fiction, esoterische & soziale Fragen aufgeworfen, die mit der ursprünglichen Handlung nur lose verknüpft sind. Mehr nebenbei passieren dann auch die ursprünglich angedeuteten Ereignisse, allerdings eher als Beiwerk der neuen, größeren Zusammenhänge.
Das ganze wird nie wirklich schlecht - Palahniuk ist nachwievor ein guter Autor - doch man wird das Gefühl nicht los, dass hier weniger doch mehr gewesen wäre.
Wie die meisten hier, habe ich Palahniuk durch Fight Club kennen und lieben gelernt. Entsprechend waren meine Erwartungen an dieses Buch. Doch wo Fight Club existentiell ist, direkt an die Wurzeln der Gesellschaft und der eigenen Psyche geht, ist Das Kainsmal trotz guter Ansätze eben "nur" stilistisch interessante Science Fiction.
Empfehlenswert, aber kein Meisterwerk