Mit dem Namen Wittgenstein verband ich bis nach der Lektüre dieser Familienbiographie nur den Namen des in England bekannt gewordenen Philosophen Ludwig. Ich wusste bereits, dass Ludwig sich nicht sonderlich gut mit seiner Familie verstand und sein ererbtes Vermögen seinen Geschwistern schenkte. Ich wusste auch, dass die Familie Wittgenstein sehr musikalisch war. In dieser Biografie von Waugh liegt der Schwerpunkt in der Erzählung des Lebens des um Eineinhalbjahre älteren Bruder Ludwigs, dem zu Weltruhm gelangten Pianisten Paul. Dies ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass Waugh selbst Musik studiert hat.
Am Anfang wird das Leben der Großeltern und Eltern von Ludwig und Paul erzählt, also in Wien ab ca. 1880. Zwei gänzlich verschiedene Charaktere mit verschiedenen Zielvorstellungen sind im Vater Karl und der Mutter Leopoldine aufeinander getroffen und fast alle Kinder waren, wie die Mutter, eher auf der musikalisch-künstlerischen Seite als auf der kaufmännischen. Deshalb gerieten auch hauptsächlich die Buben in Streit mit dem "strengen" Vater, der einen Nachfolger für sein aufgebautes Imperium wollte. Ludwig hatte ja 8 Geschwister, 4 Brüder und 4 Schwestern, wobei sich zwei Brüder das Leben nahmen und 1 Schwester noch im Babyalter starb. Von den Geschwistern neben Paul und Ludwig nimmt Margaret genannt "Gretl" eine sehr wichtige Stellung im Leben der Familie ein. Man bekommt sehr viele Informationen über alle Mitglieder der Familie samt ihren Freunden und Bekannten, aus den höchsten Rängen und Künstlermilieus der Gesellschaft. Musiker wie Brahms, Schönberg, Liszt waren oft zu Besuch bei den Wittgensteins, denn sie hatten in ihrem "Wohnzimmer" 7 Konzerflügeln stehen.
Die Biografie wird in einem geschichtlichen Kontext eingebettet. Besonders geht der Autor auf die beiden Weltkriege ein, sowie auf die Weltwirtschaftskrise der Dreißiger Jahre, weil sich diese geschichtlichen Epochen vehement auf das Leben der Familie Wittgenstein auswirkten.
Trotz Missbilligung vonseiten vieler Familienmitglieder gelang es Paul und Ludwig ihren eigenen Weg zu gehen. Paul verlor im ersten Weltkrieg seinen rechten Arm und spielte trotzdem weiter Klavier, obwohl ihm gerade seine Verwandten nahe legten damit aufzuhören und sich nicht lächerlich zu machen. Ludwig war mehr oder weniger das schwarze Schaf der Familie und als er bereits in Cambridge als Philosoph hoch verehrt wurde, brachte ihn die Familie alles andere als Respekt entgegen, im Gegenteil. Sehr auffallend und gut beschrieben ist, dass sich die Geschwister untereinander überhaupt nicht vertrugen, nicht nur der Vater war von seinen Kindern "entrüstet", sondern auch die Geschwister untereinander schafften es nicht, sich gegenseitig anzunehmen. Jeder hatte genaue Vorstellungen von seinem Leben und diese wurden von den anderen nicht ernst genommen, geschweige denn respektiert und als gut geheißen. Im ersten Weltkrieg waren Paul und Ludwig Kinder ihrer Zeit, die sich von der allgemeinen Begeisterung für den Krieg anstecken ließen. Im zweiten Weltkrieg dann gab es das Problem mit der jüdischen Herkunft und wie viele Familien, glaubten auch die Wittgenstein am Anfang, dass ihre jüdischen Wurzeln nichts mit ihrem jetzigen Leben zu tun hatten und deshalb auch nicht zu einem Problem werden konnten. Dass zwei oder drei der Großeltern jüdischer Abstammung waren, wirkte sich für die Wittgensteins und ihr Vermögen im zweiten Weltkrieg verehrend aus. Seitenweise beschreibt Waugh wie einige Geschwister versuchen das Familienvermögen zu verwalten bzw. zu erhalten, wobei die Geschwister teilweise nur mehr durch den Anwalt miteinander kommunizieren.
Sehr viele Familienmitglieder werden in dem Buch erwähnt und am Anfang des Buches ist zur Orientierung eine Ahnentafel angebracht, die man auch gerne zu Rate zieht.
Diese Biographie ist so spannend geschrieben wie ein Roman und wenn man sich für den einen oder anderen Wittgenstein interessiert, dann bereitet die Lektüre das höchste Vergnügen.