Girard versucht in dieser Monographie die psychodynamischen Prozesse zu erhellen, welche der menschlichen Gewalttätigkeit zugrunde liegen. Zu diesem Zweck greift er auf altphilologische, ethnographische und tiefenpsychologische Methoden und Forschungserträge zurück. Sein Gegenstand ist das sakrale Opfer.
Girards Ausgangspunkt ist, daß im Menschen eine "wesenhafte Gewalt" existiert, deren Ursachen unbekannt sind. Sie herrscht im Begehren vor, wird externalisiert und wirkt dann von außen auf den Menschen ein. Ihrer wahren Natur nach ist die innere Gewalttätigkeit Blutrache. Diese setzt die Existenz der Gesellschaft insgesamt aufs Spiel und wird, solange noch kein Gerichtswesen vorhanden ist, in einer "Opferstellvertretung" bewältigt. Das Opfer schützt die gesamte Gemeinschaft vor ihrer eigenen Gewalt, es lenkt die aus nichtigsten Anlässen entstehende und hochgradig ansteckende (daher "mimetische" - nachahmende - Theorie) innere Gewalttätigkeit der Menschen auf andere Opfer außerhalb ihrer selbst und stellt die Harmonie innerhalb der Gemeinschaft wieder her. Wird das Bedürfnis nach Gewalt nicht gestillt, ergießt es sich mit vernichtender Gewalt in die Umgebung.
Ordnung, Frieden und Fruchtbarkeit gründen auf kulturellen Unterschieden. Beim Übergang von einer archaischen religiösen zu einer modernen staatlichen und gerichtlichen Ordnung gerät der Opferkult in eine Krise. Ein Entdifferenzierungs- bzw. Entstrukturierungsprozeß wird losgetreten, in dessen Folge die gesamte Kultur kollabiert. Die kollektive Gewalt sucht ein versöhnendes Opfer (Sündenbock), welches die Gewaltspirale beendet und den Kreis der Opferriten einleitet. Riten haben ausschließlich den Zweck, eine erneute Opferkultkrise zu verhindern. Sie sollen die Unterschiede wiederherstellen und festigen. Dies ist die "Gründungsgewalt", welche die kulturelle Ordnung insgesamt gründet: Religion, Inzestverbote, das zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens notwendige Minimum an Gewaltlosigkeit aber auch - durch die Mechanismen von Unterscheidung, Ausschluß und Verbindung - unser Symboldenken, Sprache, politische Gewalt, richterliche Gewalt, Heilkunst, Theater, Philosophie, Anthropologie.
Die 'abendländische Zivilisation' wird von Anfang an durch einen Zustand der Entdifferenzierung beherrscht, der jetzt auf die gesamte Menschheit übergreift. Es entsteht eine seltsame Art von Nicht-Kultur oder Antikultur, die wir Moderne nennen und die sich in einer immer schlimmeren Krise des Opferkultes einzurichten vermag. Doch auch am Horizont der Moderne droht die Maßlosigkeit der Gewalt, die auf den Flügeln der Wissenschaft wieder zu uns kommt. Girard glaubt, daß die Menschheit nur die Wahl zwischen der totalen Vernichtung oder dem totalen Verzicht auf Gewalt hat.
Im Rahmen seiner Theorie erklärt Girard u.a.: die Tabuvorschriften primitiver Völker, die Ambivalenz des Blutes, den Hintergrund ritueller Reinigungen, warum Zwillinge angstbesetzt sind, wie sich aus der gewalttätigen Entdifferenzierung die Mythenbildung und schließlich die tragische Inspiration entwickelte, Phänomene wie Lynchjustiz, Pogrome, 'summarische Gerichtsverfahren', den 'sparagmos', die Zerstückelung des lebendigen Opfers mit bloßen Händen durch einmütige und unbewaffnete Teilnehmer im Dionysos-Kult, das Phänomen des "Rivalen" und des "Doppelgängers", die tiefere Bedeutung der klassischen Tragödien, besonders des Ödipus-Dramas usw. usf.
Selbstverständlich ist Girards Ansatz aufgrund seiner Monokausalität angreifbar, doch bleibt es sein Verdienst, auf eine anthropologische Tiefendimension hingewiesen zu haben, die sich wirklichkeitsfremden pädagogisch-therapeutischen Deutungsbemühungen verschließt. Die menschliche Gewaltttätigkeit ist in der Tat ein aufklärungsresistentes Urphänomen, das gleichwohl in irgendeiner lebensdienlichen Weise bewältigt werden muß. Girard zeigt wie. Sein einzigartig vielschichtiges und komplexes Werk erschließt sich erst nach wiederholter Lektüre, so daß ich dringend zur Anschaffung rate. Als wertvolle Ergänzung ist Matthew ROSSANO: "Supernatural Selection. How Religion evolved" (2010) zu empfehlen.