Nach der großen Ausstellung "Die Salier und das Reich" war zu Beginn der 1990er Jahre eine regelrechte Begeisterungswelle für das Jahrhundert der Salier losgebrochen, deren Übergreifen in breite Kreise von Geschichtsinteressierten auf dem Themenfeld der hochmittelalterlichen Königsdynastien bis dato noch kein Beispiel gefunden hat. Das Erscheinen des damaligen Werks "Herrschaft und Reich der Salier" (1991) von Stefan Weinfurter erreichte im Zuge dieser Begeisterungswelle überaus positive Resonanz. Mit "Das Jahrhundert der Salier 1024-1125" (Erstauflage 2004) liegt nach 13 Jahren lediglich eine optisch überarbeitete Neuauflage (!) dieses älteren Buches aus dem Jahr 1991 vor, das in Text, Bild und Gliederung mit seinem Vorgänger absolut identisch ist. Lediglich Titel und Schriftbild haben sich geändert. Auf eine unbedingt notwendige Einbeziehung der bis zu dieser Neuauflage erschienen einschlägigen Forschungsliteratur wurde sowohl im Darstellungsteil als auch im Anhang leider verzichtet.
Von einem neuesten Forschungsstand, wie der am Artikel zitierte Rezensent der populären Mittelalter-Zeitschrift Karfunkel in offensichtlicher Unkenntnis des Entstehungshintergrundes behauptet hat, kann demnach keineswegs die Rede sein.
Das Buch von Stefan Weinfurter stellt sich in textlicher Gestaltung und inhaltlicher Aufbereitung zunächst als fachlich anspruchsvolles Überblickswerk dar. Der Leser wird in einem separaten Anhang über die zu jedem Kapitel gehörige, leider allzuoft veraltete Forschungsliteratur informiert.
In acht Hauptkapiteln werden die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsstrukturen des 11. und beginnenden 12. Jahrhunderts fokussiert, mit denen die Salier während ihrer Regierungszeit konfrontiert waren. Nach einer Einführung in die Hausgeschichte der Salier wird der politische Aufstieg des Geschlechts zur Königswürde geschildert, dabei die zeittypischen Problemfelder der Königswahl, der Herrschaftslegitimation und außenpolitischen Anerkennung durch die Nachbarreiche sowie der räumlichen Herrschaftsorientierung berührt. Im Mittelteil des Buches konzentrierte sich der Autor insbesondere auf den gesellschaftlichen und politischen Wandel des 11. Jahrhunderts. An ausgewählten Beispielen aus dem süddeutschen Reichsteil wird insbesondere die Intensivierung bischöflicher Machtgeltung durch Idee und Realisierung einer Amtsherrschaft verdeutlicht. Wie sich eine solche aber von Fall zu Fall in der Region realisierte wird nur sehr vage für den mittelfränkischen Raum aufgezeigt. Der Aufstieg bischöflicher und kaiserlicher Ministerialen gehört zu einem weiteren Kernaspekt dieses Darstellungsteils, wobei es dort jedoch ebenfalls an wirklich überzeugenden, personengeschichtlichen Beispielen mangelt.
Galt der erste Teil des Buches vornehmlich strukturellen Zusammenhängen und Problemen im hochmittelalterlichen Reich, so widmete sich der Autor im zweiten Teil des Buches hauptsächlich einer personenbezogenen Ereignisgeschichte, die mit den Schlagwörtern "Investiturstreit" und "Fürstenopposition" rubrifiziert werden kann. Richtiggehend stellt der Autor oft genug das autoritative Herrschaftsverständnis der späten Salier als einen gewichtigen Faktor der Konfliktstrukturen heraus. Ein Schwerpunkt wurde hierbei auf die Zeit Kaiser Heinrichs IV. gesetzt, wobei den diesbezüglich ebenso schwerwiegenden und letztlich folgenschweren Konflikten unter seinem Sohn Heinrich V. bedauerlicherweise mit nicht mehr als ein paar Absätzen in einem auf die Fürsten des Reiches bezogenen Abschlußkapitels gedacht wurde.
Als Einstieg in die Materie scheint das Buch in anbetracht des veralteten Forschungsbezugs selbst für den Laien weniger geeignet als noch vor 15 Jahren. Durchweg behält der Autor eine chronologisch narrative Darstellungsform, die es dem Laien erleichtert, bei der Vielzahl an gesellschaftlichen und politischen Problemfeldern den Überblick zu bewahren. Doch jedweder Tiefgang stößt schnell auf Grund. Zwar werden Primärquellen vielfach zitiert und behandelt und damalige (!) Forschungsprobleme genannt. Doch sobald der Autor bei der Beispielanführung die Ebene des Reiches oder den süddeutschen Beispielraum verläßt, schleichen sich Ungenauigkeiten und offene Fragen ein. So haben sich in Mailand zur Zeit König Konrads II. nicht die Valvassoren gegen ihre Herren verschworen; vielmehr haben sich die adeligen Vasallen der beiden Stände (Valvassoren und Kapitane) gegen die Ausweitung der bischöflichen Stadtherrschaft gewandt (H. Keller). In Bezug auf Sachsen steht die Behauptung des Autors, Kaiser Heinrich IV. habe mit dem Burgenbau eine territorialpolitische Durchdringung des Harzraumes beabsichtigt, im Dienste einer uralten Lehrmeinung (Schubert 1997). Bei der Besprechung der Bedeutung des Goslarer Pfalzstifts St. Simon und Judas (Niedersachsen) für die kaiserliche Hofkapelle unter Heinrich III. hat der Autor phrasenweise wörtlich von Josef Fleckenstein (1966) abgeschrieben. Die eminente politische Stützpunktfunktion der Städte Köln, Worms und Speyer für die vielfach bedrängte spätsalische Königsherrschaft sowie die daraus resultierenden Städteprivilegierungen werden dagegen überhaupt nicht thematisiert, was als gravierender inhaltlicher Mangel selbst eines Überblickswerks zu empfinden ist.
Den angeblich umfassenden Informationsgehalt, wie er oft dem Buch attestiert wird, erfüllt das rasch wandernde Streiflicht jedenfalls nicht, mit dem der Autor strukturelle Probleme von Reich und Region im 11. und 12. Jahrhundert sowie historische Details anleuchtet.
Dem allgemein interessierten Laien, der einen Zugang zum Thema salischer Königsherrschaft sucht, kann das Buch von Weinfurter vom heutigen Standpunkt aus nur noch einschränkend empfohlen werden. Der Fachkundige wird auf der Suche nach spezifischen Fragestellungen dieses Werk ob seiner Schwächen in Detail und Forschungsstand ohnehin nur noch mit Zurückhaltung konsultieren können.