Kurzbeschreibung
Bertold Ulsamer führt in die Praxis der Hellinger-Familientherapie ein. Er zeigt, wie durch das Aufstellen von Familienkonstellationen Konflikte aufgedeckt werden können. Ausgehend von eigenen Erfahrungen und unterlegt mit zahlreichen Fallbeispielen, reflektiert er die Arbeit und Rolle des Therapeuten, befasst sich mit dem Einsatz der Sprache und erläutert den Umgang mit Emotionen. Ein praktisches Lehrbuch für Therapeuten und alle, die tiefer in die Arbeit des Familienstellens eindringen wollen.
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Grundlagen
Jedes Handwerk hat Grundlagen und Grundhaltungen. Der Schreiner braucht Achtung vor dem Holz als lebendigem Material. Erst mit dieser Haltung wird er seine Werkzeuge geschickt und angemessen einsetzen.
Wer sich mit dem Handwerk des Familien-Stellens auseinander setzt, spricht deshalb sinnvollerweise erst von seinen Grundlagen. Ohne sie bleibt das handwerkliche Können beschränkt und wird zur Mechanik. Erst auf den richtigen Grundlagen kann es sich entfalten und weiterentwickeln.
Wer die Grundlagen des Familien-Stellens anschaut, wird dabei auf manches Bekannte stoßen. Denn erfolgreiches therapeutisches oder beratendes Handeln ähnelt sich in vielen wesentlichen Bereichen. Die Gemeinsamkeiten guter Therapeuten vieler unterschiedlicher Richtungen sind doch - bei allen Unterschieden - recht groß. Beispielsweise ist überall ein guter Kontakt mit dem Klienten die notwendige Ausgangsbasis, um konstruktiv auf ihn einzuwirken. Auch werden die persönlichen »blinden Flecken« eines jeden Therapeuten sein Handeln ungünstig beeinflussen. So ist vieles, was für den Familiensteller als Grundlage wichtig ist, auch in anderen Therapien bedeutungsvoll.
Dennoch gibt es zwei Bereiche, die sich deutlich von anderen Richtungen unterscheiden und die als Grundlagen für das Familien-Stellen entscheidend sind: das »wissende Feld« und die phänomenologische Grundhaltung.
Bevor ich darauf eingehe, stelle ich für diejenigen, denen das Familien-Stellen neu ist, eine kurze Einführung in den Ablauf eines Familienaufstellungsseminars voran.
Der Ablauf einer Familienaufstellung
In offenen Seminaren, so wie ich sie durchführe, treffen sich Teilnehmer, von denen jeder seine Familie aufstellen will. Meistens kommen sie für sich allein, denn die anderen Mitglieder ihrer Familie brauchen sie nicht für diese Arbeit. Manchmal kommen auch Geschwister, ein Elternteil mit einem Kind oder Paare. Seminare dauern meist zwischen zwei und fünf Tagen. Während dieser Zeit stellt jeder Teilnehmer einmal mithilfe der anderen Teilnehmer seine Familie auf. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Aufstellungen, einmal die der Familie, aus der jemand kommt (Ursprungssystem), und zum anderen die des Beziehungsnetzes des eigenen Lebens mit Partnern und Kindern (Gegenwartssystem).
Die praktische Durchführung sieht so aus: Wer aufstellen will, wählt zunächst Stellvertreter für jedes wichtige Mitglied der Familie - und auch für sich selbst. Anschließend gibt der Klient spontan, ohne zu sprechen und ohne jede weitere Erklärung, jedem Stellvertreter der Reihe nach im Raum einen Platz und eine Blickrichtung.
Wenn alle aufgestellt sind, nimmt der Klient wieder Platz. Von jetzt an bis zum Ende der Aufstellung ist er nur noch Zuschauer und beobachtet das, was der Leiter und die Stellvertreter sagen und tun.
Der Leiter bittet die Stellvertreter, sich auf die Empfindungen an ihrem Platz einzulassen. Nach kurzer Zeit fragt er sie einzeln nach ihren Wahrnehmungen. Spannungen, die in der Familie vorhanden sind, kommen dabei ans Licht. Im ständigen Kontakt mit den Rückmeldungen der Stellvertreter sucht der Leiter nach individuellen Lösungen. Diese spiegeln die Ordnungen wider, die Hellinger in seiner langjährigen Arbeit mit Aufstellungen herausgefunden hat. Häufig erweisen sich Lösungssätze als hilfreich, die ein Ausdruck dieser Ordnungen sind.
Eine Aufstellung dauert im Regelfall zwischen 20 und 45 Minuten, aber auch kürzere und längere Aufstellungen kommen vor.
Ziel bei der Aufstellung der Ursprungsfamilie ist es nicht, die unendliche Vielfalt aller Verbindungen in einer Familie aufzudecken, sondern nur die stärkste Verstrickung, in der jemand gefangen ist und die seine Kraft bindet. Insbesondere die Verbindungen mit früh verstorbenen und ausgeschlossenen Familienmitgliedern sind wichtig.
Bei der Aufstellung des Gegenwartssystems geht es darum, früheren Partnern einen Platz zu geben, die Beziehungen zwischen einem Paar selbst und die Beziehungen zwischen dem Paar als Eltern und seinen Kindern zu klären.
Oft ist eine gute Ordnung möglich, bei der jeder sich an seinem Platz wohl fühlt, und die Aufstellung hat ein natürliches Ende. Am Schluss nimmt der Klient dieses neue Bild auf, häufig, indem er sich auf den Platz seines bisherigen Stellvertreters stellt.
- 1 -
Das »wissende Feld«
In Aufstellungen begegnen wir dem Phänomen, dass Stellvertreter Zugang zu einem Wissen finden, das - eigentlich - nur den betreffenden Personen zugänglich sein kann, die sie vertreten. Mit anderen Worten: Die Stellvertreter nehmen Gefühle und Beziehungen der fremden Personen wahr, die sie vertreten. Das ist die wesentliche Grundlage der Arbeit mit Familienaufstellungen, ohne die Aufstellungen nicht denkbar wären.
Der Klient stellt auf, weil er sich in seiner Rolle als Mann unsicher fühlt. Unter den anderen fünf teilnehmenden Männern des Seminars wählt er einen für seinen Vater und einen für sich aus. Auch für die Mutter wählt er eine Stellvertreterin aus. Dann gibt er, ohne dabei zu sprechen, jedem einen Platz im Raum.
Den Vater hat er so aufgestellt, dass dieser nach außen schaut. Auf Nachfragen äußert der Vater (Stellvertreter!), dass er sich schwach fühlt und dass es ihn von der Familie wegzieht.
Auf Nachfragen des Therapeuten stellt sich heraus, dass der ältere Bruder des Vaters im Krieg gefallen ist. Als ein Stellvertreter des Bruders dazu aufgestellt wird, strahlt ihn der Vater an. Zu ihm will er. Auch der Sohn ist erleichtert und glücklich, als er den verstorbenen Onkel sieht.
Wer das erste Mal an einer Aufstellung teilnimmt, gerät ins Staunen. Wie kommen Stellvertreter zu solchen Empfindungen und Reaktionen? Soll das wirklich echt sein? Kann es nicht an der Phantasie der Stellvertreter liegen? Ein liebevolles Theater? Aber es ist nicht immer liebevoll und voraussehbar, was Stellvertreter wahrnehmen.
Die Klientin stellt auf, unter anderem Stellvertreter für ihre Großmutter und deren ersten Mann, den sie im Krieg verloren hatte. Beide schauen sich an. Ich schlage der Großmutter den Satz vor: »Es war schlimm für mich, dass du gefallen bist.« Die Großmutter schaut einen Moment lang. Dann sagt sie spontan zu ihm: »Nein. Ich war froh darüber.«
Solche plötzlichen Aussagen schockieren. Sie waren durch keine weiteren Informationen vorbereitet. Aber stecken hier vielleicht die eigenen Probleme der Stellvertreterin dahinter? Bringt sie ihre persönliche Familiengeschichte mit hinein?
Doch immer wieder bestätigen die Klienten spontan die Richtigkeit dessen, was Stellvertreter ausdrücken. »Genauso ist es in meiner Familie«, heißt es stets aufs Neue. Ja, bisweilen verwendet ein Stellvertreter sogar die Sätze, die ein Familienmitglied immer benutzt hat, steht genau in der gleichen Körperhaltung da oder zeigt dessen Krankheitssymptome, ohne dass vorher darüber gesprochen worden war.
Die Plätze in einer Aufstellung haben ihre eigene Kraft, sodass jeder, der an dieser Stelle steht, ähnlich reagiert. Auch die anderen Stellvertreter reagieren nicht überrascht und befremdet auf solch unerwartete Aussagen wie die obige. Das, was geäußert wird, erweist sich als für alle stimmig.
Dieses Phänomen geschieht in jeder Aufstellung. Albrecht Mahr prägte dafür den Begriff »wissendes Feld«. Es ist ein »wissendes Feld«, das die Stellvertreter mit den vertretenen Personen verbindet und sich im Seminar ausbreitet. Mithilfe dieses »wissenden Feldes« lassen sich Konflikte in der jeweiligen Familie ans Licht bringen und Lösungen finden.
Auch andere therapeutische Richtungen sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Familienmitglieder die Energien der eigenen Familie aufnehmen. So entfalten in einer Familie Schicksalsschläge über mehrere Generationen ihre Wirkung, auch ohne dass den Kindern davon erzählt wird. Das ist an und für sich schon erstaunlich genug. Aber es ist nicht so...
Auszug aus Das Handwerk des Familienstellens von Bertold Ulsamer. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Grundlagen
Jedes Handwerk hat Grundlagen und Grundhaltungen. Der Schreiner braucht Achtung vor dem Holz als lebendigem Material. Erst mit dieser Haltung wird er seine Werkzeuge geschickt und angemessen einsetzen.
Wer sich mit dem Handwerk des Familien-Stellens auseinander setzt, spricht deshalb sinnvollerweise erst von seinen Grundlagen. Ohne sie bleibt das handwerkliche Können beschränkt und wird zur Mechanik. Erst auf den richtigen Grundlagen kann es sich entfalten und weiterentwickeln.
Wer die Grundlagen des Familien-Stellens anschaut, wird dabei auf manches Bekannte stoßen. Denn erfolgreiches therapeutisches oder beratendes Handeln ähnelt sich in vielen wesentlichen Bereichen. Die Gemeinsamkeiten guter Therapeuten vieler unterschiedlicher Richtungen sind doch - bei allen Unterschieden - recht groß. Beispielsweise ist überall ein guter Kontakt mit dem Klienten die notwendige Ausgangsbasis, um konstruktiv auf ihn einzuwirken. Auch werden die persönlichen »blinden Flecken« eines jeden Therapeuten sein Handeln ungünstig beeinflussen. So ist vieles, was für den Familiensteller als Grundlage wichtig ist, auch in anderen Therapien bedeutungsvoll.
Dennoch gibt es zwei Bereiche, die sich deutlich von anderen Richtungen unterscheiden und die als Grundlagen für das Familien-Stellen entscheidend sind: das »wissende Feld« und die phänomenologische Grundhaltung.
Bevor ich darauf eingehe, stelle ich für diejenigen, denen das Familien-Stellen neu ist, eine kurze Einführung in den Ablauf eines Familienaufstellungsseminars voran.
Der Ablauf einer Familienaufstellung
In offenen Seminaren, so wie ich sie durchführe, treffen sich Teilnehmer, von denen jeder seine Familie aufstellen will. Meistens kommen sie für sich allein, denn die anderen Mitglieder ihrer Familie brauchen sie nicht für diese Arbeit. Manchmal kommen auch Geschwister, ein Elternteil mit einem Kind oder Paare. Seminare dauern meist zwischen zwei und fünf Tagen. Während dieser Zeit stellt jeder Teilnehmer einmal mithilfe der anderen Teilnehmer seine Familie auf. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Aufstellungen, einmal die der Familie, aus der jemand kommt (Ursprungssystem), und zum anderen die des Beziehungsnetzes des eigenen Lebens mit Partnern und Kindern (Gegenwartssystem).
Die praktische Durchführung sieht so aus: Wer aufstellen will, wählt zunächst Stellvertreter für jedes wichtige Mitglied der Familie - und auch für sich selbst. Anschließend gibt der Klient spontan, ohne zu sprechen und ohne jede weitere Erklärung, jedem Stellvertreter der Reihe nach im Raum einen Platz und eine Blickrichtung.
Wenn alle aufgestellt sind, nimmt der Klient wieder Platz. Von jetzt an bis zum Ende der Aufstellung ist er nur noch Zuschauer und beobachtet das, was der Leiter und die Stellvertreter sagen und tun.
Der Leiter bittet die Stellvertreter, sich auf die Empfindungen an ihrem Platz einzulassen. Nach kurzer Zeit fragt er sie einzeln nach ihren Wahrnehmungen. Spannungen, die in der Familie vorhanden sind, kommen dabei ans Licht. Im ständigen Kontakt mit den Rückmeldungen der Stellvertreter sucht der Leiter nach individuellen Lösungen. Diese spiegeln die Ordnungen wider, die Hellinger in seiner langjährigen Arbeit mit Aufstellungen herausgefunden hat. Häufig erweisen sich Lösungssätze als hilfreich, die ein Ausdruck dieser Ordnungen sind.
Eine Aufstellung dauert im Regelfall zwischen 20 und 45 Minuten, aber auch kürzere und längere Aufstellungen kommen vor.
Ziel bei der Aufstellung der Ursprungsfamilie ist es nicht, die unendliche Vielfalt aller Verbindungen in einer Familie aufzudecken, sondern nur die stärkste Verstrickung, in der jemand gefangen ist und die seine Kraft bindet. Insbesondere die Verbindungen mit früh verstorbenen und ausgeschlossenen Familienmitgliedern sind wichtig.
Bei der Aufstellung des Gegenwartssystems geht es darum, früheren Partnern einen Platz zu geben, die Beziehungen zwischen einem Paar selbst und die Beziehungen zwischen dem Paar als Eltern und seinen Kindern zu klären.
Oft ist eine gute Ordnung möglich, bei der jeder sich an seinem Platz wohl fühlt, und die Aufstellung hat ein natürliches Ende. Am Schluss nimmt der Klient dieses neue Bild auf, häufig, indem er sich auf den Platz seines bisherigen Stellvertreters stellt.
- 1 -
Das »wissende Feld«
In Aufstellungen begegnen wir dem Phänomen, dass Stellvertreter Zugang zu einem Wissen finden, das - eigentlich - nur den betreffenden Personen zugänglich sein kann, die sie vertreten. Mit anderen Worten: Die Stellvertreter nehmen Gefühle und Beziehungen der fremden Personen wahr, die sie vertreten. Das ist die wesentliche Grundlage der Arbeit mit Familienaufstellungen, ohne die Aufstellungen nicht denkbar wären.
Der Klient stellt auf, weil er sich in seiner Rolle als Mann unsicher fühlt. Unter den anderen fünf teilnehmenden Männern des Seminars wählt er einen für seinen Vater und einen für sich aus. Auch für die Mutter wählt er eine Stellvertreterin aus. Dann gibt er, ohne dabei zu sprechen, jedem einen Platz im Raum.
Den Vater hat er so aufgestellt, dass dieser nach außen schaut. Auf Nachfragen äußert der Vater (Stellvertreter!), dass er sich schwach fühlt und dass es ihn von der Familie wegzieht.
Auf Nachfragen des Therapeuten stellt sich heraus, dass der ältere Bruder des Vaters im Krieg gefallen ist. Als ein Stellvertreter des Bruders dazu aufgestellt wird, strahlt ihn der Vater an. Zu ihm will er. Auch der Sohn ist erleichtert und glücklich, als er den verstorbenen Onkel sieht.
Wer das erste Mal an einer Aufstellung teilnimmt, gerät ins Staunen. Wie kommen Stellvertreter zu solchen Empfindungen und Reaktionen? Soll das wirklich echt sein? Kann es nicht an der Phantasie der Stellvertreter liegen? Ein liebevolles Theater? Aber es ist nicht immer liebevoll und voraussehbar, was Stellvertreter wahrnehmen.
Die Klientin stellt auf, unter anderem Stellvertreter für ihre Großmutter und deren ersten Mann, den sie im Krieg verloren hatte. Beide schauen sich an. Ich schlage der Großmutter den Satz vor: »Es war schlimm für mich, dass du gefallen bist.« Die Großmutter schaut einen Moment lang. Dann sagt sie spontan zu ihm: »Nein. Ich war froh darüber.«
Solche plötzlichen Aussagen schockieren. Sie waren durch keine weiteren Informationen vorbereitet. Aber stecken hier vielleicht die eigenen Probleme der Stellvertreterin dahinter? Bringt sie ihre persönliche Familiengeschichte mit hinein?
Doch immer wieder bestätigen die Klienten spontan die Richtigkeit dessen, was Stellvertreter ausdrücken. »Genauso ist es in meiner Familie«, heißt es stets aufs Neue. Ja, bisweilen verwendet ein Stellvertreter sogar die Sätze, die ein Familienmitglied immer benutzt hat, steht genau in der gleichen Körperhaltung da oder zeigt dessen Krankheitssymptome, ohne dass vorher darüber gesprochen worden war.
Die Plätze in einer Aufstellung haben ihre eigene Kraft, sodass jeder, der an dieser Stelle steht, ähnlich reagiert. Auch die anderen Stellvertreter reagieren nicht überrascht und befremdet auf solch unerwartete Aussagen wie die obige. Das, was geäußert wird, erweist sich als für alle stimmig.
Dieses Phänomen geschieht in jeder Aufstellung. Albrecht Mahr prägte dafür den Begriff »wissendes Feld«. Es ist ein »wissendes Feld«, das die Stellvertreter mit den vertretenen Personen verbindet und sich im Seminar ausbreitet. Mithilfe dieses »wissenden Feldes« lassen sich Konflikte in der jeweiligen Familie ans Licht bringen und Lösungen finden.
Auch andere therapeutische Richtungen sind zu der Erkenntnis gelangt, dass Familienmitglieder die Energien der eigenen Familie aufnehmen. So entfalten in einer Familie Schicksalsschläge über mehrere Generationen ihre Wirkung, auch ohne dass den Kindern davon erzählt wird. Das ist an und für sich schon erstaunlich genug. Aber es ist nicht so verwunderlich, wie das, was wir in Aufstellungsseminaren erleben. Hier kommen wildfremde Menschen innerhalb kürzester Zeit zu einem sonst nur in der Familie vorhandenen Wissen.
Schlüssige Erklärungen, auf welche Weise dies geschieht, habe ich noch keine gefunden. Alle Erklärungsversuche, die mir bisher begegnet sind, scheinen mir zu kurz zu greifen. Sicherlich gibt es bei den Äußerungen der Stellvertreter manches, was sich auch rational nachvollziehen lässt. Der Kernbereich bleibt jedoch unerklärlich. Unerklärliches versetzt den Verstand jedoch in ständige Unruhe und Verunsicherung. Die vermag er nur kurze Zeit zu ertragen. Am Beispiel des »wissenden Feldes« lassen sich exemplarisch die folgenden Schritte beobachten.
Ursprünglich hat Hellinger Teilnehmern auf ihre Frage, was hier wirkt, geantwortet, dass es ein »Geheimnis« sei. Damit ist das Geschehen noch unbenannt. Der nächste Schritt ist, ein Wort für das Geheimnisvolle zu finden: »wissendes Feld«. Damit wirkt das Geheimnis schon ein kleines Stück weniger mysteriös und mehr greifbar. Dann wird das Phänomen mehr und mehr beschrieben. Dadurch ist es zwar nicht weniger geheimnisvoll, aber das gerät langsam in Vergessenheit, denn jetzt scheint der Mensch es mehr und mehr in den Griff zu kriegen. Schließlich kommt die genaue Erforschung durch wissenschaftliche Experimente. Diese beginnt gerade in der Aufstellerszene. Allmählich wird das Geheimnisvolle unmerklich ein Teil des Katalogs menschlichen Wissens, das niemand mehr erstaunt, weil es selbstverständlich geworden ist.
Dennoch ist und bleibt das Bewusstsein des Geheimnisvollen eine der kostbarsten Grundlagen des Familien-Stellens. Hellinger sagte dazu:
»Das Stehenbleiben vor dem Geheimnis ist, glaube ich, die wichtigste Kraftquelle für den Therapeuten. Wir kommen an die Grenze von Tod zum Beispiel und wissen, über das, was da vor sich geht, und wohin es führt, haben wir keine Macht. Oder die Geheimnisse von Schicksalen, von Zusammenhängen und Bindungen, dass einer etwas übernimmt, ohne dass er es weiß, und für etwas in den Dienst genommen wird, das er nicht versteht. Auch das ist eine Grenze, und ich bleibe vor ihr stehen.
Dieses Sich-Zurücknehmen und An-der-Grenze-Stehen-Bleiben kosten viel Kraft, besonders am Anfang. Diese Leere hinter dem Geheimnis ist schwer auszuhalten. Wir suchen nach Erklärungen, um das Bedrohliche des Geheimnisses zu bannen. Es ist doch merkwürdig, dass jemand, wenn er für seinen Zustand eine Diagnose bekommt, sich oft besser fühlt, auch wenn die Diagnose falsch ist, weil er auf einmal eine Erklärung hat für etwas Unerklärliches. Sehr viel Religion zum Beispiel hat die Funktion, das Unerklärliche zu erklären oder ein Geheimnis zu lüften oder zu begreifen, das eigentlich verborgen bleibt und unbegreiflich.
Die Haltung des Stehenbleibens ist dem Geheimnis am gemäßesten. Aus der Achtung vor diesem Geheimnis fließt einem dann aus dem Verborgenen etwas zu. Viele Lösungen oder Worte, die mir während dieser Arbeit kommen, werden mir geschenkt, weil ich vor dem Geheimnis stehen bleibe. Weil ich vor einer Grenze in mir gesammelt bleibe, kommt mir aus dem Dunkel etwas ans Licht, das hilft: ein nächster Schritt oder eine Lösung oder was immer. Ich fange an, eine Familie aufzustellen, ohne dass ich weiß, wohin es führt. Ich mache den ersten Schritt, warte dann, komm an eine Grenze, weiß nicht, wie es weitergeht, und auf einmal kommt mir aus der Haltung des Stehenbleibens blitzartig eine Handlungsanweisung. Sie ist oft so unvermutet, dass man Angst hat, und manchmal scheint sie auch gefährlich zu sein. Wenn ich in dem Augenblick überlege: »Darf ich das oder nicht?«, befrage ich das Geheimnis sozusagen - und dann zieht es sich sofort wieder von mir zurück, und ich bleibe ohne Kraft.
Also, dieses Verblüffende, was manchmal hier abläuft, hat etwas damit zu tun, dass der Therapeut nicht wissen will. Aus dem Nicht-wissen-Wollen und der Bereitschaft, sich dem Geheimnis zu stellen und den Kräften, die er nicht versteht, kommt ihm der Mut und die Möglichkeit, damit hilfreich umzugehen. Das ist einer weit verbreiteten Vorstellung von Psychotherapie und auch von psychotherapeutischen Ausbildung völlig entgegengesetzt.«
Für mich als Aufsteller ist die Tatsache wichtig, dass sich dieses »wissende Feld« regelmäßig bildet. Ich kann mich auf sein Eintreten verlassen. In meiner Arbeit lerne ich immer mehr, dem Feld zu vertrauen und mich von ihm leiten zu lassen.
Auch wer sich als Kritiker mit Aufstellungen auseinander setzt, muss auf dieses Phänomen eingehen. Wer sich nur an der Person Hellingers reibt und die Erfolge auf sein Charisma zurückführen will, übersieht bewusst oder unbewusst die wesentliche Grundlage der Aufstellungen. Damit wird die Kritik nie fundiert werden.
Fragen zum Auftreten und Umfang des Feldes
Durch die vielen Aufstellungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten von Bert Hellinger und vielen anderen Therapeuten durchgeführt wurden, existiert bereits ein breites Wissen vom Auftreten und Umfang des »wissenden Feldes«.
·Braucht es besondere persönliche Fähigkeiten des Aufstellers?
Vermutlich zweifelt jeder Aufsteller, bevor er seine erste Aufstellung durchführt, daran, ob auch er das kann: Vielleicht hängt ja das Auftreten des »wissenden Feldes« von einer besonderen persönlichen Fähigkeit oder einer speziellen inneren Kraft ab. »Bert Hellinger kann das zwar - aber ich nicht.«
Bald erfährt er, dass das »wissende Feld« unabhängig von der jeweiligen Person auftritt. Allerdings braucht es eine gewisse Konzentration und innere Ruhe, was oft mit dem Wort »Sammlung« bezeichnet wird. Der Aufsteller muss einen Rahmen schaffen, in dem diese Sammlung möglich ist.
·Gibt es bestimmte Vorgehensweisen, die das Feld auslösen?
Bei den Aufstellungen wählt regelmäßig der Klient die Stellvertreter aus, nimmt sie dann an den Armen oder Schultern und führt sie an ihren Platz. Ist das vielleicht eine Voraussetzung?
Nein. In meiner Arbeit lasse ich meist nur die Kernfamilie, die Eltern und Kinder, vom Klienten aufstellen. Danach wähle ich selbst noch fehlende zusätzliche Mitglieder wie einen früh verstorbenen Onkel aus. Es reicht, wenn ich jemanden wähle, ihm einen Platz gebe und sage: »Du bist der früh verstorbene Bruder der Mutter. Bitte fühle dich ein.« Plötzlich werden ihm die Gefühle dieser Rolle zugänglich. Auch die Mutter und die anderen Familienmitglieder reagieren unmittelbar auf die neue Person.
In einer Weiterbildungsgruppe wählte ein Teilnehmer die Stellvertreter lediglich aus, vergaß, sie zu stellen, und setzte sich. Als Experiment forderte ich die Stellvertreter auf, sich einzufühlen und dann einen Platz nach ihrem inneren Gefühl zu suchen. Sie taten das und stellten sich im Raum durcheinander auf. Der Klient ging herum und fand ihre Aufstellung stimmig.
Teilnehmer, die in Stellvertreterrollen geübt sind, kommen oft schon in dem Moment, in dem sie gewählt sind, oder auch kurz davor, in Kontakt mit Gefühlen und Wahrnehmungen der fremden Person.
Es scheint, dass die Entscheidung genügt, aufstellen zu wollen, damit das Feld zu wirken beginnt. Hin und wieder ist in längeren Seminaren das Feld so stark, dass sich auch nicht als Stellvertreter gewählte Personen spontan in Rollen begeben.
·Braucht es den methodischen Hintergrund der Familienaufstellung?
Familienaufstellungen arbeiten mit einem Minimum an Vorgaben (anders zum Beispiel als das Psychodrama oder die Familienskulptur). Deshalb wird die stellvertretende Wahrnehmung besonders deutlich und sichtbar. Aber das Feld wirkt auch in anderen Richtungen und in anderen Zusammenhängen, wo es eher unbemerkt bleibt.
So schreibt die Psychodramatikerin Grete Leutz: »Das völlig spontane psychodramatische Spiel in der unbekannten Rolle eines anderen verläuft oft über lange Zeiträume so getreu den wirklichen Lebensumständen, Verfassungen und Reaktionen dieses anderen, dass das in objektiver Unkenntnis der Verhältnisse erfolgende Handeln des Psychodramaspielers oft kaum zu begreifen ist.«
Ein anschauliches Beispiel erlebte ich in einer Theatergruppe, an der ich teilnahm:
Ein Teilnehmer, der Probleme mit seinem Vater hatte, wurde zu einem Theaterspiel aufgefordert. Er wählte als Vater einen Mitspieler aus, der sich gleich auf die Bühne stellte. Plötzlich fiel dem Teilnehmer ein: »Übrigens, mein Vater hat im Krieg ein Bein verloren.« Er zögerte und meinte: »Plötzlich weiß ich gar nicht mehr, welches.« Der Mitspieler rief von der Bühne: »Ich glaube, es ist das rechte.«
Keiner der Anwesenden nahm Notiz von der Bemerkung des Mitspielers. Dass sich auch hier das »wissende Feld« zeigte, war offenbar nur mir mit dem entsprechenden Hintergrundwissen deutlich.
·Was zeigt das Feld? Die Wahrheit?
Die Stellvertreter geben zum einen Auskunft über ihren inneren Zustand und die Beziehungen, die sie zu anderen Familienmitgliedern wahrnehmen. Zum anderen spüren sie immer wieder auch Impulse, zum Beispiel ihren Platz zu verändern.
Darüber hinaus tauchen stets auch Aussagen zu Geschehnissen in der Familie auf. Erhalten wir so Auskunft über bisher unbekannte Fakten?