Mircea Eliade (1907-1986) war rumänischer Religionswissenschaftler und lehrte an der Universität Chicago. Neben seiner beruflichen Karriere verfasste er auch Romane und Essays. Seinen Namen verdiente er jedoch in der Auseinandersetzung mit dem Mythos der ewigen Wiederkehr und der existentiellen Unterscheidung von dem Heiligen und dem Profanen. Was es auf sich hat, mit dieser Gegenüberstellung und der daraus folgenden Frage, wie die Menschheit, geführt von archaischer Präfiguration oder vermeintlich geschichtlicher Selbstbestimmtheit, sich entwickelt hat und in der Jetztzeit präsentiert, ist Zielsetzung dieses Essays. Eliade zeigt in weltumspannenden und eindringlichen Beispielen, wie Riten und Symbole der Religionen weltübergreifend gleich strukturiert bis heute und bis in die vermeintlich religionsfreie Gesellschaft hinein sich halten, vielleicht sogar bestimmend sind.
Der religiöse Mensch kennt zwei Arten von Zeit, die profane und die heilige Zeit, eine verrinnende geschichtliche Zeitdauer und eine Folge von Ewigkeiten. Letztere bilden in den Festen einen heiligen Kalender, eine im Christentum bekannte liturgische Zeit, die kosmischen Ursprungs ist und durch die Werke der Götter geheiligt sind. Da die Weltschöpfung das größte göttliche Werk ist, spielt eben diese Kosmogonie über den Erdball verteilt in nahezu allen Kulturen und Religionen eine vorherrschende Rolle. Das religiöse Fest ist damit nur die Re-Aktualisierung eines primodalen Ereignisses, einer heiligen Geschichte, die in Mythen erzählt wird. Diese Wiederholung ist gleichzeitig eine Nachahmung göttlicher Modelle und damit Ausdruck einer ontologischen Sehnsucht: der Mensch will am Sein der Götter teilhaben.
Löst sich der Mensch aus der Teilhabe an diese ewige Rückkehr zum Ursprung der Dinge, verdunkelt sich die kosmische Religiosität und die kosmische Zeit verliert ihre Bedeutung für das Leben. Die zyklische Wiederholung wird vergessen zu Gunsten einer linearen Zeitbetrachtung und zu Gunsten einer Selbstgestaltung, die, da nicht mehr an das Ur-Sein gekoppelt, sich eine eigene Bedeutung geben muss und darin sich in eine pessimistische Existenz verlieren kann. Im Judentum jedoch wurde die Zeit entgegen der kosmischen Wiederholung in einen Anfang und ein Ende definiert, in der Jahwe als Mittler des Heiligen in die Geschichte der Zeit eingesetzt wurde. Mit Jesus konnte dann die Vollendung beider Sichtweisen geschehen, da Gott sich in Jesus inkarniert hatte und so die Geschichte heilig wurde. Der Anbeginn der Zeit ist damit nicht mehr kosmisch, sondern fällt mit der Gegenwart Gottes in der Welt zusammen.
Profanes Leben entstand immer dort, wo die Bedürftigkeit nach Heil und Segen minimiert war. Die Friedenszeit der Hebräer war eine Zeit, in der sich die Menschen vom einzigen (höchsten) Gott entfernten und wieder sich den Baalen und Astraten zuwandten (Sam 12, 10). In der Gegenwart ist auch diese Entfernung von Gott (einem Gott) sehr deutlich und doch zeigen sich die alten Rituale und Mythen versteckt in diesem Leben. Diese Patterns der ursprünglichen Initiation zum Heiligen sind heute sehr säkular zu sehen. In dieser modernen Welt konnte sich der a-religiöse Mensch voll entfalten. Der Ablehnung der Transzendenz folgt die Relativität der Realität, der Mensch macht sich selbst, wie es Sartre in seiner Philosophie des Existentialismus beschrieb. So ist der profane Mensch eine Entsakralisierung der menschlichen Existenz. Doch eben eine verkappte Mythologie zeigt sich in den Neujahrsvergnügen, in Hauseinweihungen oder Hochzeiten. Das Kino macht sich als Traumfabrik viele Mythen zunutze, kämpfen doch die Guten gegen die Bösen, werden Ungeheuer und Drachen eliminiert und treten paradiesische Landschaften zum Vorschein. Selbst die Lektüre von Romanen oder Sachbüchern ist nicht mehr als ein Heraustreten aus der Zeit, ein Sich-Einfügen in einen anderen Rhythmus und leben in einer anderen Geschichte. Betrachtet man die Kulte des Öko, der Spiritualität etc. findet man die Übereinstimmung, selbst im politisch-gesellschaftlichen Kontext ist die Erlöserrolle der Gesalbten und Gerechten spätestens mit Karl Marx wiederbelebt. Sein Klassenkampf zwischen Gut und Böse ist wie der apokalyptische Kampf zwischen Christus und dem Antichrist. Nacktkulturen und Prinzipien sexueller Freiheit sind nichts anderes als ein Heimweh nach dem Paradies, wie es vor dem Fall war, denn auch zu der Zeit gab es keinen Bruch zwischen Wonne und Gewissen. Von den Therapieformen wissen wir ebenso, dass es Initiationsriten gibt jeweils am Anfang einer Sitzung.
Diese Symbolik macht einerseits die Welt offen im Sinne des Heiligen (Verbindung Erde und Himmel) und auch des Profanen in dem Sinne, dass der Mensch sich dem Allgemeinen und Universellen öffnet. Diese vorrangig unbewusste Wahrnehmung des a-religiösen Menschen bietet dennoch eben aus dem Unbewussten Hilfen für das praktische Leben. Der a-religiöse Mensch bleibt also der Wahrnehmung des Heiligen fähig auf Grund der Erinnerung aus seinem tiefsten Grund. Genau wie der Urmensch, blind nach dem Sündenfall, soviel Erkenntniskraft behielt, die Spuren Gottes in der Welt noch zu finden.
Wie mit "Kosmos und Geschichte" liegt auch hier ein lesenswertes Essay vor, in Folge des ersten jedoch mit einem guten Anteil Wiederholung. Im Mythos der ewigen Wiederkehr ist Mircea Eliade ganz wie Nietzsche im Zarathustra. Die Begrenztheit des historischen Menschen können beide nicht akzeptieren, sie suchen nach Möglichkeiten, sie zu überwinden. Die ewige Wiederkehr des Gleichen wird zum möglichen neuen Daseinsentwurf.
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