Remco Campert Das Herz aus Seide Arche Verlag
ISBN 3716023655
Der schon sehr alte Maler Van Otterlo lebt in seinem Haus fernab allen kulturellen Getriebes der Welt und sinniert mit seinem ebenfalls betagten Malerfreund Jongerius Jr. über das vergangene Leben nach.
Beide waren bekannte und erfolgreiche Künstler, die zu ihrer besten Zeit anerkannt und berühmt waren und ihre Werke in vielen Ausstellungen vertreten fanden. Van Otterlo ist verbittert, weil alles vorbei ist. Ihn ärgert noch heute, dass seine Freundin Cissy ihn vor langer Zeit verlassen hat, die einzige seiner vielen Freundinnen, die ihm wirklich etwas bedeutet hat. Nach der Trennung von ihr, zwanzig Jahre ist das her, hat er nie wieder ein gutes Bild gemalt. In einem langen Monolog beklagt er sein Alter, das ihm nur noch in der Erinnerung schöne Momente ahnen lässt. Er ist gebrechlich und mag nirgendwo mehr hingehen.
Jongerius Jr. ist noch etwas beweglicher und mahnt ihn, ebenso wie sein Arzt Friso, dass er sich doch noch einmal bewegen solle. Auch seine Halbschwester Bettina, die sich seiner annimmt und ihn pflegt, wäscht und versorgt, rüttelt ihn auf zu einer Fahrt ans Meer. Als er zurück ist, merkt er, wie sehr er sich in seinen vier Wänden eingerichtet hat und alles Beschwerliche von ihm gehasst und gemieden wird.
Die Malerei und der Ruhm, das war sein Leben. Hat er womöglich zu seiner Verlassenheit und Altersisolation selber beigetragen, weil es für ihn nur die Besessenheit des Malens gab?
Als er vom Tod Cissys erfährt, bewegt er sich langsam aus seiner Erstarrung und ihn überkommt der Wunsch, noch einmal ein großes Werk zu schaffen.
Es ist eine traurige, zuweilen in der Monotonie der Nörgelei auch komische, Altersstudie, mit der uns Campert konfrontiert. Im Gegensatz zu allen schönen Versprechungen der Altersforscher ist das Alter hier mehr Last als Lust.
Verluste und Erinnerungen lassen unwiederbringlich die Erkenntnis wachsen, dass all das Vergangene dahin ist.
Und dennoch... es scheint noch etwas zu geben!
Campert ist ein wunderbar einfühlsamer Poet, der zu Papier bringt, worüber nicht gerne gesprochen wird. Obwohl die Geschichte in weiten Teilen in einem langen Monolog stattfindet, bleibt die Erzählung nahe am Leben. Sie ist von einer mürrischen Alterskomik und versöhnlicher Verbindung zwischen ihm, seinem alten Freund und der Halbschwester Bettina. Die Gedanken und Gespräche rücken eine vergangene Zeit mit Krieg, Zerfall von Familie und der eigenbrötlerischen Entwicklung eines ganz seinem Werk verpflichteten Künstlers ins Bewusstsein.
Schon mit seinem Buch >Eine Liebe in Paris < hat Campert die Kunstfertigkeit der Altersreflexion bewiesen.
Wieder ist dieses ein lesenswertes, schönes und poetisches kleines Werk.