"Wegen des "profanen" Charakters wurde immer wieder die Frage nach dem theologischen Ort der Liebeslyrik des Hohenliedes im Kanon der Heiligen Schriften des Judentums und des Christentums erörtert. Die Tradition hat die Frage über Jahrhunderte hinweg mit der so genannten allegorischen Auslegung beantwortet. Sie zeigt sich im Judentum bis heute darin, dass das Hohelied als Festrolle beim Pessach-Fest gelesen und so die Befreiung Israels als Erweis der Liebe JHWHs zu seinem Volk gedeutet wird. Die neuzeitliche Bibelkritik setzte demgegenüber das so genannte natürliche Verständnis des Hohenliedes durch. Erst in jüngster Zeit gibt es Versuche, die Alternativen "allegorisch"-"natürlich" zu überwinden. Gerade die im poetologischen Interpretationsmethoden bieten die Möglichkeit, die anthropologische und theologische Multiperspektivität dieser erotischen Poesie zur Sprache zu bringen."
Salomon hat seine Psalmen und seine Verse des Hohelied etwa 400 Jahre vor Pindar geschrieben; dieser verfasste im alten Griechenland die Hymnen des Ruhmes. Salomon lebte im 9 Jahrhundert vor Christi, einziger Nachweis bis heute ist die Bibel. Bekannt sind die Sprüche, die Bücher der Weisheit und das berühmte salomonische Urteil. Die wohl endgültige Fassung des Hohelieds wird auf das 4. JH v. Chr. datiert.
Salomon jedoch im Hohelied, in seinen Liedern der Liebe, singt die Hymnen der Liebe. "O, wenn er mir, mir winkte!" Doch der König hat sie in seiner Kammer. Sie jauchzet, sie erfreut sich an ihm. Und weiter: "O sage mir, Den meine Seele liebt, Wo weidest du? Wo lagerst du? Am Mittag? -" Hier ist alles, Duft, Salben, Wein, Freuden, Lieder des Orients. Und Goethe nahm sie auf, diese Lieder der Liebe für den West-Östlichen Divan. Nun, das Hohelied Salomons ist Inspiration, ist Vorbild für Dichter und Denker und dennoch scheint die Bibel verpönt von Nicht-Wissenden, die hier für die Holden das Wort finden, was der / dem Liebsten gebührt. "Wenn ihr sie weckt! Wenn ihr sie regt! Meine Liebe, Bis es ihr gefällt." "Wie schön bist du, Und wie lieblich bist du, O Liebe in der Lust."
Das alles ist das Hohelied, Lust auf die Bibel? Ein Beispiel: (Übersetzung von Jörg Zink)
Ich schlief.
Mein Herz aber wachte:
Horch, da klopft mein Geliebter!
"Öffne mir, Liebste, meine Freundin,
meine Taube, meine Reine!
Nass ist mein Haupt vom Tau,
mein Haar von den Tropfen der Nacht!"
"Ich habe mein Kleid schon abgelegt,
wie sollte ich's wieder anlegen?
Meine Füße habe ich gewaschen,
wie sollte ich sie wieder beschmutzen?"
Durchs Riegelloch
steckte mein Geliebter die Hand,
mein innerstes Herz bebte ihm entgegen,
So stand ich auf, dem Geliebten zu öffnen,
mit Händen, die die Liebe trieb,
mit Fingern, die von Myrrhe troffen
am Griff des Riegels.
Ich öffnete meinem Geliebten,
da war er verschwunden!
Verzweifelt war meine Seele, erschreckt,
dass er mich verlassen hatte.
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
Ich rief nach ihm - doch keine Antwort.
Mich stellten die Wächter,
die die Stadt durchstreifen.
Sie schlugen mich wund.
Es nahmen mir den Schleier
die Wächter auf den Mauern.
Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems:
Findet ihr meinen Geliebten,
so sagt ihm, krank sei ich vor Liebe!
(5,2-8)