Das ICU-Buch ist eine sehr gut lesbare, "runde" und unterhaltsame Einführung in das Denken des Intensivmediziners. Viel Wert wird auf das pathophysiologische Verständnis gelegt; typisch angelsächsisch ist dabei der "barrierefreie" unkomplizierte Zugang. Ein schönes und lohnendes Buch gerade für den Einsteiger. Wertvoll sind durchaus auch die vielen Angaben zur Literatur nach jedem Kapitel, die einen tieferen Einstieg erlauben.
Zum Schatten: Der Autor P. Marino ist aus dargelegten Gründen offenbar Anhänger des hämodynamischen Monitorings mit Hilfe eines Pulmonaliskatheters. Dieses Tool wird auf vielen Intensivstationen nicht mehr oder kaum noch verwendet. Der noch nicht sehr erfahrene Leser fühlt sich mit der Frage alleingelassen, welche Alternativen bzw. Entscheidungsstrategien beim Verzicht auf diese Möglichkeit bestehen. Die Beatmungsstrategien gehen USA-typisch (immer noch) von der volumenkontrollierten Beatmung aus. Es wäre eine mögliche Aufgabe des Übersetzerteams gewesen, sich hier noch mehr einzubringen, als es durch die gelegentlichen kurzen Statements zur Situation in Deutschland der Fall ist. Es handelt sich u.a. deshalb um ein ziemlich amerikanisches Buch mit kurzen Kommentaren zu Unterschieden in der deutschen Auffassung.
Leider hat die deutsche Ausgabe Mängel, die - immerhin bei der 4. Auflage - unverständlich und Ausdruck schlampiger Redaktion sind. Es finden sich zahlreiche kleinere Fehler, gerade auch in Formeln, die sich meistens (aber nicht immer) durch Vergleich der Tabellen und Abb. mit dem Text auflösen lassen. Auch gab es wohl ursprünglich mal eine Durchnumerierung der Formeln im Text, die aber nicht mehr durchgehalten ist und zum Teil eher verwirrt.
Schlussfolgerung: Ich bin froh, dass ich das Buch gekauft und mit großem Gewinn gelesen habe. Das Buch könnte für die nächste Auflage aber inhaltlich und redaktionell neuen Schwung gebrauchen.