Nach der Lektüre einer sechs-hundert (!) -seitigen Schwarte (von den Autoren etwas selbstherrlich "Bewerbungsbibel" genannt), sehnt man sich gewaltig nach Komplexitätsreduktion. Daher erfolgt meine Bewertung stichwortartig, so kurz wie zweckdienlich und kapitelweise:
1. "AUFTAKT": Quintessenz: Raffen Sie sich auf! Werden Sie aktiv! Trauen Sie sich etwas zu! Was wollen Sie machen? Bewertung: **, Begründung: enthält klassische Tipps (erinnern Sie sich "gezielt an ihre Erfolge", um mental gut drauf zu sein; oder: erklären Sie dem Arbeitgeber "...welchen Gewinn es ihm bringen würde, Sie einzustellen") ansonsten wahrlich wenig Aufregendes.
2. "BESTANDSAUFNAHME": Ziel: anhand von "Orientierungstests" und Fragen eigene Fähigkeiten und Schwächen erkunden, um somit das passende Berufsbild/Unternehmen zu entdecken. So soll es einem auch gelingen, ein Kommunikationsziel zu entwerfen wie etwa 'das kann ich, das bin ich, dorthin will ich...'. Bewertung: ***, Begründung: viele kennen ihre Stärken, Wünsche und Talente ohnehin ganz gut; vielleicht kann jedoch mancher etwas Neues an sich entdecken? PUNKT.
3. "BERUFSERFOLGSSTRATEGIEN": Inhalt: Erklärung von "Erfolg" und Methoden, erfolgreich zu werden durch: Networking, Stellengesuche, Internetrecherche, Telefonieren, Initiativbewerbung. Schlüssel dabei ist die "Sympathie", die man ausstrahlt. Bewertung: ***, Begründung: enthält brauchbare Ratschläge ("sieben Schritte zum Erfolg", Orientierung am Bedarf des Arbeitgebers und seinen dringendsten Problemen), ansonsten redundantes Allgemeinwissen.
4. "BEWERBUNGSWEGE": Inhalt: Stellenanbot, Stellengesuch, Telefon, Internet, Initiativbewerbung, Tipps für den WIedereinstieg nach Karenz. Bewertung: ****, Begründung: ein gutes Kapitel, voller praktischer Tipps (Gesprächsführung am Telefon) und Musterbeispiele für Stellengesuche etc.
5. "ARBEITSZEUGNISSE": ...vermittelt vor allem die formalen und inhaltlichen Soll-Anforderungen an Arbeitszeugnisse. Bewertung: **, Begründung: eigentlich ein lehr- und beispielreiches Kapitel, jedoch eher für Leute, die Personal beurteilen, weniger aber für Bewerber, die solche Zeugnisse erhalten (sie können sie nicht mehr abändern bzw. sich kaum selbst ein Zeugnis ausstellen. Zumindest lernt der Bewerber die Geheimsprache in Zeugnissen kennen und weiß, welche er besser nicht herzeigen sollte...
6. (endlich! S. 244!) --> "BEWERBUNGSUNTERLAGEN": hier wird endlich das Familiensilber aus dem Keller geholt und der Bewerbungswillige erfährt die "essentialia negotii": Aufbau und Umfang der Bewerbungsunterlagen, Lebenslaufdesign, Gliederung, Layout, Papierqualität, Foto, Anschreiben etc. - alles mit kommentierten Beispielen veranschaulicht. Für mich persönlich das BESTE KAPITEL, hier geben sie endlich Vollgas und zeigen Beispiele fixfertiger Bewerbungsschreiben. Zudem: Klärung des Problems der Vermeidung von "arbeitslosen" Lücken im Lebenslauf. Wertung: ****, Begründung: wirklich lesenswert und hilfreich, um endlich ein Bewerbungsschreiben verfassen zu können! ABER: es gibt sicherlich schönere, elegantere und pfiffigere Layouts, als gezeigt werden (Achtung: Ästhetik unterliegt einer stark subjektiven Sicht!!)
7. "EINSTELLUNGSTESTS": hier fängts dicke an: Leistungstests, Konzentrationstests, orthographische Tests, Persönlichkeitstests und gleich weiter zum "Assessment-Center": Rollenspiel, Postkorbübung, Diskussionen etc. Wertung: gute, jedoch etwas entmutigende Darstellung von AC-Verfahren; geht stark in Richtung "knallhartes, rationales Business". Mag tatsächlich in manchen Unternehmen so sein. Dafür eine gute Übung
8. "VORSTELLUNGSGESPRÄCH": klassische Fragen werden erörtert; Tipps zur entspannten Anreise gegeben sowie zum seriösen Auftritt. Zudem wird ein Musterbeispiel eines möglichen Gesprächsablaufs gegeben. Gut ist die Einführung in persönlichkeitspsychologisches Grundwissen und der Abschnitt "Gehaltsverhandlung", ansonsten zu aufgebläht. Wertung: ***
9. der "ARBEITSEINSTIEG" (S. 560ff) mag manchen nun gelungen sein. Dazu kommen nun Tipps zu Konfliktmanagement, Organizational Behavior und, weils irgendwie doch nicht ganz gereicht hat: Tipps zur Vermeidung des "Abreitsplatzverlusts" Wertung: * wie bitte? ja, denn wer mit der "Bibel" immer noch zu scheitern droht, kauft vielleicht doch lieber die Bücher der Konkurrenz!
Mein Resumee: Gut und zweckdienlich für Bewerbungsneulinge, günstig aber stark aufgebläht, praktische CD-Rom als Beigabe.
Tipp 1: Markieren Sie sich die wirklich wichtigen Textstellen fett mit Textmarker - schon während des erstmaligen Lesens! Oft reicht es dann, diese Textstellen als "Merksätze" herauszuschreiben anstatt ein ganzes Kapitel nochmals zu lesen.
Tipp 2: Kapitelweise lesen! Pro Tag ein Kapitel, ansonsten kann sich ohne die vorherige Einnahme hoch dosierter Psychopharmaka eine seltsame Art von Aversion gegen Buch und/oder Arbeitswelt einstellen.