Mit dem "Herz eines Boxers" verließ Westernhagen radikal die gewohnten Pfade. Statt eingängigem Deutschrock mit Blues-Einschlag ging es plötzlich experimentell Richtung 80er und Neue Deutsche Welle. Diese brachiale Abkehr vom alten Sound musste sein, zu sehr hatte sich Westernhagen nach den drei vorherigen Alben festgefahren ("Stinker" war nur noch ein dünner Abklatsch von "Sekt oder Selters"). Der Imagewechsel musste also sein - nur leider hat dieser Versuch nicht funktioniert: "Das Herz eines Boxers" ist aus künsterlischer und musikalischer Sicht ein größtenteils gescheitertes Experiment.
Dabei sind manche Texte durchaus stark, z.B. bei der persönlichen Abrechnung mit den "Journalisten", dem etwas schrägen "Was ist los mit mir" oder der Single-Auskopplung "Ich hab keine Lust mehr im Regen zu steh'n". Aber musikalisch ergeben die Keyboard-Einflüsse, die Experimente mit Reggae-Sounds oder die eigenartigen Kirmes-Klänge einen Klang-Mischmasch, der weder zu Westerhagen passen möchte noch in irgendeiner Weise nachhaltig die Zeit überdauern konnte. Westernhagen wollte innovativ und modern sein, und hat ausgerechnet damit ein Album erschaffen, welches eine anhaltende Phase der Bedeutungslosigkeit einläuten sollte (gemessen am kommerziellen Erfolg).
Mir persönlich gefallen "An den Händen einer Hure", "Dass da was war" sowie mit Abstrichen "Was ist los mit mir" und "Ich hab keine Lust mehr im Regen zu stehen" ganz gut, mehr geht aber wirklich nicht. Zu wenig Rock'n'Roll, zu wenig Malocher, zu wenig Dreck - einfach zu wenig Marius. Unterm Strich ist "Das Herz eines Boxers" nur etwas für MMW-Komplettisten; alle anderen sollten zu den (zahlreichen) besseren Alben greifen.