Schon sehr bald bleibt dem Leser das Mitleid mit dem schmalen, blassen Waisenmädchen Edmée im Hals stecken, selbst dann, wenn der Pubertätsbonus berücksichtigt wird. Die Kleine, die es von der Stadt aufs tiefste Land verschlägt, ist, wie ihre heutigen Altersgefährten sagen würden, "ziemlich schräg drauf". Egoismus, Dünkel und ein Hang zur Grausamkeit minus Lebenserfahrung lassen sie einen gefährlichen Weg einschlagen, der die Trostlosigkeit ihrer Existenz, der Leser sieht es mit Beklemmung kommen, mit einem Paukenschlag beenden wird. Zunächst jedoch sehen wir zu, wie das Mädchen, als arme Verwandte in einem einsam gelegenen Haus im flämischen Hinterland, in dem es entweder kalt ist oder regnet oder kalt ist und regnet, an- und zurechtkommt. Es herrscht Aufregung im Haus am Kanal, der Onkel ist soeben verstorben und die Familie befindet sich im Ausnahmezustand. Dennoch wird die Nichte und Cousine trotz Verständigungsproblemen - nicht alle Familienmitglieder sprechen französisch und Edmée nicht flämisch - freundlich aufgenommen. Die Fremde jedoch bleibt mitleidlos zurückhaltend, beobachtend und sieht auf die bäuerliche Verwandtschaft hochnäsig herab. Ihre Langeweile und erzwungene Anpassungsbereitschaft verflüchtigt sich jedoch, als sie bemerkt, dass ihre beginnende Weiblichkeit, die ihr selbst noch nicht vertraut ist, nicht ohne Wirkung auf ihre Cousins Jef und Fred bleibt. Das uralte Spiel mit dem Feuer beginnt und nimmt verhalten seinen Lauf...
Simenon verstand es, seine Leser in ein Wechselbad der Gefühle zu stecken. Noch erhitzt vom Fieber Afrikas in "Tropenkoller" (Band 2 der neuen Non-Maigret-Edition aus dem Haus Diogenes) lässt er uns, und das hat nicht nur mit anhaltend schlechtem Wetter in dieser Geschichte zu tun, nun seitenweise frösteln. Dieser Autor war auch ein ausgezeichneter Heraufbeschwörer von Landschaften und Stimmungen, und, da diese und andere Geschichten vor langer Zeit entstanden , auch von nunmehr vergangenen Lebensweisen und ihren Zwängen.
Dieses Buch ist wie geschaffen für den November, sofern man ein bequemes Sofa, eine warme Decke und, nach Lust und Laune, eine Tasse mit heißem Tee oder Kaffee vor sich hat. Außerdem ist es ein Kriminalroman, auch wenn es bestreitet, einer zu sein, und sei es nur deswegen, weil Maigret darin nicht vorkommt. Der ließe sich von der reizenden Aimée allerdings nicht auf der Nase herumtanzen. Von Fred und Jef auch nicht.
Helga Kurz
29. Oktober 2010