Wie schreibt man über den Krieg und das Handwerk des Tötens?
Paul, Schreiber von Reiseberichten, will einen Roman darüber schreiben. Als Anlass dafür nimmt er den Tod des Journalisten Allmayer, eines Bekannten aus der Studienzeit, der im Kosovo in einen Hinterhalt geraten und umgekommen war. Er schreibt, indem er aus fragmentarischen Bruchstücken vorhandenen Materials eine, seine, Geschichte zu konstruieren versucht. Es soll eine Geschichte werden, in der alles zusammenpasst, stimmig ist, Ereignisse und Emotionen nach seiner Vorstellung, wie ein Roman auszusehen hat, aneinander gefügt werden. Er scheut dabei weder vor Rührseligkeit und Kitsch zurück, noch vor zweifelhaftem Material oder erfundenen Inhalten.
Und darüber schreibt Norbert Gstrein. Er erzählt die Geschichte von Paul und lässt auf diese Art, aus der Position eines nicht identifizierten Ich-Erzählers, die eigentlichen Inhalte gleichsam unter der Hand, nie aus dem Mund oder der Feder Pauls, einfließen. Kurze Episoden über die Ungeheuerlichkeiten dieses Krieges - wie das Huhn, das in einem offenen Schädel herumpickt; die ausgestochenen Augen und Herzen, ohne die die Leichen zu nicht mehr an Menschen erinnernden Kadavern werden; die Journalisten, die sich Leichenhaufen fotogen arrangieren lassen - mischen sich so scheinbar beiläufig in die Erzählung, lassen das Blut unversehens stocken, und gleich darauf muss Paul wieder seine Belanglosigkeiten ausspucken, seine schlecht sitzenden möchte-gern-Pointen, sein falsches Pathos.
Somit dürfte es also nicht nur um die offenen Frage gehen, wie „man" über den Krieg schreibt - denn soviel ist schon klar: die Position des Ich-Erzählers ist die bevorzugte. Damit nicht genug wird Paul in jedem zweiten, dritten Satz, der als Antwort oder Kommentar vom Ich-Erzähler folgt, mit kritischen, abwertenden oder glattwegs negativen Attributen bedacht. Ich frage mich: wozu eigentlich?
In der Widmung Gstreins an Gabriel Grüner zu Beginn des Buches heißt es „...über dessen Leben und dessen Tod ich zu wenig weiß, als dass ich davon erzählen könnte". Warum lässt Gstrein es dann Paul über Allmayer tun? Um zu zeigen, wie man es nicht tun sollte? Und was erzählt mir dann eigentlich der Erzähler? Aufgrund welcher Logik schließlich erhebt sich der Erzähler zu allem Überdruss noch in jene des obergescheiten Besserwissers?
Abgesehen von dem seltsam gezwungenen, ständig um Distanz bemühten Erzählstil, der hier gepflegt und, soviel sei zugestanden, auch konsequent durchgehalten wird, hinterlässt dieses Buch vor allem inhaltlich einen schalen Nachgeschmack und eine beunruhigende Leere.
Was, wenn es gerade diese unterkühlte Distanz, dieses bemühte Besserwissen gegenüber dem allzu Menschlichen trotz eingestandener Unzulänglichkeit der wenigen Fakten wäre, das an der Wurzel dieses Konfliktes gestanden ist? Ist es unter diesen Umständen, angesichts menschlichen Versagens dieser Größenordnung, wirklich die richtige Therapie, noch mehr vom Gleichen zu verordnen? War dieser Krieg nicht schon Katharsis genug?
Vergeblich suche ich in diesem Buch die Objekte der Handwerker des Tötens - die Sterbenden. Die bis zur Vollendung des Werkes immer noch beseelt sind, in diesem Roman aber ausgeklammert bleiben. Für mich nicht die richtige Art über dieses Handwerk zu schreiben. Aber immerhin: es macht nachdenklich.