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Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz [Gebundene Ausgabe]

Michael Scharang


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Der Ehrgeiz zur Dichtung

Michael Scharangs

zweiter Amerika-Roman

Als 1995 Josef Haslingers Roman «Opernball» erschien, debattierte man in Österreich darüber, ob das «unterhaltsame Aufklärung» oder «aufklärende Unterhaltung» sei. Der neue Roman von Michael Scharang, «Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz», tendiert wohl zu erstem, wenngleich die Fülle von skurrilen Erzählungen aus dem heutigen New York der Unterhaltung näher ist als der Aufklärung. Aber das Verdikt «Unterhaltung» ist in der Literaturkritik eine tückische Formel, die auch ein Urteil darüber spricht, wer worin Unterhaltung findet. Um solche Spitzfindigkeiten kümmert sich Scharang kaum in seinem letzten Buch, in dem die heikle Grenzlinie auch ganz woanders verläuft: zwischen literarischem Erzählen und kommentierendem Essay.

«Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz» ist eine indirekte Fortsetzung von Scharangs Roman «Auf nach Amerika» (1992). Dort war der junge Erzähler mit seiner Freundin von Österreich illegal nach Amerika ausgewandert, hatte bei einem Indianerstamm gelebt, kehrte zurück und fand in Wien im Museum für Völkerkunde Arbeit. Seine Freundin Maria hatte eine grössere Karriere gemacht, zuerst in Amerika, dann in Österreich. – Nun, in dem zweiten Buch, ist der Held und Ich-Erzähler immer noch Museumsangestellter und Schriftsteller nebenbei, Maria ist die Freundin bedeutender Männer. Sie sind jetzt 54 Jahre alt, ihre Liebe ist gerostet und gereift. Der Erzähler wollte nur für kurze Zeit nach New York kommen, als Gast in Marias Luxuswohnung und als Pfleger des Hundes eines Universitätspräsidenten, dessen bizarre Sexualität der Leser schon aus dem ersten Buch kennt. Doch die Stadt ist für ihn so attraktiv, dass er ein halbes Jahr bleibt, flaniert, notiert und eine Studie plant, «New York, Hauptstadt des 20. Jahrhunderts». Dann trifft er den kauzig genialen Komponisten Michelangelo Spatz. Zusammen grübeln sie an einer neuartigen Fernsehserie (die frei nach dem Gemälde des berühmteren Michelangelo dem Buch den Titel gibt), liefern aber nur die Idee und kassieren einen Batzen Vorschuss. Ein Haftbefehl erzwingt die Flucht nach Wien ins altgewohnte Schriftstellerleben.

Der Ich-Erzähler dieses Buches hat viel Ähnlichkeit mit dem Schriftsteller Michael Scharang. Einmal definiert er seine eigene Schreibvergangenheit: «Ich schrieb Texte, die den Ehrgeiz hatten, Dichtung zu sein, und Texte, die beanspruchen, Theorie zu sein, und ich schrieb Texte, die beides sein wollten.» Hier scheint ein luzides Selbsturteil die eigene Schwäche anzudeuten. Der Autor will in diesem Buch beides gleichzeitig sein, Romancier und Essayist. Mit grossem Aufwand werden Geschichten erfunden und Theorien erstellt, die einander in einer seltsamen Mischung in die Quere kommen. Die Komik der Erzählungen untergräbt den Scharfsinn der Abhandlungen und umgekehrt. Scharangs Stärke liegt eher in der Theorie, das hat er in vielen glänzenden Essays zu aktuellen Themen bewiesen. Dieser Glanz versandet leicht im Ehrgeiz zur Dichtung.

Er stellt viele kluge Überlegungen zu den heutigen Zeiten an, betreibt Fernsehsoziologie und Urbanistik, kommentiert österreichische Zeitgeschichte und EU-Politik, sinniert witzig über Hundekunde und Krawattentheorie. Aber diese gescheiten Beobachtungen sind immer in Geschichten eingebaut, in Erlebnisse des Ich-Erzählers in der grossen Stadt New York, die phantastisch oder grotesk sein sollen und doch nur gezwungen schrullig sind. Wenn sich die Zufälle gar so häufen und der Erzähler in der billigsten Absteige den genialsten Komponisten trifft, der ihn schon einmal in Wien mit der Geliebten im Bett überrascht hatte, dann sollte der Leser wohl wie Kafkas Verschollener ausrufen: «Das grenzt ja ans Wunderbare!» Doch so wunderbar ist Scharangs Amerika nicht.

Nur an einer längeren Stelle wird der Text wirklich zur Dichtung, zu komprimierter Aussage über die Seelenlage der Figuren: in einem Telefongespräch, in dem die Geliebte Maria dem Erzähler mitteilt, dass ihr Ehemann gestorben ist. Auf einigen Seiten wird hier rückblickend aus dem Leben dieses Mannes erzählt, schmucklos und ohne bemühten Witz. Dann macht der Erzähler eine taktlose Bemerkung. «Sofort entschuldigte ich mich. Doch Maria hatte schon aufgelegt.» – Aber wenn der Held seine Runden durch das romantische Manhattan der Endzeit dreht, vor dem Café Dante stehenbleibt, um «Sonne und Wind ein(zu)laden, mit mir einen Mocca zu trinken», dann ist das nicht das Kolorit für einen spätmodernen Schlemihl, sondern erzwungene Poesie.

Franz Haas -- Neue Zürcher Zeitung


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