Hat das BZÖ nach Jörg Haiders Tod noch eine Zukunft? - Mit dieser Frage beschäftigen sich die schon durch "Jörg Haider - Mensch, Mythos, Medienstar" bekannt gewordenen Kärntner Journalisten Georg Lux und Uwe Sommersguter in ihrem neuesten Werk "Das Jörg Haider Experiment". Dazu haben sie Interviews mit fast allen oder zumindest den maßgeblichen Köpfen im BZÖ geführt und ermöglichen einen bis dato einzigartigen Blick hinter die Kulissen dieses gewagten politischen Experiments.
Eine eher knapp bemessene Einleitung, einige Interviews mit den Granden des BZÖ, dem abtrünnigen FPÖ-Spitzenkandidaten in Kärnten Mario Canori, sowie drei BZÖ-kritischen Beobachtern wie Politikwissenschaftler Peter Filzmeier, Superintendent Manfred Sauer und den ehemaligen stellvertretenden Landesamtsdirektor Kärntens Karl Anderwald, sowie ein Kapitel über die Verschwörungstheorien zu Haiders Tod und eine Chronik zur Geschichte des Dritten Lagers - das sind die Bestandteile des "Jörg Haider Experiments". Wie schon das Vorgängerwerk "Mensch, Mythos, Medienstar", an dem noch Arno Wiedergut beteiligt war, ein Buch das sich sehr offensiv auf eine objektive Darstellung konzentrieren will, einfach in dem man den Aussagen der BZÖ-Mandatare möglichst viel Spielraum einräumt, neuerdings allerdings auch manch renommierten Kritiker zu Wort kommen lässt und sich bis auf kleine Einstreuungen auf eine passive Moderatorenrolle zurückzieht. Ob das Ergebnis nun wirklich objektiv ist, sei dahin gestellt, Fakt ist allerdings viele der Aussagen bleiben unkommentiert und insgesamt ist das Buch, zieht man die Fotos ab, eher schmal ausgefallen und in Hinsicht auf die verschiedenen Blickwinkel auch etwasdürftig.
Was konkret fehlt ist eine breitere kritische Perspektive um das Werk ausgewogen zu nennen, halten sich die verschiedenen Standpunkte von "Beobachtern" und Parteivertretern nicht gerade die Waage. Unterm Strich bleibt der Fokus also auf den Aussagen der BZÖ-Funktionäre Stefan Petzner, Gerhard Dörfler, Josef Bucher, Peter Westenthaler, den Gebrüdern Kurt und Uwe Scheuch, Gerald Grosz, Herbert Haupt, die sehr eindrucksvoll die Unsicherheiten und unterschiedlichen Zukunftspläne innerhalb des Bündnisses zu Tage fördern. Fehlen würden nicht nur der Vollständigkeit halber, sondern auch aus einem vitalen Interesse heraus, Aussagen Ursula Haubners und Ewald Stadlers. Von einem fehlenden ausgeprägteren analytischen Teil nicht zu schweigen, mangels dessen das vorliegende Werk den Eindruck nur sehr rudimentärer Recherchen erregt (abgesehen vom Kapitel über die Verschwörungstheorien zu Haiders Tod). Ein wahres Highlight ist da schon neben diesem Kapitel die Abschrift des fast schon Kabarettqualität aufweisenden High Socitey-Interviews "Dörfler vs. Strache" und Michael Häupls Antwort darauf in der Kärntner Woche.
Möchte man also ein Resümee ziehen, neige ich dazu das Werk als "minimalistisch" zu bezeichnen, wenngleich für mich eben gerade die Interviews den Ausschlag für mein Interesse abgeben. Diese erlauben nämlich wirklich einen guten Überblick zu den potentiellen internen Querelen der BZÖ-Führungsmannschaft, wenn auch ohne Stadler oder Haubner, denen von den Autoren keine Bedeutung beigemessen wird. Abgesehen vom "Kriseln" wird auch einiges über die doch sehr unterschiedlichen Konzepte für die Zukunft des BZÖ und die angestrebte Positionierung verraten. Diese reichen von einer engen Kooperation mit der FPÖ bis zu einer klaren Abgrenzung und von einer Etablierung in der Mitte zwischen ÖVP und SPÖ bis zur Rolle einer liberalen Rechtspartei zwischen FPÖ und ÖVP. Sollte es jedoch das Anliegen des Buchs gewesen sein, tatsächlich eine Deutung der Zukunft des BZÖ in Angriff zu nehmen, so fehlen die notwendigen Statements und Analysen um von der vorliegenden Einseitigkeit weg zu kommen. Selbst dann wäre das Schicksal der Orangen noch ungewiss, weil sich politische Machtverhältnisse wie Autoren und Interviewte anmerken oft innerhalb von Stunden ändern können, man hätte es allerdings versucht oder zumindest eine brauchbare Standortbestimmung zu Wege gebracht. Auch für eine solche Bestimmung des Ist-Zustandes fehlt es dem Werk an der nötigen Substanz, genauso wie in Hinsicht auf eine historiografische Aufarbeitung der Entstehung des BZÖ wenig unternommen wird. Diese bleibt wiederum weitgehend den Aussagen der einzelnen Funktionäre überlassen und damit einmal mehr tendenziell einseitig.
Bleiben also Momentaufnahmen, Zukunftsvisionen und Hoffnungen die ihre Tragfähigkeit allesamt noch beweisen müssen. Von Interesse ist hierbei schon einmal die politische Positionierung des BZÖ, welche Karl Anderwalt sehr treffend mit folgenden Worten beschrieben hat (S. 25) "Jörg Haider hat bei der Gründung des BZÖ im April 2005 wohl eher an eine Strategie gedacht, die dem früheren französischen Außenminister George Bidault nachgesagt wird: In der Mitte regieren und mit den Mitteln der Rechte eine Politik der Linken betreiben." Mit dem obersten Ziel der Stimmenmaximierung natürlich. So sieht es demnach aus, das "Erbe" Jörg Haiders, welchem sich die unterschiedlichen BZÖ-Funktionäre auf jeweils ihre Art und Weise verpflichtet fühlen. Dass die unterschiedlichen Interpretationen von Haiders Methoden und Zielen auch intern so sehr voneinander abweichen mag dann eher darin liegen, dass Haider im BZÖ ein Mittel zum Zweck sah, seine sprunghaften Interessen Gestalt werden zu lassen und so finden sich neben dem liberalen Josef Bucher der das BZÖ nicht als "klassische Partei" verstanden wissen will, sondern eher als Sammelbewegung für die unterschiedlichsten Bürgerlisten und Plattformen, auch Personen wie eben Uwe Scheuch, der das BZÖ schon eher als eine Partei im üblichen Sinne und nicht als alternativ angehauchtes Experiment versteht.
Um auf den obligaten Punkt zu kommen, mit dem das BZÖ es doch immer wieder einmal in die Schlagzeilen schafft, innerhalb der Partei ist man sich alles andere als einer Meinung über ein geregeltes Verhältnis zur FPÖ. Nicht wenige der Interviewten sehen das BZÖ als Sammelbecken der "konstruktiven und zukunftsorientierten" Kräfte, die gestalten wollen anstatt zu versuchen "den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen" und immer gegen alles zu sein, ohne auch einmal Konzepte vorzulegen. In die Regierung will man wieder, so der Tenor, zumindest bei jenen deren Augenmerk nicht alleine auf einer Sicherung der Vormacht in Kärnten liegt. So ist es Uwe Scheuch, der seine Vorstellung einer "Kooperation" für die Anhänger einer Abgrenzung gegenüber Strache provokant formuliert (S. 70) "Das ist der falsche Begriff [...] Es gib inhaltlich viele Gemeinsamkeiten und es wird wichtig sein, aus diesen beiden Gruppierungen so viel Kraft zu schöpfen, dass man regional durchaus einzeln erfolgreich ist und national gemeinsame Erfolge anstreben sollte. Das ist keine Wiedervereinigung, sondern eine sinnvolle Zusammenarbeit, die von Kooperation bis zu enger gemeinsamer Kandidatur reichen kann." Und weiters betont Scheuch "Es wird immer eine Bundesmutter als Partei und Dachorganisation brauchen. Langfristig kann man sich nicht als regionale Partei alleine behaupten, weil man in der politischen Diskussion nicht mehr vorkommt." Ein womöglich tödlicher Widerspruch für das BZÖ, wenn Josef Bucher auf Bundesebene in dieser Hinsicht kompromisslos um Eigenständigkeit bemüht ist, auch von Kärnten, denn (S. 58) "Eine Bundespartei braucht die besten Köpfe, nicht die kärntnerischsten."
Fazit:
Nach der Lektüre weiß man nun nicht was aus dem BZÖ werden wird, auch wenn man nun einigen Szenarien eine höhere Wahrscheinlichkeit zusprechen dürfte. Die Bruchlinien an denen sich die Partei aufreiben könnte, treten nun allerdings deutlicher zu Tage. Trotz vieler Mängel also doch ein Buch mit gewissem Nutzen, wenn man sich für die Standpunkte der maßgeblichen Akteure interessiert.