Doherty verfügt laut Wikipedia-Eintrag über einen qualifizierenden Abschluss in "Classics". Nachdem sein "Jesus-Puzzle" anno 2000 vorübergehend die kanadische Bestsellerliste angeführt hatte, soll der Verfasser u.a. auch Morddrohungen von offenbar hysterisierten evangelikalen Hardliner erhalten haben. Die etablierte Theologie setzte auf ihr längst überholtes Monopol in Sachen Geschichte und Literatur des frühen Christentums. Die Spannbreite der Reaktionen reichte hier von Diskussionsverweigerung (F.C. Bruce: "Wer von einem Christus-Mythos spricht, ist kein Historiker.") bis zur Reaktivierung derjenigen Argumente, die einst in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der ehrwürdige Maurice Goguel (kath. Priester und Professor für Geschichte des frühen Christentums an der Pariser Sorbonne) gegen Paul Louis Couchoud und Arthur Drews aufgeboten hatte. Den alten Goguel in Ehren, aber eine Argumentation wie diejenige von Bruce kann sich die profane Geschichtswissenschaft nicht bieten lassen. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Theologie bestimmte, wer als Wissenschaftler zu gelten hat und wer nicht. Aber auch davon einmal ganz abgesehen: Dass es im Neuen Testament offensichtlich einen Christus-Mythos gibt, ist doch wohl spätestens seit David Friedrich Strauss auch für ernstzunehmende historisch orientierte Theologen "communis opinio". Soll denn wirklich die ganze einschlägige Wissenschaftsgeschichte umsonst gewesen sein, bis Bruce, Thiede und die Evangelikalen kamen.
Gelegentlich ist gegen Doherty auch eingewandt worden, es handle sich beim "Jesus-Puzzle" nur um einen erneuten Aufguss der Thesen von George Albert Wells aus den 80er und frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Dem ist aber nicht so. Doherty entwickelt durchaus eine eigenständige und innovative Perspektive. Mit Wells teilt er lediglich den Ausgangspunkt bzw. die Basis seiner Argumentation:
1) der fehlende Rekurs auf einen historischen Jesus in all jenen Gemeindebriefen, die gemeinhin vor die Evangelien datiert werden (eingeschlossen die sieben Haupt- bzw. "echten" Paulusbriefe), vgl. S. 22. "Die entscheidende Gleichung <Jesus von Nazareth war der Sohn Gottes und der Messias> fehlt in der frühen christlichen Briefliteratur. Von Jesus wird dort nicht gesprochen wie von einem Menschen, der jüngst gelebt hat."
2) die gänzliche Unglaubwürdigkeit der angeblich lukanischen Apostelgeschichte, die bereits von F.Chr. Baur und der Tübinger Schule als "fortlaufende Fiktion" und "mechanisch wie eine Maschine in Bewegung gesetzt" verworfen wurde.
Es handelt sich um altbekannte, aber aus apologetischem Interesse kontinuierlich heruntergespielte Aporien der Urchristentumsforschung, bei der Frage nach dem Zeugnis des Paulus für einen historischen Jesus sogar um die Gretchenfrage der paulinischen Forschung schlechthin. Wer sich daher als Laie nach der Lektüre Dohertys zunächst einmal verwundert die Augen reibt, sollte deshalb nicht davor zurückschrecken, nachbereitend Albert Schweitzers "Geschichte der paulinischen Forschung" heranzuziehen (leider nur noch in Bibliotheken oder antiquarisch bei AbeBooks erhältlich). Dort wird ihm dann nämlich hinreichend klar werden, dass Doherty keineswegs in einem wissenschaftlichen Vakuum argumentiert: Von jeher war auffällig, dass es bei Paulus keine Referenzen auf lehrmäßige Aussagen von Jesus gibt. Stattdessen besteht der größte Teil der Briefe aus Bibelzitaten, die dem Alten Testament entnommen sind. Und was das grundsätzliche Verhältnis Paulus-Jesus betrifft, musste bereits um die vorletzte Jahrhundertwende der berühmte Göttinger Neutestamentler und Mitbegründer der Religionsgeschichtlichen Schule William Wrede das schlichte, aber insbesondere für refomierte Christen um so desillusionierendere Eingeständnis machen, dass das Christusbild des Paulus bereits fertig gewesen ist, ehe er an Jesus glaubte. Sein Schüler Martin Brückner zog daraus umgehend den Schluss, dass Paulus auch überhaupt nur einen himmlischen Gottessohn verkündigt habe. Die wenigen Stellen innerhalb des "Corpus Paulinum", die von Jesus als "vom Weibe geboren" (Gal 1,3) oder als "aus dem Stamme Davids" (Röm 1,3) sprechen, konnten schließlich seit der intensiven philologischen Text- und Redaktionskritik durch die radikale holländische resp. Amsterdamer Schule (Pierson, Loman, van Loon, van Manen) problemlos als ausgesprochen fremdartige, nachträgliche Interpolationen innerhalb eines Gesamtwerkes isoliert werden, in dem Christus eben nicht als in Judäa inkarniert, sondern als spirituelle Emanation aus einer kosmischen Lichtwelt propagiert wird.
Die paulinische Gedankenwelt selbst erklärt der Altphilolge Doherty weniger im traditionell-synkretistischen Sinn der Religionsgeschichtlichen Schule als Judäognosis, sondern vielmehr unter dem großen übergeordneten Paradigma des "Mittler-Sohn-Konzeptes" der mittelplatonischen Religionsphilosophie. Dieses spekulativ-theosophische Metaprinzip eines zwischen göttlichem Urgrund und Welt vermittelnden Gottessohnes oder ersten Gottesgedankens (Idee) resp. Gotteswortes (Logos) kann bis hinauf zu Platos erstem Nachfolger in der Akademie Xenokrates von Chalkedon zurückverfolgt werden. Um die Zeitenwende war es in vielen Hirnen besonders aktiv und brachte in der Interpretation eines Erkenntnis (Gnosis) bringenden Wegbereiters zurück zu Gott eine Vielzahl von Formen, Lehren und Sekten hervor. Hier lag der Ursprung sowohl heidnischer als auch jüdischer Gnosis. Der jüdische Platoniker Philo Alexandrinus (15 a.-40 p.) integrierte dieses Prinzip mittels allegorischer Gleichsetzung mit dem schöpferischen Wort als einem Attribut Gottes in den jüdischen Monotheismus. Dass gerade der hellenisierte Diaspora-Jude Paulus von solchen Vorstellungen unberührt geblieben sein soll, ist schwer vorstellbar. Auch wenn Paulus die Schriften Philos nicht unmittelbar rezipiert haben dürfte, so dachte und dichtete er doch aber auf jeden Fall im Rahmen des seinerzeitigen vulgärplatonischen Weltbildes. Von hier aus identifiziert Doherty denn auch unter Referenz auf den Theologen F.S.G. Brandon (1907-70) die berühmt-berüchtigten "Mächte und Gewalten" ( 1 Kor 2,6-8) mit jenen dämonischen Mächten, von denen man seinerzeit glaubte, dass sie innerhalb der Dreiteilung des genannten Weltbildes in irdische Welt, Planetenreich und Sternenwelt die gefährliche und schicksalsträchtige sublunare Sphäre beherrschten. Paulis Erlöser wurde deshalb - so Doherty - eben nicht in Jerusalem auf Anstiftung jüdischer Priester von römischen Behörden, sondern über den Wolken von Dämonen und Planetengeistern gekreuzigt.
Dohertys Paulus-Kritik kann zwar durchaus als "radikal" bezeichnet werden, greift jedoch nicht auf die von den Epigonen der originären Holländischen Radikalkritik, den Theologen Daughty, Price und Detering, verfochtene Spätdatierung im Rahmen eines markionitischen Ursprungs des gesamten "Corpus Paulinum" zurück. Bereits Wells, wie Doherty ebenfalls Philologe, ging nur von der grundsätzlichen Priorität eines mythischen paulinischen Christus gegenüber dem Jesus der Evangelien aus, die er als nachträgliche Historisierung nach Art eines Theaterstücks mit pseudohistorischer Kulisse und inszeniertem Lokalkolorit erklärte. Auf Projektionen hellenistischer Verfasser des 2. Jhs., die das 1. Jh. und die seinerzeitigen jüdisch-palästinensischen Verhältnisse nicht mehr verstanden, geschweige denn selbst erlebt hatten, verweisen dort nämlich neben der total konstruierten Szenerie mit ihren Widersprüchen im Ablauf selbst vor allem die vielen Ungereimtheiten, was die Rahmenbedingungen und das Anbiente betrifft, wie z.B. anachronistische Titulaturen, eine falsche Geographie, die Voraussetzung römischer statt jüdisch-palästinensischer Agrar- und Rechtsverhältnisse und vieles mehr.
Um die offenksichtliche Kluft zwischen einem historisch vorstellbaren Jesus und dem phantastischen Jesus der Evangelien zu schließen, rekonstruierte die Theologie bekanntlich schon im 19. Jh. die hypothetische Spruchquelle Q. Das Problem dabei ist nur, dass der sogenannte "Q"-Jesus genau wie derjenige des Thomas-Evangeliums zwar spricht, aber nicht handelt, also weder in Palästina umherzieht, noch gekreuzigt wird und aufersteht. Und genau hier bietet Doherty eine alternative Lösung des synoptischen Problems an, worin denn auch seine eigentliche innovative Leistung und auch seine Eigenständigkeit gegenüber Wells besteht. Nach Doherty kam es nämlich Ende des 1. Jhs. zu einem Ideenaustausch zwischen der philonisch-paulinischen Christus-Gnosis (von Doherty unter dem Oberbegriff "Jerusalem-Tradition" subsummiert, was nach Meinung des Rezensenten allerdings Missverständnissen Tür und Tor öffnet) und sozialrevolutionären Vorstellungen der galiläischen Landbevölkerung jüdisch-ebionitischer Richtung (Galiläa-Tradition). Als Ergebnis dieses Ideenaustauschs sei es in einem von Doherty vermuteten Ur-Markus zu einer Verschmelzung von Paulis himmlischem Gottessohn und jener prototypischen Jesus-Figur der galiläischen Weisheitstradition zu einem gemeinsamen Protagonisten gekommen. Um diesen habe dann der Verfasser eines von Doherty vermuteten Ur-Markusevangeliums ein nach Art eines Midrasch angelegtes Mysteriendrama komponiert. Die ursprünglichen Adressaten seien sich dabei noch durchaus der rein allegorischen Intention bewusst gewesen. Erst im 2. Jh.
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