Stellen Sie sich vor, eine etwas altkluge Zwölfjährige erzählt Ihnen von einem alten Hotel, in dem sie mit ihrer Mutter lebt und das an einem kleinen, unscheinbaren See liegt. Gäste bleiben weitgehend aus, und weil das Mädchen wie jede ihres Alters ja irgendwie die ganze Welt gegen sich hat, nimmt sie sich die Zeit, einer vierzig Jahre zurückliegenden Tragödie nachzuspüren: damals ertrank ein gleichfalls zwölfjähriges Mädchen im Spirit Lake.
Stellen Sie sich nun vor, Martha Grimes, von der Sie bisher lediglich die "Inspektor-Jury"-Romane gelesen haben, hat diese Erzählung geschrieben: was denken Sie jetzt? "Unglaubwürdig"? "Beides geht nicht"? Das Sprüchlein vom Schuster und seinen Leisten? - Mir hat es sehr gut gefallen, und auch ich kenne die Jury-Krimis. Es gibt, das nur nebenbei, noch ein weiteres, was man als Frau Grimes' "Kontrastprogramm" bezeichnen könnte: "Was am See geschah" (die Titel gleichen sich sehr; wer läßt sich sowas eigentlich immer einfallen?!).- In "Das Hotel am See" (OT: Hotel Paradise, nach dem großmütterlichen Familiennamen der Ich-Erzählerin) gefiel mir nicht so gut, wie altklug und geistig reif die Zwölfjährige manchmal wirkt, aber es ist für einen Erwachsenen und auch als Schriftstellerin sicher nicht leicht, sich in dieses Alter hineinzuversetzen ... auch zählen zu Emmas Bekannten und Verwandten gern etwas zweidimensionale, typenhafte Charaktere, aber die wirken deswegen nicht uninteressant oder gar unsympathisch. Das größte Kunststück gelingt M. Grimes - wie ich finde - damit, eine unglaublich geheimnisvolle Stimmung zu schaffen, die von dem kleinen See und dem leerstehenden Haus an seinem Ufer ausgeht. Alles andere um Emma herum ist sehr "normal", alltäglich und nachvollziehbar mit ihren Augen gesehen, sodaß sich der Leser als "Erwachsener" jederzeit augenzwinkernd sein eigenes Bild machen kann, aber den See und den seltsamen Unglücksfall sieht er gleich wie Emma, und das macht die Atmosphäre so lebendig. Genau dadurch wirkt die Erzählung (Krimi? Thriller? Soziale Studie?) sehr zeitlos.
"Ein Stück Literatur"? Vielleicht ... Jedenfalls ist es eine sehr vielschichtige Erzählung mit viel Phantasie und Gespür für Stimmungen. Ich hatte Orte wie Dr. McCombs Schmetterlingswiese und natürlich das leere Devereau-Haus oder Personen wie Sheriff DeGheyn (der Name!) und die zänkische Helene Baum immer sehr lebhaft vor Augen. Muß es immer nägelknabbernde, sesselkrallerische Spannung sein? Hier weht ein lange zurückliegendes Geschehen wie ein leises, trauriges Echo, das nicht vergessen werden will, in unsere Zeit herüber, und das erzeugt zwar keine große, aber eine unterschwellige und sachte Spannung, was aufzubauen und durchzuhalten vielleicht die größere Leistung ist.