Zuallererst muss ich erwähnen, dass der Film durchaus sehenswert und interessant sein kann, wenn, und das ist die absolute Vorraussetzung, man das Buch nicht gelesen hat.
Denn wer den Roman kennt, kann nur enttäuscht sein. Die Schauspieler sind absolut unpassend ausgewählt: Jodie Foster verkörpert für mich kein junges, starkes, lebensfrohes und umwerfend attraktives Mädchen. Sie wirkt starr, gekünstelt und eingebildet. Die kleine Lilly wirkt durchweg wie ein kleines, unreifes Mädchen; was sich nicht nur auf die Körperstatur zurückführen lässt.
Freud altert nicht im geringsten, obwohl jahrzehnte zwischen der einen und der anderen Szene liegen. Die Haare hat man lediglich grauer dargestellt; für einen uralten Mann sah er aber erstaunlich frisch im Gesicht aus.
Und Susie ist keineswegs hässlich oder unvorteilhaft proportioniert.Ganz im Gegenteil: im Film ist sie die attraktivste Darstellerin.
Die ganze Poesie geht in diesem Film verloren. Wunderschöne, emotionale Szenen werden kurz angeschnitten, gefühllos umrissen und langweilig dargestellt.
Ein gutes Beispiel ist diese Stelle aus dem Buch:
"Dann legte Lilly los und wir konnten sie nicht zurückhalten.[...]Aber selbst diese Störung konnte Lilly drausbringen.Ihr Schrei schien in ihrer Kehle gefangen,sie schien an ihrem Schmerz ersticken zu müssen; wir konnten garnicht glauben, dass ein so kleiner Körper so furchtbare Zuckungen, so gewaltige Laute hervorbringen konnte."
Das war eine von vielen Sachen, die mich sehr bewegt haben. In dem Film ist von Emotionen dieser Art nichts zu spüren. Dort sitzt Lilly und murmelt einfach leise vor sich hin: "Verdammt, verdammt" und damit wird die Szene, ohne jegliche, weitere Beachtung zu erfahren, geschlossen.
Auch ihr Selbstmord geht relativ gefühllos von der Bühne. War es der Moment bei dem man beim Lesen seine Tränen vergoss, schüttelt man beim Film nur genervt den Kopf.
Aber nicht nur Lillys Tod- alle die sterben mussten- Iowa Bob, die Mutter, Egg (oder "Eichen" wie er im Film unsinniger Weise genannt wird) und Freud- taten es recht schnell,und damit war die Sache abgehakt. Es war kein Thema mehr; hat den Verlauf des weiteren Films nicht im geringsten beeinflusst und den Zuschauer nicht weiter bewegt.
Frannies Vergewaltigung,welche einen Hauptbestandteil des Buches ausmacht, wird auch im Film wieder aufgegriffen. Aber es gelingt nicht den Charakter Frannie so darzustellen,wie er ist: komplex und kompliziert- nach außen kühl und abgeklärt, im inneren ein Schlachtfeld, ein einziges Wrack.
Die Liebe zwischen John und Frannie ist nebensächlich und spielt kaum eine Rolle. Die Achterbahnfahrten, die John in dem Buch durchmacht, werden hier völlig außer Acht gelassen.
Viele Sachen werden nicht erwähnt oder durchleuchtet. Zu den Nutten, die man im Buch ausführlich kennenlernt, findet man in dem Film absolut keinen Draht.
Noch dazu sind einfach viele, ich möchte es mal so ausdrücken, Unwahrheiten im Film. Sie haben sich im Buch ganz anders zugetragen.
Der versuchte Anschlag auf die Oper war auch nur eine Sache von 5 Minuten. 5 lächerliche Minuten, in denen das Leben in Wien beendet wird, sie alle zu Volkshelden avancieren, Freud stirbt und der Vater für immer erblindet.
"Bleibt weg von offenen Fenstern" ist ein gut gemeinter Rat. Aber dieser Film hat es nichteinmal geschafft überhaupt ein Fenster zu öffnen.
Wie sagte Iowa Bob immer?("Wer ist das?" werden sicher die fragen,die nur den Film gesehen haben) "Du musst besessen werden und besessen bleiben!" Darum geht es in dem ganzen, umfangreichen, komplexen und wunderschönen Werk von Irving. Der Film schafft es kaum an der Oberfläche zu kratzen.