Pressestimmen
"Palahniuk ist ein Könner auch der leisen Töne, weiß zuweilen mit einer fast minimalistischen Prosa zu überzeugen." (Süddeutsche Zeitung )
"Palahniuk ist ein Genie!" (Wienerin )
Kurzbeschreibung
Buster »Rant« Casey ist schon als Kind ein Außenseiter: Von den Spielen Gleichaltriger gelangweilt, sucht er das Abenteuer in der Wildnis rund um seine kleine Heimatstadt. Auf endlosen Streifzügen jagt er nach giftigen Schlangen, Spinnen und Skorpionen, um sich von den Tieren beißen oder stechen zu lassen. Er liebt es, das Gift in seinem Körper zu spüren und dabei jedes Mal dem Tod ins Auge zu sehen. Doch statt zu sterben, erkrankt Rant lediglich an Tollwut. In der Stadt findet er schließlich eine neue Herausforderung: Rant schließt sich einer Gruppe von »party crashern« an, einer losen Clique junger Leute, die sich gegenseitig Verfolgungsjagden mit dem Auto liefern und dabei lebensgefährliche Unfälle verursachen. Diesen Tanz mit dem Tod beherrscht Rant bald wie kein anderer. Schnell steigt er zum Anführer der Gruppe auf, verehrt als »Engel des Todes« …
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Mit Buster »Rant« Casey hat der Held aus »Fight Club« einen würdigen Nachfolger gefunden.
Klappentext
Der Spiegel
"Palahniuk ist ein Könner auch der leisen Töne, weiß zuweilen mit einer fast minimalistischen Prosa zu überzeugen."
Süddeutsche Zeitung
"Palahniuk ist ein Genie!"
Wienerin
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Zur Einführung
Wallace Boyer (Autohändler): Wie die meisten Leute habe ich Rant Casey erst richtig kennen gelernt, als er bereits tot war. So geht das ja meistens bei Prominenten: Kaum sind sie abgekratzt, vergrößert sich der Kreis ihrer engsten Freunde explosionsartig. Ein toter Promi kann nicht die Straße runtergehen, ohne einer Million bester Freunde zu begegnen, die er im wirklichen Leben nie gesehen hat.
Sterben war der beste Schachzug, den die Serienmörder Jeff Dahmer und John Wayne Gacy in ihrer Karriere je gemacht haben. Und nach dem Gaëtan Dugas, der offizielle Aids-Patient »null«, gestorben war, stieg die Zahl der Sexpartner, die es angeblich mit ihm getrieben hatten, ins unermessliche.
Rant Casey pflegte zu sagen: Die Leute profilieren sich, indem sie dich runter machen, solange du am Leben bist – oder indem sie dich rühmen, wenn du tot bist.
Bei mir war’s so: Ich sitze im Flieger, und neben mich setzt sich irgend so ein Hinterwäldler. Die Haut auf seinen Handrücken sieht aus wie nach einem Autounfall, und man muss einfach hinstarren – voller Bisswunden, vernarbt und verkrustet, grauenhaft.
Die Stewardess fragt diesen Kerl, was er zu trinken haben will, und sie sagt ihm, er solle mir doch bitte meinen Drink weiterreichen: Scotch mit Eis. Aber als ich diese Monsterfinger sehe, die sich um den Plastikbecher krallen, diese aufgeplatzten Knöchel, kann mich nichts mehr dazu bringen, das Ding an meine Lippen zu führen.
Was die Seuche angeht, kann man nicht vorsichtig genug sein. Im Flughafen mussten wir gleich hinter dem Metalldetektor durch einen dieser Fiebermonitore gehen, wie sie erstmals im Kampf gegen die Ausbreitung von SARS eingesetzt worden waren. Die meisten Leute, sagt die Regierung, sind sich gar nicht bewusst, dass sie infiziert sind. Du kannst dich ganz gesund fühlen, aber wenn dieser Monitor zu piepen anfängt und dadurch anzeigt, dass deine Temperatur zu hoch ist, wirst du in Quarantäne gesteckt. Vielleicht lebenslänglich. Ohne große Diskussion, einfach so.
Um sicherzugehen, klappe ich nur meinen Tisch herunter und stelle den Becher dort ab. Ich sehe zu, wie der Scotch blass und wässrig wird. Wie das Eis schmilzt und verschwindet.
Jeder, der vom Auto verkaufen lebt, wird es bestätigen: Übung macht den Meister. Um als Händler über die Runden zu kommen, muss man eine persönliche Beziehung zu den Kunden aufbauen.
Seine Fähigkeiten kann man überall entwickeln. Ein guter Trick, sich einen Namen zu merken, geht so: Man sieht dem Betreffenden so lange in die Augen, bis man deren Farbe erkennt, grün oder braun oder blau. Das nennt man Musterunterbrechung: Man zwingt sich so, sich etwas zu merken, was man sonst garantiert vergessen würde.
Die Augen von diesem Cowboy, sie sind hellgrün. Frostschutzmittelgrün.
Auf dem Shuttleflug zwischen Peco Junction und der Stadt teilen wir uns eine Armlehne, ich am Fenster, er am Gang. Man soll den Boten nicht erschießen, aber von seinen Cowboystiefeln fallen andauernd Klümpchen getrockneter Kuhscheiße ab. Mit seinen langen Koteletten mag er auf der Highschool reihenweise die Mädchen flachgelegt haben, aber jetzt sind sie grau, von der Schläfe bis zum Kieferknochen. Von seinen Händen ganz zu schweigen.
Um mich darin zu üben, eine persönliche Beziehung aufzubauen, frage ich ihn, was er für den Flug bezahlt hat. Ist man sich über die Bedürfnisse eines Kunden nicht im Klaren, sucht man nach seinen wunden Punkten. Einen Wildfremden, der bloß neben einem im Flieger sitzt, so einen wird man nie dazu bringen, sich als »geistigen Besitzer« eines Nissans oder gar eines Cadillacs zu fühlen.
Auch so ein Trick, Leuten ein Auto anzudrehen, ist Folgendes: In jedem Auto, das man auf dem Platz stehen hat, programmiert man den Senderwahlknopf Nummer eins auf Gospelmusik. Auf Nummer zwei kommt Rock’n’Roll. Auf Nummer drei Jazz. Ist der Interessent einer von der wichtigtuerischen Sorte, stellt man das Radio, sobald man die Tür aufgeschlossen hat, auf einen Sender mit Nachrichten oder politischen Talkshows ein. Bei einem Sandalenträger drückt man auf den Kultursenderknopf. Wenn sie den Zündschlüssel drehen, erzählt das Radio diesen Typen dann gleich, was sie hören wollen. Bei mir ist in jedem Auto der Knopf Nummer fünf auf einen Sender mit Techno-Schrott programmiert, falls mal einer vorbeikommt, der gern bei Crash-Partys mitmacht.
Die grünen Augen des Cowboys, die Kuhscheiße an seinen Stiefeln, so was nennen Verkaufsprofis »mentale Aufhänger«. Fragen, auf die es genau eine Antwort gibt, heißen »geschlossene Fragen«. Fragen, die einen Kunden zum Reden bringen, heißen »offene Fragen«.
Zum Beispiel: »Wie viel haben Sie für den Flug bezahlt?« Das ist eine geschlossene Frage.
Und der Mann nippt an seinem Whiskeybecher und schluckt. Den Blick starr nach vorn gerichtet, sagt er: »Fünfzig Dollar.«
Ein gutes Beispiel für eine offene Frage wäre: »Wie können Sie nur mit diesen gruselig zerschundenen Händen leben?«
Ich frage: Nur für den Hinflug?
»Hin- und Rückflug«, sagt er, und seine vernarbte, verkrustete Hand kippt Whiskey in sein Gesicht. »Notfall-Tarif«, sagt der Cowboy.
Ich sehe ihn an, verbiege mich auf meinem Sitz, um ihn ganz in Augenschein nehmen zu können. Mein Atem verlangsamt sich, geht schließlich im gleichen Takt wie das Heben und Senken seines Cowboyhemds. Diese Technik heißt »aktives Zuhören«. Der Fremde räuspert sich, und ich warte ein wenig und räuspere mich dann ebenfalls. Das ist es, was ein guter Verkäufer unter »Pacing« versteht: Sich dem Kunden anpassen.
Ich kreuze meine Füße, rechter Knöchel auf linken, genau wie er, und sage: Ausgeschlossen. Nicht einmal Standby-Tickets sind so billig. Ich frage: Wie ist er da rangekommen?
Er trinkt seinen Whiskey – pur – und sagt: »Als Erstes muss man dazu aus einer geschlossenen Anstalt fliehen.« Dann, sagt er, muss man quer durchs ganze Land trampen, mit nichts als Plastikschuhen und Papierklamotten, die sich hinten nicht schließen lassen. Dann einen Wimpernschlag zu spät kommen, um einen mehrfachen Kinderschänder dran hindern zu können, deine Frau zu vergewaltigen. Und deine Mutter. Aus dieser Vergewaltigung geht ein Sohn hervor, den musst du erziehen. Er sammelt eine Wagenladung alter Zähne, und nach der Highschool haut dieser durchgeknallte Junge einfach ab und schließt sich einer Sekte an, die nur nachts aktiv ist. Fährt ein halbes hundert Mal seinen Wagen zu Schrott und tut sich mit so einer Art Pseudoprostituierten zusammen.
Nebenbei verbreitet dein Junge eine Seuche, die tausende von Leuten tötet, so viele, dass das Kriegsrecht verhängt wird und mächtige Regierungen ins Wanken geraten. Und am Ende stirbt dein Junge in einem ungeheuren Flammeninferno, das die ganze Welt im Fernsehen verfolgen kann.
Er sagt: »So einfach ist das.«
Er sagt: »Und wenn du seine Leiche für die Beerdigung abholst«, und kippt sich Whiskey in den Mund, »macht die Fluggesellschaft dir einen Sonderpreis.«
Fünfzig Dollar, hin- und Rückflug. Er sieht nach meinem Scotch, der auf dem Klapptisch vor mir steht. Warm. Die Eiswürfel geschmolzen. Er sagt: »Trinken Sie das noch?«
Ich sage: Nur zu.
So schnell kann das Leben die Richtung ändern.
So schnell kann es geschehen, dass die Zukunft, die man morgen hat, nicht mehr die Zukunft ist, die man gestern hatte.
Die große Frage ist: Soll ich ihn um ein Autogramm bitten? Ich verlangsame meinen Atem, um ihn dem seinen anzugleichen. Ich frage: Ob er verwandt ist mit diesem … Rant Casey? »Werwolf Casey« – der schlimmste Patient null in der Geschichte der Medizin? Der »Superspreader«, der das halbe Land infiziert hat? Amerikas »Küssender Killer«? Rant »Mad Dog« Casey?
»Buster«, sagt der Mann und greift mit seiner Monsterhand nach meinem Scotch. Er sagt: »Mein Junge wurde auf den Namen Buster Landru Casey getauft. Nicht Rant. Nicht Buddy. Buster.«
Schon...
Auszug aus Das Kainsmal von Chuck Palahniuk, Werner Schmitz. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Zur Einführung
Wallace Boyer (Autohändler): Wie die meisten Leute habe ich Rant Casey erst richtig kennen gelernt, als er bereits tot war. So geht das ja meistens bei Prominenten: Kaum sind sie abgekratzt, vergrößert sich der Kreis ihrer engsten Freunde explosionsartig. Ein toter Promi kann nicht die Straße runtergehen, ohne einer Million bester Freunde zu begegnen, die er im wirklichen Leben nie gesehen hat.
Sterben war der beste Schachzug, den die Serienmörder Jeff Dahmer und John Wayne Gacy in ihrer Karriere je gemacht haben. Und nach dem Gaëtan Dugas, der offizielle Aids-Patient »null«, gestorben war, stieg die Zahl der Sexpartner, die es angeblich mit ihm getrieben hatten, ins unermessliche.
Rant Casey pflegte zu sagen: Die Leute profilieren sich, indem sie dich runter machen, solange du am Leben bist - oder indem sie dich rühmen, wenn du tot bist.
Bei mir war's so: Ich sitze im Flieger, und neben mich setzt sich irgend so ein Hinterwäldler. Die Haut auf seinen Handrücken sieht aus wie nach einem Autounfall, und man muss einfach hinstarren - voller Bisswunden, vernarbt und verkrustet, grauenhaft.
Die Stewardess fragt diesen Kerl, was er zu trinken haben will, und sie sagt ihm, er solle mir doch bitte meinen Drink weiterreichen: Scotch mit Eis. Aber als ich diese Monsterfinger sehe, die sich um den Plastikbecher krallen, diese aufgeplatzten Knöchel, kann mich nichts mehr dazu bringen, das Ding an meine Lippen zu führen.
Was die Seuche angeht, kann man nicht vorsichtig genug sein. Im Flughafen mussten wir gleich hinter dem Metalldetektor durch einen dieser Fiebermonitore gehen, wie sie erstmals im Kampf gegen die Ausbreitung von SARS eingesetzt worden waren. Die meisten Leute, sagt die Regierung, sind sich gar nicht bewusst, dass sie infiziert sind. Du kannst dich ganz gesund fühlen, aber wenn dieser Monitor zu piepen anfängt und dadurch anzeigt, dass deine Temperatur zu hoch ist, wirst du in Quarantäne gesteckt. Vielleicht lebenslänglich. Ohne große Diskussion, einfach so.
Um sicherzugehen, klappe ich nur meinen Tisch herunter und stelle den Becher dort ab. Ich sehe zu, wie der Scotch blass und wässrig wird. Wie das Eis schmilzt und verschwindet.
Jeder, der vom Auto verkaufen lebt, wird es bestätigen: Übung macht den Meister. Um als Händler über die Runden zu kommen, muss man eine persönliche Beziehung zu den Kunden aufbauen.
Seine Fähigkeiten kann man überall entwickeln. Ein guter Trick, sich einen Namen zu merken, geht so: Man sieht dem Betreffenden so lange in die Augen, bis man deren Farbe erkennt, grün oder braun oder blau. Das nennt man Musterunterbrechung: Man zwingt sich so, sich etwas zu merken, was man sonst garantiert vergessen würde.
Die Augen von diesem Cowboy, sie sind hellgrün. Frostschutzmittelgrün.
Auf dem Shuttleflug zwischen Peco Junction und der Stadt teilen wir uns eine Armlehne, ich am Fenster, er am Gang. Man soll den Boten nicht erschießen, aber von seinen Cowboystiefeln fallen andauernd Klümpchen getrockneter Kuhscheiße ab. Mit seinen langen Koteletten mag er auf der Highschool reihenweise die Mädchen flachgelegt haben, aber jetzt sind sie grau, von der Schläfe bis zum Kieferknochen. Von seinen Händen ganz zu schweigen.
Um mich darin zu üben, eine persönliche Beziehung aufzubauen, frage ich ihn, was er für den Flug bezahlt hat. Ist man sich über die Bedürfnisse eines Kunden nicht im Klaren, sucht man nach seinen wunden Punkten. Einen Wildfremden, der bloß neben einem im Flieger sitzt, so einen wird man nie dazu bringen, sich als »geistigen Besitzer« eines Nissans oder gar eines Cadillacs zu fühlen.
Auch so ein Trick, Leuten ein Auto anzudrehen, ist Folgendes: In jedem Auto, das man auf dem Platz stehen hat, programmiert man den Senderwahlknopf Nummer eins auf Gospelmusik. Auf Nummer zwei kommt Rock'n'Roll. Auf Nummer drei Jazz. Ist der Interessent einer von der wichtigtuerischen Sorte, stellt man das Radio, sobald man die Tür aufgeschlossen hat, auf einen Sender mit Nachrichten oder politischen Talkshows ein. Bei einem Sandalenträger drückt man auf den Kultursenderknopf. Wenn sie den Zündschlüssel drehen, erzählt das Radio diesen Typen dann gleich, was sie hören wollen. Bei mir ist in jedem Auto der Knopf Nummer fünf auf einen Sender mit Techno-Schrott programmiert, falls mal einer vorbeikommt, der gern bei Crash-Partys mitmacht.
Die grünen Augen des Cowboys, die Kuhscheiße an seinen Stiefeln, so was nennen Verkaufsprofis »mentale Aufhänger«. Fragen, auf die es genau eine Antwort gibt, heißen »geschlossene Fragen«. Fragen, die einen Kunden zum Reden bringen, heißen »offene Fragen«.
Zum Beispiel: »Wie viel haben Sie für den Flug bezahlt?« Das ist eine geschlossene Frage.
Und der Mann nippt an seinem Whiskeybecher und schluckt. Den Blick starr nach vorn gerichtet, sagt er: »Fünfzig Dollar.«
Ein gutes Beispiel für eine offene Frage wäre: »Wie können Sie nur mit diesen gruselig zerschundenen Händen leben?«
Ich frage: Nur für den Hinflug?
»Hin- und Rückflug«, sagt er, und seine vernarbte, verkrustete Hand kippt Whiskey in sein Gesicht. »Notfall-Tarif«, sagt der Cowboy.
Ich sehe ihn an, verbiege mich auf meinem Sitz, um ihn ganz in Augenschein nehmen zu können. Mein Atem verlangsamt sich, geht schließlich im gleichen Takt wie das Heben und Senken seines Cowboyhemds. Diese Technik heißt »aktives Zuhören«. Der Fremde räuspert sich, und ich warte ein wenig und räuspere mich dann ebenfalls. Das ist es, was ein guter Verkäufer unter »Pacing« versteht: Sich dem Kunden anpassen.
Ich kreuze meine Füße, rechter Knöchel auf linken, genau wie er, und sage: Ausgeschlossen. Nicht einmal Standby-Tickets sind so billig. Ich frage: Wie ist er da rangekommen?
Er trinkt seinen Whiskey - pur - und sagt: »Als Erstes muss man dazu aus einer geschlossenen Anstalt fliehen.« Dann, sagt er, muss man quer durchs ganze Land trampen, mit nichts als Plastikschuhen und Papierklamotten, die sich hinten nicht schließen lassen. Dann einen Wimpernschlag zu spät kommen, um einen mehrfachen Kinderschänder dran hindern zu können, deine Frau zu vergewaltigen. Und deine Mutter. Aus dieser Vergewaltigung geht ein Sohn hervor, den musst du erziehen. Er sammelt eine Wagenladung alter Zähne, und nach der Highschool haut dieser durchgeknallte Junge einfach ab und schließt sich einer Sekte an, die nur nachts aktiv ist. Fährt ein halbes hundert Mal seinen Wagen zu Schrott und tut sich mit so einer Art Pseudoprostituierten zusammen.
Nebenbei verbreitet dein Junge eine Seuche, die tausende von Leuten tötet, so viele, dass das Kriegsrecht verhängt wird und mächtige Regierungen ins Wanken geraten. Und am Ende stirbt dein Junge in einem ungeheuren Flammeninferno, das die ganze Welt im Fernsehen verfolgen kann.
Er sagt: »So einfach ist das.«
Er sagt: »Und wenn du seine Leiche für die Beerdigung abholst«, und kippt sich Whiskey in den Mund, »macht die Fluggesellschaft dir einen Sonderpreis.«
Fünfzig Dollar, hin- und Rückflug. Er sieht nach meinem Scotch, der auf dem Klapptisch vor mir steht. Warm. Die Eiswürfel geschmolzen. Er sagt: »Trinken Sie das noch?«
Ich sage: Nur zu.
So schnell kann das Leben die Richtung ändern.
So schnell kann es geschehen, dass die Zukunft, die man morgen hat, nicht mehr die Zukunft ist, die man gestern hatte.
Die große Frage ist: Soll ich ihn um ein Autogramm bitten? Ich verlangsame meinen Atem, um ihn dem seinen anzugleichen. Ich frage: Ob er verwandt ist mit diesem ... Rant Casey? »Werwolf Casey« - der schlimmste Patient null in der Geschichte der Medizin? Der »Superspreader«, der das halbe Land infiziert hat? Amerikas »Küssender Killer«? Rant »Mad Dog« Casey?
»Buster«, sagt der Mann und greift mit seiner Monsterhand nach meinem Scotch. Er sagt: »Mein Junge wurde auf den Namen Buster Landru Casey getauft. Nicht Rant. Nicht Buddy. Buster.«
Schon verschlingen meine Augen jede verharschte Narbe an seinen Fingern. Jede Furche, jedes graue Haar. Meine Nase registriert seinen Geruch: Whiskey und Kuhscheiße. Mein Ellbogen registriert den Ärmel seines Flanellhemdes. Schon beginne ich bis ans Ende meines Lebens mit diesem Fremden zu prahlen. Ich halte jede Sekunde mit ihm fest, reiße mir jedes seiner Worte, jede seiner Gebärden unter den Nagel. Ich sage: Sie sind ...
»Chester«, sagt er. »Ich heiße Chester Casey.«
Er sitzt neben mir. Chester Casey, der Vater von Rant Casey, Amerikas wandelnder biologischer Massenvernichtungswaffe.
Andy Warhol hat sich geirrt. In der Zukunft werden die Leute nicht für fünfzehn Minuten berühmt sein. Nein, in der Zukunft wird jeder neben einem sitzen, der für mindestens fünfzehn Minuten berühmt war. Typhoid Mary oder Ted Bundy oder Sharon Tate. Geschichte besteht aus nichts anderem als aus Monstern und Opfern. Und Augenzeugen.
Und was sagt man in so einer Situation? Ich sage: Das tut mir leid. Ich sage: »Schlimme Sache, dass ihr Junge gestorben ist.«
Mitfühlend schüttel ich den Kopf ... und ein paar Atemzüge später schüttelt Chester Casey ebenfalls den Kopf, und angesichts dieser Geste weiß ich nicht mehr, wer sich hier eigentlich wem anpasst. Wer von uns zuerst wen nachgemacht hat. Ob nicht etwa dieser Stinkstiefel mich beobachtet. Mich kopiert. Meine wunden Punkte findet und eine persönliche Beziehung aufbaut. Mir womöglich was verkaufen will. Chet Casey, die lebende Legende, blinzelt. Atemfrequenz maximal fünfzehn die Minute. Er kippt sich den Scotch hinter die Binde. »Man kann das sehen, wie man will«, sagt er und stößt mir den Ellbogen in die Rippen, »das mit dem Flugticket ist jedenfalls ein echtes Schnäppchen.«
2
Schutzengel
Aus den Aufzeichnungen von Green Taylor Simms (Historiker): Der Hund ist für Middleton, was die Kuh für die Straßen von Kalkutta oder Neu Delhi ist. Auf jedem Weg liegt mindestens eine Promenadenmischung japsend in der Sonne mit triefender Zunge, die ihm schlaff aus dem Maul hängt. Eine Art fellbespannte Bodenschwelle, ohne Halsband und Marke. Gepudert mit feinem Staub, der von den gepflügten Äckern weht.
Um nach Middleton zu kommen, muss man vier volle Tage lang fahren - die längste Zeit, die ich jemals in einem Automobil verbracht habe, ohne einen Crash zu verursachen. Für mich war das der deprimierendste Aspekt meiner Pilgerreisen.
Neddy Nelson (Party-Crasher): Wie ist es zu erklären, dass der Amateurpaläontologe William Meister 1968 in Antelope Spring, Utah, auf der Suche nach Trilobitfossilien einen Schieferblock spaltet und den fünfhundert Millionen Jahre alten versteinerten Abdruck eines menschlichen Schuhs findet? Und wie gerät ein anderer versteinerter Schuhabdruck, der 1922 in Nevada entdeckt wurde, in einen Felsen aus dem Trias?
Echo Lawrence (Party-Crasher): Auf der Fahrt nach Middleton, als wir spät nachts in der endlosen Weite dieser beschissenen Gegend unterwegs waren, drückte Shot Dunyun auf der Suche nach Verkehrsberichten auf den Knöpfen seines Radios herum. Weil wir erfahren wollten, was in der Welt so vor sich ging. Morgen- oder Abend-Rush-hour-Meldungen vom anderen Ende der Welt. Aktuelle Stau- und Verkehrsmeldungen von dort, wo noch gestern war. Massenkarambolagen und umgestürzte Lkws auf Schnellstraßen, wo schon morgen war.
Es ist schon verrückt, zu hören, dass jemand morgen gestorben ist. Als ob man diesen Pendler in Moskau jetzt noch anrufen und ihm sagen könnte: »Bleib Zuhause!«
Aus dem Verkehrsfunk von Radio Graphic Traffic: im Gebiet Richmond behindern Schaulustige den Verkehr auf der U1 in östlicher Richtung. Fahren Sie langsam und halten Sie Ausschau nach einem schrecklichen Unfall auf der linken Fahrspur, an dem zwei Fahrzeuge beteiligt sind. Das vordere ist ein meergrüner 74er Plymouth Road Runner mit Vierzylinder-Vergaser-Siebenliter-Graugussblock-V8-Motor. Original Innenausstattung in Schneeweiß. Am Steuer des Coupés saß eine scharfe Vierundzwanzigjährige, blond Schrägstrich grün mit sauberer Fraktur Schrägstrich Verrenkung des Rückgrats in Höhe der Articulatio Atlantooccipitalis bei vollständiger Abquetschung des Rückenmarks. Blumige Bezeichnung für einen besonders schlimmen Fall des so genannten Peitschenschlagphänomens, das zum Genickbruch führt.
Bei dem hinteren Auto handelt es sich um einen fetten zweitürigen cremefarbenen New Yorker Brougham St. Regis mit der optionalen Deluxe-Verchromung und stationären hinteren Seitenfenstern. Ein prächtiger Schlitten. Während Sie mit gebotener Aufmerksamkeit daran vorbeischleichen, beachten Sie bitte: Der Fahrer war sechsundzwanzigjährig und zog sich eine gewöhnliche Querfraktur des Brustbeins und beidseitig Rippenbrüche zu. Seine Lunge wurde von Rippensplittern mehrfach perforiert infolge des Aufpralls aufs Steuerrad. Dazu kommen, wie die Jungs vom Rettungsdienst mir erzählen, starke innere Blutungen.
Also - anschnallen und schön langsam fahren. Dies ist Graphic Traffic - von der Strecke berichtete für Sie Tina Something ...
Echo Lawrence: Die von der Regierung verhängte Ausgangssperre und die Quarantäne waren uns schnuppe. Wir fuhren einfach weiter durch dieses Niemandsland. Ich auf dem Beifahrersitz. Shot Dunyun am Steuer. Neddy Nelson saß hinten und las und erzählte uns, Jack the Ripper sei nie gestorben - vielmehr sei er in die Zeit zurückgereist, habe seine Mutter rechtzeitig abgeschlachtet, um auf diese Weise unsterblich zu werden -, und jetzt sei er US-Präsident oder Papst. Irgend so eine bescheuerte Theorie eben, wie die, wonach UFOs in Wirklichkeit mit menschlichen Touristen bemannt sind, die uns aus der fernen Zukunft besuchen.
Shot Dunyun (Party-Crasher): Wir sind nach Middleton gefahren, um uns die Orte anzusehen, von denen Rant erzählt hatte, und um die Leute kennen zu lernen, die er »seine Leute« genannt hatte. Seine Eltern, Irene und Chester. Seinen besten Freund, Bodie Carlyle, mit dem er zur Schule gegangen war. Die blöden Bauern, die Perrys und Tommys und Elliots, die er ständig erwähnt hat. Von wegen Crash-Partys: die meiste Zeit sind wir bloß durch die Gegend gefahren und haben geredet.
So ein Haufen Trottel. Wir wollten sehen, was dran war an den Geschichten, die Rant uns erzählt hatte. Ist das nicht irre? Ich und Echo Lawrence mit Neddy auf der Rückbank seines Cadillac Eldorado. Rant hatte diese Karre für Neddy besorgt.
Ja, wir wollten Rants Grab mit Blumen schmücken und so.
Echo Lawrence: Shot haut auf das Radio und sagt: »Heute verpassen wir eine schöne Fußballelternnacht ...«
»Das ist nicht heute«, sagt Neddy. »Guck mal in deinem Kalender nach. Hute war Fahrschülernacht.«
Shot Dunyun: Vor uns ein Lichtpunkt am Horizont. Das Licht schwillt zu einem grellweißen Halbkreis, der sich zu einem ganzen rundet. Der Vollmond. Heute verpassen wir eine großartige Hochzeitsnacht.
Echo Lawrence: Statt Musik zu hören, haben wir uns Geschichten erzählt. Die Geschichten, die Rant von seiner Kindheit erzählt hatte. Wir setzten die Geschichten über Rant aus Einzelheiten zusammen, die jeder von uns aus den verschlungensten Windungen seines Gehirns hervorkramen musste. Wir saßen im Auto und legten unsere Puzzleteile zusammen.
Shot Dunyun: als der Sheriff von Middleton uns anhielt, erzählten wir ihm die Wahrheit: Dass wir auf einer Pilgerreise zu Rant Caseys Geburtsort seien.
In einer Nacht wie dieser, wo die ganze Stadt schläft, spielte der kleine Rant Casey mit seinem Funkgerät. Kopfhörer auf den Ohren. In einer Nacht wie dieser drehte der kleine Rant an der Skala, immer auf der Suche nach Verkehrsmeldungen aus Los Angeles und New York. Ein aktueller Stau in London. Zähfließender Verkehr in Atlanta. Zusammenstoß dreier Autos in Paris, auf Französisch. Spanisch lernen mit numático desinflado und punto muerto. Geplatzte Reifen und Stau in Madrid. In Rom heißt Stau imbottigliamento. In Amsterdam het roosterslot. In Paris saturation. Die ganze unsichtbare Welt des Verkehrs.
Echo Lawrence: Von wegen. Zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang durch irgendwelche Provinzkäffer zu fahren ist alles andere als ungefährlich. Die Polizei verfolgt einen aus purer Langeweile. Der Sheriff prüfte unsere Führerscheine im Strahl seiner Taschenlampe und hielt uns einen Vortrag über Middleton. Rant Casey hätte nicht in die Stadt ziehen dürfen, das habe ihn das Leben gekostet. Städter sind alle Mörder. Er meinte uns.
Der Sheriff wirkte wie eingestöpselt. Als hätte er die Texas-Ranger-Nummer geboostet. John-Wayne-Neurochemie auf Dauerempfang. Nehmen Sie einen Ausbildungsoffizier, boosten sie den mit einem Befürworter der Todesstrafe und das Resultat mit einem Dobermann, dann haben Sie diesen Sheriff. Brust raus. Daumen in der Gürtelschnalle. auf den Hacken seiner Cowboystiefel wippend.
Shot fragte: »Ist schon jemand aufgekreuzt, um Rants Mutter zu ermorden?«
Der Sheriff trug ein braunes Hemd mit einem Messingstern auf der Brusttasche, in der Brusttasche Kuli und Sonnenbrille, das Hemd in die Bluejeans gestopft. Auf dem Stern stand:» Officer Bacon Carlyle«.
O Mann. Shot musste natürlich die peinlichste Frage stellen, die man nur stellen konnte.
Neddy Nelson: Wie ist es möglich, dass der Naturforscher Sir David Brewster 1844 in einem über dreihundert Millionen Jahre alten Sandsteinblock in Devon, in England, einen vollständig eingeschlossenen Metallnagel gefunden hat?
Aus den Aufzeichnungen von Green Taylor Simms: Sieht man Middleton auf dem Flug von New York nach Los Angeles aus der Luft, fragt man sich unwillkürlich, wie an einem solchen Ort Menschen leben können. Versiffte Sofas vor den Haustüren. Autos in Vorgärten. Windschiefe Häuser auf Mauerwerk aus Porenbeton, und überall dösende Hühner und Hunde. Wer es zum ersten Mal sieht, muss den Eindruck haben, es habe sich eine Naturkatastrophe ereignet. Middleton sah aber nie anders aus.
Neddy Nelson: Wie ist es zu erklären, dass Mrs. S. W. Culp, eine Hausfrau in Illinois, als sie ein Stück Kohle auseinanderbrach, darin eingeschlossen ein goldenes Halsband fand?
Aus den Aufzeichnungen von Green Taylor Simms: So öde diese Ortschaften auch wirken, es gibt in ihnen ein großes sexuelles Potential. Nur die schönsten und begehrenswertesten Menschen bleiben hier hängen. Junge Männer und Frauen, die perfekte Brüste und Muskeln entwickeln, noch ehe sie wissen, wie sie sie nutzen können, werden schwanger oder Väter und bleiben im Sumpf der Heimatdörfer stecken. Dieser Teufelskreis sorgt dafür, dass sich an den unscheinbarsten Orten das beste genetische Material konzentriert.