100 Jahre Filmgeschichte weltweit will diese Dokumentation bewältigen, damit hat sie sich großes vorgenommen. Mehr als 21 Stunden Laufzeit scheinen üppig bemessen, aber da für die meisten Beiträge ca. eine Stunde reichen muss, wird klar, das die weltweite Filmgeschichte gerade mal angerissen wird.
Weil jeder der 16 Beiträge einen anderen Autor hat (außer USA und Italien, die beide von Scorsese betreut werden), stehen herausragende Dokumentationen neben lauwarmen und gänzlich misslungenen Dokumentationen.
In Bezug auf die Laufzeit finde ich rund ein drittel (USA, Russland, Australien und Italien) begeisternd. Ein Großteil ist mittelmaß, zum einmaligen Schauen in Ordnung, das ich aber nicht ungedingt im Regal stehen haben muss und wahrscheinlich auch nicht mehr angucken werde. Ohne die Beiträge von Scorsese wäre ich von der Box sehr enttäuscht gewesen.
Richtig geärgert haben mich die Dokumentationen über Frankreich und Skandinavien. Ich finde die Autoren der einzelnen Länder haben auch die Verantwortung, die Filme ihres Landes dem Zuschauer näher zu bringen, sie sind so etwas wie Botschafter. Was Godard (Frankreich) und Björkman (Skandinavien) da verzapfen ist unter aller Kanone. Das sind einfach nur auf intellektuell gebürstete, schlecht gemachte Egotrips.
Für 75,- Euro finde ich für die Kollektion zu teuer. 50,- Euro scheinen mir angemessen.
-- DVD 1
USA - Martin Scorseses Reise durch den amerikanischen Film, 225 min.
Scorsese zeigt den anderen, wie es gemacht wird. Seine Faszination für Film springt auf den Zuschauer über und man lässt sich plötzlich für Genres begeistern, die einen vorher nicht interessiert haben (bei mir war das beim Genrebeitrag über Musicals der Fall). Was Scorsese nicht hoch genug angerechnet werden kann, ist, das er sich auf seinen eigenen Geschmack verlässt. Es macht die Dokumentation gerade interessant, dass viele kleinere Filme hier Erwähnung finden. Also nicht die üblichen Verdächtigen, wie Casablanca und Vom Winde verweht! Das soll nicht heißen, dass das schlechte Filme sind, aber wer mit Scorsese die filmgeschichtlichen Trampelpfade verlässt, wird mit neuen Anregungen und Einsichten belohnt. Das vor allem die 1910er bis 1960er Jahre im Vordergrund stehen, empfinde ich nicht als Makel. (5 von 5 Sternen)
Man hat die Möglichkeit sich die DVD mit eingesprochenem deutschen Text anzusehen (wobei die Filmausschnitte wahlweise untertitelt sind) oder in der englischen Originalfassung. Ich finde hier, wie auch bei allen anderen Beiträgen, den eingesprochenen Text eine gute Lösung, die entspanntes Zusehen garantiert.
-- DVD 2
Yang & Yin: Das Spiel der Geschlechter im chinesischen Kino. Ein Film von Stanley Kwan, 79 min.
Davon abgesehen, das das Thema des Films die Geschlechterrollen umkreist und deshalb leider etwas eingeschränkt ist, hält es überraschende Einblicke in eine exotische Kinokultur bereit. Dieser Beiträg ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack. (4 von 5 Sternen)
100 Jahre japanisches Kino. Ein Film von Nagisa Oshima, 52 min.
Schon deshalb nett, da dieser Beitrag im Gegensatz zu den meisten anderen einen chronologischen Überblick bietet, der mit 52 min. natürlich nur zu kurz ausfallen kann. (3,5 von 5 Sternen)
Korea - Kino im Aufbruch. Ein Film von Jang Sun-Woo, 52 min.
Sehr zähe Dokumentation, die, zu Recht, auf die politischen Umstände im Lande eingeht, diesen aber meiner Meinung nach zuviel Gewicht gibt. (2,5 von 5 Sternen)
-- DVD 3
Typisch britisch - ein Film von Stephen Frears. 52 min.
Stephen Frears (Mein wunderbarer Waschsalon) im Gespräch mit Alexander Mackendrick (Sweet smell of success, Ladykillers), Gavin Lambert, Michael Apted (Gorky Park, Gorillas im Nebel) und Alan Parker (Birdy, Angel Heart). Eine entspannt lockere Runde, die sich durch die britische Filmgeschichte plaudert. Die Herren haben dem britischen Kino selber entscheidende Impulse verliehen und garnieren ihre Einsichten mit Filmausschnitten. Teiweise etwas betulich, aber sehenswert. (4 von 5 Sternen)
Irland: Sind wir allein? Ein Film von Donald Taylor Black, 52 min.
Das ist nicht schlecht, das reißt einen aber auch nicht mit. (3 von 5 Sternen)
2x50 ans de cinéma français. Ein Film von Jean-Luc Godard und Anne-Marie Mièville, 52 min.
Es ist in Ordnung, dass Godard kein Freund der seichten Unterhaltung ist, aber musste dabei unbedingt ein völlig unverdaulicher Beitrag herauskommen? Godard beschwert sich darüber, welch wichtige Namen aus der Frühzeit des Kinos alle in Vergessenheit geraten sind. Statt uns mit ein paar dieser Personen bekannt zu machen, serviert er eine wilde Collage aus Texten, Bildern und Filmausschnitten, die spröde an einem vorüberzieht und nach 50 Minuten keine verwertbaren Informationen beim Zuschauer hinterlässt. Dazwischen gibt es alberne Spielszenen mit Michel Piccoli. Godards gekünstelte Selbstbeweihäucherung hat mir das französische Kino keinen Deut näher gebracht. (1 von 5 Sternen)
-- DVD 4
Die Nacht der Regisseure. Ein Film von Edgar Reitz, 87 min.
Ja, ja, die Deutschen als Dichter und Denker: gedankenschwer und zäh, so präsentieren Edgar Reitz und eine illustre Schar deutscher Regisseure und Regiseurinnen den deutschen Film. Fast über die Hälfte der spielfilmlangen Dokumentation fühlt man sich in ein Seminar über den politischen Film versetzt. Die unschöne Videoästhetik reißt leider auch nichts raus. Selbst für den Kinointeressierten nur leidlich spannend. (2,5 von 5 Sternen)
Polen - 100 Years of Polish Cinema. Ein Film von Pawel Lozinski, 61 min.
Lozinski geht mit seinem Beitrag den entgegengesetzten Weg von Reitz. Statt dröger Seminaratmosphäre hat man hier das wahre Leben vor sich, nämlich filmbegeisterte Leute von der Straße, die über ihre Kinoerlebnisse berichten. Sie haben sicher nur einen Bruchteil an Kinowissen, verglichen mit den Profis des deutschen Beitrags, aber ihre Erzählungen, wie das Kino ihr Leben begleitet und manchmal auch verändert hat, ist um vieles eindrucksvoller und aussagekräftiger. Von den Anfängen des Kinos bis etwa in die 80er Jahre reicht der Reigen. Leider sind keine Filmtitel oder Jahreszahlen eingeblendet, aber der durchweg lebendige Überblick unterhält bis zur letzten Minute. (4 von 5 Sternen)
-- DVD 5
Russland - The Russian Idea. Ein Film von Sergej Selyanov, 52 min.
Ein leidenschaftlicher Rundblick auf die bilderstürmerischen Anfangsjahre des russischen Kinos. Vor allem die 1920er und 1930er Jahre sind hier im Fokus. Diese Dokumentation funktioniert von allen anderen am ehesten als Film, da es keine gefilmten Interviews gibt. Der Bildteil besteht ausschließlich aus kommentierten Filmausschnitten. Das russische Kino wollte nicht unterhalten, sein Ziel war, die Welt zu verändern, der Beitrag wird dem Zitat in jeder Minute gerecht. (5 von 5 Sternen)
Indien - And the Show goes on. Ein Film von Mrinal Sen, 56 min.
Auch aus dem Land mit der weltweit größten Filmproduktion kommt ein lauwarmer Beitrag, der uninspiriert Filmausschnitte und Interviews aneinander reiht. Abgesehen von etwas durchgedreht tanzenden Indern in technicolor, die sehr erheiternd sind und der Erkenntnis, wie wichtig die Musikeinlage im indischen Film ist, bleibt nicht viel hängen. Im TV hätte ich den Beitrag wahrscheinlich nach 20 min. ausgeschaltet. (3 von 5 Sternen)
Lateinamerika - Kino der Tränen. Ein Film von Nelson Pereiro dos Santos, 52 min.
Aus den Infos zum Film: Ausgangspunkt ist die Begegnung des jungen Studenten Yves mit dem berühmten alternden Schauspieler-Regisseur Rodrigo Ferreira und ihre gemeinsame Reise zum Mexikanischen Filminstitut. Die Recherche ist eine persönliche Suche Rodrigos: als er vier Jahre alt war, starb seine Mutter in der Nacht, in der sie in Tränen aufgelöst von einer Kinovorstellung nach Hause kam. Welchen Film hatte sie gesehen, bevor sie starb?
Die recht spannende Frage lässt den Film interassant beginnen und melodramatisch enden. Dazwischen ist er zum Teil leider so schmonzettig, wie die uns gezeigten Filmausschnitte aus mexikanischen (?) Filmen der 1940er (?) Jahre. Die Fragezeichen stehen dort, da keine Informationen zu den Ausschnitten eingeblendet werden. (2,5 von 5 Sternen)
-- DVD 6
Skandinavien - Kino der Neugier. Ein Film von Stig Björkman, 50 min.
Ein Patchwork aus Interviews und Filmausschnitten, heißt es sinngemäß im Textteil der DVD. Und genau das ist es, ein Sammelsurium von Themen und Menschen ohne jeglichen roten Faden und mit konfusen Schnitten. Um das Ganze noch zu steigern, laufen sämtliche Filmausschnitte ohne Titeleinblendung und auch die Namen der Interviewpartner werden nicht eingeblendet. So geht der Informationsgehalt gegen Null, obwohl Skandinavien immerhin mit Regiegrößen wie Carl Theodor Dreyer, Ingmar Bergman, Lars von Trier und Aki Kaurismäki aufwarten kann. In der Schlusssequenz sehen wir Aki Kaurismäki mit einem unbekannten Menschen, beide beschimpfen sich derb, in einer offensichtlich gestellten Szene. Wäre Björkman (der Macher des Beitrags) nicht 1938 geboren, könnte man ihn für einen amoklaufenden Filmtstudenten halten. (1 von 5 Sternen)
Australien - 40.000 Years of Dreaming. Ein Film von George Miller, 67 min.
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