"Ehrliche Theologie gesteht ein, dass es auf die Frage nach dem Sinn des Leidens keine Antwort gibt. Wer sie trotzdem versucht, setzt nur Irrlichter auf."
(Alfred Buß, Präses der Ev. Kirche von Westfalen)
Die bereits im Jahre 2007 veröffentlichte Anthologie mit Essays namhafter jüdischer, christlicher und humanistischer Autoren scheint mit ihrem Titel "Das Heilige Nichts" bereits seinen Inhalt, bzw. sein Ergebnis bereits vorweg zu nehmen....
....folgt man Karl Marx, der die Religion als "das verkehrte Weltbewusstsein" bezeichnete oder Sgmund Freud, der sie "Menschheitsneurose" nannte (Seite 15) mag dies ebenso zutreffen, wie im leidenschaftlichen Beitrag Ralph Giordanos, der zum Ergebnis kommt, dass "Gott die Leeradresse des Universums" sei. Bereits im Jahre 1966 im Zuge des Aufkommens der ersten Debatten über das Gottesbild hatte der jüdische Theologe und Rabbiner Richard Lowell Rubenstein mit seinem Buch "
After Auschwitz: Radical Theology and Contemporary Judaism" den kontroversen Begriff des "Holy Nothingness" - dem "Heiligen Nichts" geprägt. Für ihn hatte nicht nur der Gottesbund Israels keinen Bestand mehr, sondern Auschwitz war für ihn der Beweis, dass Gott weder allmächtig noch gnädig oder liebend sei, sondern ein Produkt des menschlichen Geistes....
Da jedoch auch Autoren wie Hans Küng ("Unbedingtes und restloses Vertrauen zu Gott"), Karl Kardinal Lehmann und sogar Benedikt XVI. zu Wort kommen, wird deutlich, dass neben dem Postulat Rubensteins vor allem die "Theozidzee", d. h. die Rechtfertigung Gottes für sein Tun und Unterlassen im Zusammenhang mit der Shoa kontroverser Gegenstand eines Buches sind, dessen Titel man daher auch mit einem Fragezeichen hätte versehen können.
Während sich das erste Kapitel mit der "Gottesfrage", den Fragen nach seiner Existenz und seiner Rolle als Weltenschöpfer und -lenker (A/Theismus, Deismus) widmet, versuchen die Essays des dritten Kapitels Antworten auf die "Sinnfrage" des ungeheuerlichsten Verbrechen desr Menschheitsgeschichte zu geben. Hier ist auch der Herausgeber Tobias Daniel Wabbel mit seinem Aufsatz "Ein Gott der Geschichte?" vertreten. Ausgehend von dem arabischen Sprichwort "Es steht geschrieben" und der Erwiderung Lawrence von Arabiens, dass "nichts geschrieben steht" befasst er sich mit dem Determinismus, dem auch Albert Einstein bis zu seinem Tode anhing. Auch die damals neuesten Erkentnisse zur Quantenmechanik, wie die Heisenbergsche Unschärferelation, konnten den Entdecker der Relativitätstheorie, nicht davon überzeugen, dass kein (quanten)physikalischer Zustand im Weltall vorhergesagt werden kann. Wabbel kommt zum Ergebnis, dass Gott vielleicht der kreative Urgrund des Universums sein könnte, jedoch nicht eingreift und auch künftig nicht eingreifen wird, weil nur der Mensch seines eigenen Schicksals Schmied sei. Da Gott in seinen Augen unschuldig ist, fordert Wabbel eine Paradigmenwechsel in der Gottesfrage.
Kapitel zwei befasst sich mit der Schuldfrage. Während sich Dr. Klaus Kühlwein mit der Rolle Pius XII. während des Holocaust beschäftigt, analysiert der promovierte Historiker und Germanist Ralph Georg Reuth die Frage "Woher kam Hitlers Judenhass?". Erschreckend sind Edwin Blacks Ausführungen zu "Amerikas Verbindung zu Hitlers Holocaust", die mit dem "wissenschaftlichen Rassismus" in Form us-amerikanischer Eugenik und einem "politischen Rassismus" der Ford Motor Company beginnen und bis zur technischen Unterstützung der Nazis durch General Motors und IBM ("
IBM und der Holocaust") reichen. "Die Zukunftsfrage" ist das Thema des vierten und letzten Kapitels. Hierbei geht es u. a. um "Die katholische Kirche und das Judentum", "Die Kirchen und der Kampf gegen den Antisemitismus" und das Hauptanliegen des Herausgebers, das er bereits in seinem Vorwort formulierte, wonach es im Bewusstsein des unvorstellbaren Grauens der Shoa in unseren Händen und in der Verantwortung der gegenwärtigen und künftigen Generationen liegt, einen letzten Holocaust zu verhindern und neu aufflammenden Antisemitismus entschlossen zu bekämpfen. Die Schrecken und Abgründe der Shoa zu erinmnern ist der erste und wichtigste Schritt, der Gefahr der Wiederkehr entgegenzutreten.
Zum Abschluss bietet das Buch noch Anmerkungen (Zitate, Quellen)und kurze Biographien der achtzehn Autoren und des Herausgebers.
5 Amazonsterne für eine ausgezeichnete Zusammenstellung kontroverser Plädoyers, die unabhängig von der Frage nach Gott und dessen Verantwortung für die Welt zum selben Ergebnis gelangen: "Nie wieder!"