Im Westen nichts Neues - bei Judith Lennox leider auch nicht. In ihrem neuesten Werk greift sie wieder einmal auf ausführliche Beschreibungen des Zweiten Weltkriegs zurück, diesmal nicht nur aus englischer Sicht, sondern sie begibt sich auch nach Ostpreußen. Nur leider gibt es hier schon wesentlich bessere Romane, man denke nur mal an Christine Brückners "Poenichen" und Charlotte Links "Sturmzeit". Ständig hat man das Gefühl, alles schon einmal gelesen zu haben, was bei dem Thema auch kein Wunder ist. Hat ja selbst Judith Lennox schon unzählige Bücher zu dem gleichen Thema geschrieben, so wird hier nur jeder enttäuscht werden, der schon einiges von ihr gelesen hat.
Für Neueinsteiger allerdings bietet sich hier wieder eine fundierte und gut erzählte Geschichte, Judith Lennox vermag zu fesseln und abwechslungsreich zu erzählen, sie schildert ihre Geschichte meistens aus der Sicht von mehreren Hauptpersonen. Diesmal treffen wir auf Kay und Miranda, auf Tom und Edie und manchmal auch auf Olivier. Kay wird von Mirandas Vater als Gesellschafterin für seine Tochter engagiert, allerdings freunden die beiden sich sehr schnell an und Kay ermöglicht Miranda Freiheiten, die ihr Vater gar nicht gerne sieht. Für ihn ist seine Tochter hauptsächlich eine Figur in einem Schachspiel, sie hat sich standesgemäß zu verhalten und den aussichtsreichsten Bewerber zu heiraten. Unpassend verliebt sie sich in Paris in den jungen Filmemacher Olivier, der immer ihre große Liebe bleibt. Als ihr Vater dahinter kommt, entlässt er Kay umgehend und ohne Geld, ihr bleibt nichts weiter übrig, als wieder nach Hause zu gehen und sich eine neue Stelle zu suchen. Als sie ohne Geld für eine Fahrkarte am Bahnhof sitzt, lernt sie Tom kennen, der auch ein bisschen ziellos durchs Leben geht. Sofort verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft, die ihr Leben lang halten wird. Edie ist Toms erste Freundin, als sie allerdings heiraten, er aber lieber wandern möchte, trennen sie sich und sie heiratet Charles, der ihr Sicherheit und eine Familie bieten kann.
Um ihrem Vater zu entfliehen heiratet Miranda Graf Friedrich von Kahlberg und zieht mit ihm auf sein Gut in Ostpreußen. Man kann sich sehr gut vorstellen, was dann passiert, immerhin spielt der Hauptteil des Buches im Zweiten Weltkrieg. Miranda muss schließlich fliehen, wie alle anderen marschiert sie in klirrender Kälte, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Eingezwängt in Flüchtlingsströmen wartet sie auf überfüllten Bahnhöfen auf Züge, die nicht mehr fahren. Schließlich muss sie auch noch über das zugefrorene Haff wandern, ein Ereignis, welches schon in vielen Büchern geschildert wurde. Zu Anfang des Krieges wird auch einiges aus Oliviers Sicht geschildert, er kommt allerdings nicht sehr häufig zu Wort.
England im Zweiten Weltkrieg, man hat den Eindruck, Judith Lennox kann über nichts anderes schreiben. Immer wieder wird er in epischer Breite geschildert, das Entsetzen, die Schrecken und das Menschenunwürdige eines Krieges besonders hervorgehoben. Die Autorin kann schreiben, ihr Stil fesselt und liest sich flüssig, aber die Themen wiederholen sich doch sehr in ihren Büchern. Und in diesem ganz besonders, da wiederholt sie nicht nur ihre eigenen Bücher, sondern auch noch viele von anderen Autoren. Im Nachwort hat sie erwähnt, wie sie als Recherche zu den wichtigsten Orten gefahren ist und das merkt man dem Buch auch an. Liebevolle Kleinigkeiten spielen oft wichtige Rollen, immer wieder werden bildhaft Orte und Landschaften beschrieben, man kann buchstäblich in Ostpreußen den Wind durch das Schilfgras rauschen hören.
Judith Lennox selbst sagt über ihre Bücher, dass sie sich mit Familiendynamik, den Bündnissen, die geschmiedet werden und mit der Liebe und der Treue, die sehr wohl neben dem Wunsch, ebendem zu entfliehen, bestehen können, beschäftigt. So geht es ihr immer wieder um die Suche nach Selbstverwirklichung und Erfüllung, aber auch um die daraus entstehenden Konflikte innerhalb der Familie. Dem kann man ohne Einschränkung zustimmen, es geht hier nicht um die politischen Hintergründe, sondern um die Familie und Freunde, um Zusammengehörigkeit und den immerwährenden Wunsch, glücklich und geliebt zu werden.
Der Schluß lässt keine Fragen offen, Lebenswege werden zusammengeführt und auch wieder auseinander gerissen, aber die Liebe und Freundschaft überdauert alles. Das Cover ist sehr schön, man kann sich darunter einen lauen Sommerabend auf einem ostpreußischen Gut vorstellen.
Fazit
Für Fans von Judith Lennox bekannte Kost, stimmungsvoll und spannend in Szene gesetzt. Für alle anderen ein Zeitdokument über eine der grausamsten Epoche unserer Zeit, die auf keinen Fall vergessen werden sollte, aber auch nicht über Gebühr aufgewärmt werden soll. Eingebettet in sympathischen Charakteren und Familiendynamik bekommt man einen guten Überblick über die Grausamkeiten des Krieges, der allerdings auch nicht allzu sehr ins Detail geht. Zwischenmenschliche Beziehungen sind der Autorin immer wichtiger, auch hier lebt und leidet man mit den Protagonisten über mehrere Jahre hinweg.