Aus der Amazon.de-Redaktion
Als der Roman einsetzt, ist all das bereits Vergangenheit. Denn die von den Gärtnern Gottes prophezeite Flut hat in Form einer plötzlichen Pandemie die Menschheit so gut wie ausgerottet. Zwei Frauen scheinen die einzigen Überlebenden zu sein: Toby, die vor der Katastrophe bei SecretBurgers gearbeitet hatte, dort von ihrem Vorgesetzten sexuell versklavt wurde und schließlich vor ihm zu den Gärtnern geflohen war, und Ren, die als Trapezkünstlerin in einer Art Bordell gearbeitet hatte und die „Flut“ überlebte, weil sie sich gerade in der Quarantänestation ihres Etablissements befand, nachdem ein Kunde ihren Bio-Körperstrumpf zerrissen hatte. Diese beiden Frauen sitzen nun in dem, was von den Gärten Gottes übriggeblieben ist, erzählen sich ihr bisheriges Leben und warten, ob nicht doch noch andere menschliche Wesen überlebt haben…
Das Jahr der Flut ist der erste Roman der großen kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood, der inhaltlich an ein früheres Werk anknüpft: an Oryx und Crake aus dem Jahr 2003, in dem sie bereits ein ähnliches apokalyptisches Zukunftsszenario entworfen hatte und in dem die „Gärtner Gottes“ am Rande auch schon vorgekommen waren. Dennoch ist dies keine Fortsetzung, sondern ein ganz eigenständiges Werk, das lediglich in der gleichen „Welt“ spielt wie der frühere Roman. Diese Welt ist grauenhaft, und das Grauenhafteste daran ist, dass sie bis ins letzte Detail Wirklichkeit werden könnte, wenn wir so weitermachen wie bisher – das ist, natürlich, die Grundaussage des Buches. Doch Atwood kommt ohne erhobenen Zeigefinger aus, und das macht die Lektüre so genussvoll: Der Roman sprüht vor Fantasie und – bei allem Horror – vor skurrilem Humor; diese Mischung aus düsterer Weltuntergangsvision und spielerischer Leichtigkeit ist tatsächlich einzigartig. -- Christoph Nettersheim
Pressestimmen
"Margaret Atwood ist die Queen der kanadischen Literatur." (Literarische Welt )
"Was Margaret Atwood - in jedem Genre - so glaub würdig macht, ist ihre entschiedene Sensibilität, ihre unerschrockene Einsicht und ihr Witz, der dem Schrecken sehr nah ist." (Süddeutsche Zeitung )
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Deutsch von Monika Schmalz
Berlin Verlag
1. Toby. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut
Früh am Morgen klettert Toby aufs Dach, um sich den Sonnenaufgang anzusehen. Sie stützt sich auf den Stiel eines Wischmopps: Der Fahrstuhl hat schon seit längerem den Geist aufgegeben, die Hintertreppe ist glatt vor Nässe, und wenn sie ausrutscht und hinfällt, ist niemand da, der ihr wieder aufhilft.
Als die erste Hitze aufkommt, steigt Nebel aus dem breiten Baumstreifen hoch, der zwischen ihr und der verfallenen Stadt liegt. Die Luft riecht leicht verbrannt, nach Karamell und Tee und ranzigem Grill und brennender Müllkippe nach einem Regenguss, ein Asche- und Ölgeruch. Die verlassenen Hochhäuser in der Ferne sind wie die Korallen eines uralten Riffs - ausgebleicht und farblos, ohne Leben.
Aber es gibt noch Leben. Vögel zwitschern; es müssen Spatzen sein. Ihre kleinen Stimmen sind klar und scharf, Nägel auf Glas: es gibt keinen Autolärm mehr, um sie zu übertönen. Fällt ihnen diese Stille auf, das Fehlen von Motoren? Wenn ja, sind sie glücklicher? Toby weiß es nicht. Anders als manche anderen Gärtner - die verschrobeneren oder womöglich überdosierten - ist sie nie der Illusion aufgesessen, mit den Vögeln sprechen zu können. Die Sonne erhellt den Osten, taucht den blaugrauen Nebel des fernen Meeres in rötliches Licht. Die Geier, die auf den Pfählen der Wasserkraftanlage brüten, breiten ihre Flügel zum Trocknen aus, sie klappen auf wie schwarze Regenschirme. Erst hebt sich einer, dann ein anderer mit der Thermik spiralförmig in die Höhe. Wenn sie plötzlich hinabstürzen, heißt das, sie haben Aas entdeckt.
Die Geier sind unsere Freunde, lehrten damals die Gärtner. Sie reinigen die Erde. Sie sind Gottes notwendige dunkle Engel des fleischlichen Verfalls. Stellt euch vor, wie schrecklich es wäre, wenn es den Tod nicht gäbe! Glaube ich immer noch daran?, fragt sich Toby. Aus der Nähe sieht alles anders aus.
*
Auf dem Dach stehen Blumenkübel mit wildwuchernden Zierpflanzen; auch ein paar künstliche Holzbänke. Es gab einmal ein Sonnendach, unter dem man Cocktails trank, aber das hat der Wind weggeweht. Toby setzt sich auf eine der Bänke, um einen Blick über das Gelände zu werfen. Sie hebt ihr Fernglas, sichtet das Gelände von links nach rechts. Die Lumirosen, die die Auffahrt säumen, sind mittlerweile ausgefranst wie alte Haarbürsten, das lila Leuchten verblasst immer mehr in der zunehmenden Helligkeit. Der Westeingang, das Solargebäude in Lehmsteinoptik, die verknäulte Autoschlange vor dem Tor.
Die Blumenbeete, erdrückt von Gänsedisteln und Kletten, umflattert von riesigen Aqua-Kudzumotten. Die Brunnen, die muschelförmigen Becken, in denen das Regenwasser steht. Der Parkplatz mit einem rosa Golfwägelchen und zwei rosa AnuYu- Spa-Kleinlieferwagen, auf jedem das Logo mit dem zwinkernden Auge. Ein vierter Kleinlieferwagen ist weiter unten in der Auffahrt frontal gegen einen Baum geknallt: Anfangs noch hing ein Arm aus dem Fenster, aber jetzt nicht mehr.
Die breiten Rasenstücke sind überwachsen mit Unkraut. Flache ungleichmäßige Hügel sind unter Seidenpflanze, Berufskraut und Sauerampfer begraben, hier und da sieht man einen Fetzen Stoff, das Schimmern eines Knochens. Dort sind die Leute hingefallen, die gerannt oder über den Rasen getaumelt waren. Hinter einem der Blumenkübel hockend, hatte Toby vom Dach aus zugesehen, aber nicht lange. Einige dieser Leute hatten nach Hilfe geschrien, als hätten sie gewusst, dass sie da oben ist. Aber wie hätte sie ihnen schon helfen sollen?
Eine fleckige Algendecke liegt über dem Swimmingpool. Es haben sich schon Frösche eingefunden. Die Fischreiher und Pfaureiher jagen sie im flachen Ende. Eine Zeitlang hatte Toby versucht, die kleinen Tiere, die hineingefallen und ertrunken waren, aus dem Wasser zu schöpfen. Die grün leuchtenden Kaninchen, die Ratten, die Wakunks mit dem gestreiften Schwanz und der Waschbär- Banditenmaske. Aber jetzt lässt sie sie in Ruhe. Vielleicht bringen sie ja Fische hervor, irgendwie. Wenn das Becken noch mehr zum Tümpel geworden ist.
Spielt sie mit dem Gedanken, diese theoretischen zukünftigen
Fische zu essen?
Sicherlich noch nicht jetzt.
Sie wendet sich dem dunklen Wald zu, der wie eine Mauer das Gelände umgibt, und den Ranken und Farnwedeln und dem dichten Unterholz, sondiert alles mit ihrem Fernglas. Wenn Gefahr kommt, dann von dort. Aber was für eine Gefahr? Sie hat keine Vorstellung davon.
*
Nachts sind die üblichen Geräusche zu hören: das ferne Bellen der Hunde, das Kichern der Mäuse, die Wasserpfeifentöne der Grillen, hier und da das Grumpfen eines Frosches. Das Blut, das in ihren Ohren rauscht: katusch, katusch, katusch. Ein schwerer Besen, der trockenes Laub aufkehrt.
»Leg dich schlafen«, sagt sie laut. Aber sie schläft nicht mehr gut, seit sie in diesem Gebäude allein ist. Manchmal hört sie Stimmen - gequälte menschliche Stimmen, die ihr etwas zurufen. Oder die Stimmen von Frauen, der Frauen, die hier gearbeitet haben, der geplagten Frauen, die zur Erholung und Verjüngung hierherkamen. Die im Swimmingpool plantschten, über die Rasenflächen spazierten. Die vielen rosa Stimmen, getröstet und tröstend.
Oder die Stimmen der Gärtner, ihr Murmeln oder ihren Gesang; oder die der Kinder, lachend, hoch oben auf dem Felsen Eden. Adam Eins und Nuala und Burt. Die alte Pilar inmitten ihrer Bienen. Und Zeb. Wenn einer von ihnen noch am Leben ist, dann Zeb; er könnte jeden Tag die Straße entlangkommen oder hinter den Bäumen auftauchen.
Aber er ist bestimmt längst tot. Es ist besser, so zu denken. Keine Hoffnung zu verschwenden.
Es muss aber doch jemand überlebt haben; sie kann doch nicht der letzte Mensch auf Erden sein. Es muss doch noch andere geben. Aber sind sie freundlich oder feindlich gesinnt? Wenn sie jemanden sieht, wie soll sie es wissen?
Sie ist bereit. Die Türen sind verschlossen, die Fenster verriegelt. Obwohl solche Barrieren keine Garantie sind: Jeder Hohlraum schreit nach Invasion.
Sogar im Schlaf lauscht sie wie ein Tier - nach einer Störung im üblichen Muster, einem unbekannten Geräusch, nach einer Stille, die aufbricht wie ein Felsspalt.
Wenn die kleinen Tiere mitten im Lied verstummen, sagte
Adam Eins, haben sie Angst. Ihr müsst nach ihrer Angst lauschen.
2. Ren. Jahr Fünfundzwanzig, das Jahr der Flut
Hütet euch vor dem Wort. Hütet euch vor der Schrift. Hinterlasst keine Spuren.
Das brachten uns die Gärtner bei, als ich ein Kind dort war. Wir sollten uns auf unser Gedächtnis verlassen, denn was man aufschrieb, war nicht verlässlich. Der Geist wandert von Mund zu Mund, nicht von Ding zu Ding: Bücher konnten verbrannt werden, Papier konnte zerfallen, Computer konnten zerstört werden. Nur der Geist lebt ewig, und der Geist ist kein Ding.
Schreiben, sagten die Adams und Evas, war gefährlich, weil man von seinen Feinden rückverfolgt, aufgespürt und mit seinen eigenen Worten gerichtet werden konnte.
Aber jetzt, wo die wasserlose Flut über uns gekommen ist, wird wohl alles, was ich aufschreibe, sicher genug sein, denn alle, die es gegen mich verwenden könnten, sind höchstwahrscheinlich tot. Ich kann also aufschreiben, was ich will.
Was ich schreibe, ist mein Name, Ren, mit einem Augenbrauenstift an die Wand neben den Spiegel. Ich habe ihn schon ganz oft geschrieben. Renrenren, wie ein Lied. Wenn man zu lange allein ist, vergisst man schnell, wer man ist. Das hat Amanda mal gesagt.
Ich kann nicht aus dem Fenster sehen, es sind Glasbausteine. Ich kann nicht aus der Tür, sie ist von außen verschlossen. Aber ich habe Luft und Wasser, solange die Solaranlage nicht ausfällt. Ich habe immer noch was zu essen.
Ich habe Glück. Ich habe wirklich sehr viel Glück. Da kannst du von Glück reden, sagte Amanda immer. Also, ich tu's. Erstens hatte ich Glück, dass ich hier im Scales war und arbeiten musste, als die Flut kam. Zweitens hatte ich noch mehr Glück, dass ich gerade in...