"Am Anfang war das Wort..."
...so beginnt der 2003 gedrehte, zweiteilige Spielfilm über die bekannteste Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte. Mit genau denselben Worten
"Am Anfang war das Wort..."
... hat auch der Evangelist Johannes im späten 1. Jahrhundert nach Christus seinen Bericht über das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu eingeleitet. Diese Worttreue findet sich nicht nur zu Beginn wieder, nein, sie macht den gesamten Film aus.
Genau darin lag auch die Absicht des Regisseurs Philip Saville. Sein Werk sollte sich in nichts von der antiken Vorlage unterscheiden. Kein Wort sollte fehlen, keins hinzu gedichtet werden. So hat er einfach den Text des gesamten Evangeliums übernommen.
Man könnte auch sagen: das Drehbuch ist über 1.900 Jahre alt.
Das macht den Film auch so intensiv und echt. Aber eben auch sehr anspruchsvoll. Eigentlich wird immerzu gesprochen: die Dialoge von den Schauspielern und der narrative Teil von einem Erzähler aus dem off. Einfach nur wundvoll ist hier Christopher Plummer im englischen Original. Wenn der mit seinem tiefen Bass tönt:
"In the beginning was the word.", dann könnte ich stundenlang zuhören!
Aber auch der deutsche Erzähler ist r-i-c-h-t-i-g klasse.
Zugegeben, ohne zwischendurch mal auf die Pausentaste zu drücken ist die Wucht der poetischen, tiefgründigen Sprache kaum zu bewältigen. Wer sich aber auf die gehaltvollen Texte einlassen mag, der wird belohnt.
Sicher liegt das auch an Henry Ian Cusick in der Hauptrolle. Der Brite mit den südamerikanischen Wurzeln ist Theaterschauspieler und Mitglied der berühmten Royal Shakespeare Company. Daher sitzt bei ihm auch jedes Wort und jeder Blick. Andere Jesus-Darsteller kommen schonmal ganz gerne völlig weltfremd daher gewandelt. Nicht so Cusick. Der nimmt große, kräftige Schritte, so wie sich das für einen Zimmermann mit ausgeprägtem Hang zu langen Wanderungen gehört. Und er zeigt völlig normale menschliche Regungen, weint, lacht, regt sich auf oder ist enttäuscht.
Übrigens heisst Evangelium "Frohe Botschaft" oder auch "Gute Nachricht." In dieser Verfilmung kommt das endlich auch mal rüber! Ach, was war ich sie alle leid, diese alten Filme mit ihren lauwarmen Jesus-Darstellungen, die einen weder besonders froh stimmen noch irgendwie an- oder aufregen konnten. Bei denen blieb man als Zuschauer viel eher ratlos zurück: Was bitte schön hat die Menschen so sehr an diesem Jesus begeistert? Wieso haben ihn andere wiederum so sehr gehasst?
Mit d-i-e-s-e-r Verfilmung wird alles klar. Ruck-zuck werden wir in die Vergangenheit gebeamt und begegnen ihm quasi persönlich, diesem charismatischen Prediger, der sowohl Liebe verkörpert als auch Autorität (Johannes spricht hier von "Vollmacht").
Wir erleben aber genauso mit, wie ihn das Volk im nächsten Moment umbringen will, können sehen, wie sich Fäuste erheben, hören, wie er "Gotteslästerer" geschimpft wird. Hat er nicht eben behauptet, er und Gott seien eins, quasi ohne Unterschied? Da, schon wieder:
"Wer mich sieht, der sieht den Vater!"
Ja, hier wird wirklich verständlich, warum sich an Jesus die Geister scheiden. Bis heute.
Auch die filmische Atmosphäre ist rundherum gelungen: 2.000 Statisten, naturgefärbte Kleidung, antike Instrumentierung, glaubwürdige Computeranimationen des biblischen Insraels, wohtuende Landschaftsaufnahmen. Alles stimmt. Ok, ok, vielleicht macht Johannes der Täufer einen leicht neben sich stehenden, etwas zu entrückten Eindruck.
Aber da wollen wir einfach mal großzügig drüber hinweg sehen.
Denn alles andere ist Intensivnahrung nach zuviel Fast-Food; eine Infusion für unsere Mainstream-geschwächten Venen.