....kann aber überwunden werden!
"Das Buch ist ein fiktionales Werk, das nicht den Anspruch erhebt, die Lehren irgendeiner Kirche darzustellen und will auch keine herabsetzen. Es verweist jedoch auf einige der recht bizarren Widersprüche zwischen dem, wie der Glaube gepredigt und wie praktiziert wird......"
(Aus den Anmerkungen des Autors)
"Das Judasgift" ist die unter dem treffenderen englischen Originaltitel "To speak of Angels" veröffentlichte Fortsetzung des 2004 erschienen Romans "Der Judasfluch" (2001 im Original als "The Coins of Judas") Wie beim 520seitigen Vorgängerband beruhen auch im 684seitigen Sequel mehrere Aspekte auf Tatsachen oder Kirchenlegenden.
Sieben Jahre sind vergangen, seit Augusto Benelli von seinem Amt als Kardinalstaatsekretär und Leiter der Kongregation für Glaubenslehre zurückgetreten ist, um sich in das Kloster San Lorenzo bei Rom zurückzuziehen und sein Nachfolger, der kanadische Kardinal Hewson in den Besitz einer alten silbernen Münze gelangte.....
.....und nun erneut ein realer und spiritueller Kampf zwischen Gut und Böse seinen Showdown findet.
Im Mittelpunkt des vom Verlag mit dem modischen Attribut "Mysterythriller" ausgestatteten Romans (dessen Vorläufer noch schlicht als "Thriller" apostrophiert worden war) steht erneut der "Freie Wille", die Entscheidung zwischen Macht oder Nächstenliebe. Dabei wird der äußere und innere, spirituelle Kampf der Protagonisten von geistigen, nicht körperlichen Wesen, welche in der Heiligen Schrift meist als Engel bezeichnet werden und deren Existenz seit dem 4. Laterankonzil (1215) als eine Glaubenswahrheit gilt, beeinflusst. Daneben wird Symbolen eine besondere Rolle Bedeutung eingeräumt, da sie im Brennpunkt des Materiellen mit dem Immateriellen, des Gewöhnlichen mit dem Außergewöhnlichen, des Menschlichen mit dem Göttlichen in der menschlichen Wahrnehmung zusammenfließen. Auch erfährt der Leser einiges über "Astralebenen" und Engels-Hierarchien und faszinierende Überlegungen, wie den metaphysischen Aspekt der Zeit, die sich als Vergangenheit und Gegenwart immer neu in einem Kreis schließt (S. 254) oder den nahezu quantenphysikalische Ansatz, daß "Alles auf der Ebene des Geistes auch seine Auswirkungen auf die Ebene der Materie hat und umgekehrt". (S. 321). Mit dem Wesen und Charakter der Archetypen, des Ego des Schattens und des Unbewussten in Beziehung zum Bösen (C. G. Jung; Seite. 679) und der Deutung religiösen Fanatismus als Neurose haben auch Aspekte aus der Religionspsychologie Eingang in den Roman gefunden. Mystik und Psychologie sind sich einig in der Erkenntnis, dass "das Selbstzerstörerische dem Bösen immanent ist."
Der Roman offenbart auch eine umfangreiche Recherche hinsichtlich (Kirchen)geschichte und Philosophie, was neben zahlreichen historischen Anmerkungen in der Handlung, auch eine beeindruckende Zitatensammlung offenbart. Jedem der ist den 57 Kapiteln ist ein Zitat z. B. von Hesiod, Plato, Friedrich Nietzsche, Franz Kafka, Jean-Paul Satre usw., aus der Bibel, eine chinesische Weisheit etc. vorangestellt. Neben einer vereinfachten Mafia-Milieu-Studie durchzieht den Roman auch eine äußerst bissige Kritik an der Entwicklungs-, Frauen und Moralpolitik der Kurie, sowie ihrer Prunksucht und Geschäftsüchtigkeit, wenn es z.B. heißt "...je prachtvoller ihre Angehörigen gekleidet sind, desto mehr spiegelt sich darin die innere Armut der Kirche und das Mitgefühl für die bedürftigen" (S. 181) oder von einer "Ökomenischen Modenschau und Sitzordnung für den Himmel" (S. 405), bzw. von "mit Wagenladungen religiösen Krempels auf Safari gehen" (S. 406) die Rede ist. Dies ist verständlich, denn wie seine Nachbemerkungen zu entnehmen (und was besonders löblich) ist, engagiert sich der Autor für die Internationale Hilfsorganisation Plan Deutschland ev.
"Das Judasgift" ist umfangreich, tiefsinnig und komplex und daher keine leichte Unterhaltungslektüre wie andere vor allem actiongeladene Genreromane. Das Szenario ist düster (aber nicht hoffnungslos), bisweilen recht brutal. Die fiktiven Charaktere sind gut entwickelt, die zusammenlaufenden Handlungsstränge bergen manche Überraschung.
5 Amazonsterne für Scott McBains (wer auch immer sich hinter diesem Pseudonym verbergen mag) bisher besten Roman!