"Das Ich" ist eine Hommage an die gleichnamige deutsche Kult-Darkwave-Band, die seit über 20 Jahren die elektronische Seite der hiesigen Gothic-Szene entscheidend mitgeprägt hat. Der Band präsentiert zwei Kurzgeschichten, eine in Manga-Form, die andere als illustrierte Text-Geschichte. Beide wurden gezeichnet von Rebecca Jeltsch, die einige noch von ihrem Carlsen-Chibi "A Demon's Kiss" und dem Vampirmanga "Mein untotes Herz" (ebenfalls Carlsen) kennen dürften. Das ganze Buch wurde von "Das Ich"-Frontmann Bruno Kramm mitkonzipiert. Die Band selbst tritt in beiden Storys als ein mysteriöses Dämonentrio in Ärzte-Kitteln auf, das die Protagonisten durch düstere Albtraumwelten hetzt. Für Fans der Band ist das Buch damit sowieso Pflicht und jedes weitere Wort von mir nicht weiter von Belang. Aber schauen wir uns noch etwas näher an, was denn Normalsterbliche von dem Band zu erwarten haben.
"Koma", geschrieben von Anne Delseit, schickt einen jungen Mann durch diverse albtraumhafte Szenarien, immer auf der Flucht von den drei Horrorgestalten, die ihn grinsend ermahnen: "Du kannst nicht entkommen!" Tja, im wesentlichen kann man viel mehr zum Inhalt gar nicht sagen. Jemand mit etwas mehr Hintergrundwissen über die Band kann aus den visuellen Motiven vielleicht noch etwas konkreteres enträtseln. Ansonsten kann man sich eigentlich nur zurücklehnen und den Bilderrausch an sich vorbeiziehen lassen.
Rebecca und Anne schwebte anscheinend so etwas wie ein Musikvideo in Comicform vor, ein interessantes Konzept, dass durch die ansprechenden und technisch einwandfreien Zeichnungen eine eigenwillige Wirkung erzeugt. Rebecca ist fraglos eine sehr talentierte Zeichnerin, und wer einen hübschen Bishounen gerne einmal 70 Seiten lang durch toll gezeichnete albtraumhafte Welten stolpern sehen mag, ohne sich viel Gedanken über die Wie und Warum machen zu müssen, wird an "Koma" sicherlich sein Vergnügen haben.
Mit "Erwachen" wechselt das Buch im zweiten Teil in die illustrierte Prosa. Markus Heitz, einer der erfolgreichsten und mehrfach preisgekrönten deutschen Autoren im phantastischen Bereich, schrieb die Geschichte, die von Rebecca reichhaltig illustriert wurde. Aber ganz ehrlich: mit der Geschichte hatte ich ein wenig zu kämpfen. Sie ist gerade am Anfang extrem brutal und sadistisch. Dass wir die Gewalt hauptsächlich aus Opfersicht vermittelt bekommen, macht diese Episode wirklich verstörend. Definitiv nichts für schwache Nerven! Wer der gegenwärtigen Torture-Horror-Welle im Kino was abgewinnen kann, wird hier aber bestens versorgt-
Glücklicherweise ist Rebecca schlau genug, die Heitz'schen Gewaltexzesse nicht auch noch illustrativ zu unterstreichen. Stattdessen halten sich ihre stilvollen Zeichnungen angenehm zurück und lassen die brutalen Bilder im Kopf der Lesers und nicht auf dem Papier entstehen. Letztendlich haben ihre Manga-Zeichnungen dadurch nicht mehr sonderlich viel mit der Geschichte zu tun, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Rebecca hat mit dem Band bewiesen, dass sie eine sehr talentierte und hoffnungsvolle junge Manga-Zeichnerin ist, die die Szene in Zukunft sicherlich noch bereichern wird. Ich freue mich jedenfalls schon riesig auf weitere Geschichten von ihr.
"Das Ich" bleibt somit eine für Horrorfans sicherlich interessante Veröffentlichung, denn an wirklich erwachsenen Horrorgeschichten hat die deutsche Manga-Szene bisher kaum etwas zu bieten. Aufmachung und Druck sind übrigens tadellos und das Cover wirklich gelungen, ebenso wie die Farbillustrationen im Buch. Die Storys sind zwar nicht ganz mein Fall, aber bei solchen Geschichten scheiden sich nun mal glücklicherweise die Geister. Definitiv einen Blick wert. Treue Anhänger der Band brauchen das Buch eh im Schrank.