Schwer, zu sagen, womit man es bei Löhrs Hamlet-Komplott zu tun hat: Schelmenroman, romantische Dichtung, historischer Schmöker, Spionagegeschichte, Abenteuerroman, Comedy - oder einfach nicht mehr und nicht weniger als ein höchst unterhaltsames, schlaues, originelles und überraschendes Buch, das vor guten Ideen und Humor nur so überquillt. Wer schon das Erlkönig-Manöver mochte, muss natürlich unbedingt auch den Hamlet lesen, wer schon bei der aberwitzigen Jagd nach den französischen Thronfolger nur gequält gestöhnt hat, weil das alles zu weit hergeholt ist mit den Dichtern und Denkern als Superhelden, der wird auch an diesem Buch keine Freude haben. Goethe ist auch diesesmal der Indiana Jones aus Weimar und muss Napoleon eins auswischen, wieder begleitet vom allzu leidenschfatlich- heißblütigen Heinrich James Bond von Kleist. Schiller, Humboldt, von Arnim und Brentano werden ersetzt durch den herrlich steifen Wilhelm Schlegel, den naiven Liebhaber Ludwig Tieck und die umwerfend handfeste Diva Madame de Stael. Der Krieg der Preußen gegen Napoleon ist auf seinem Höhepunkt und eigentlich wollte man ja "nur" den unerklärlicherweise inhaftierten Kleist aus düsterer Kerkerhaft befreien, aber der ist längst über alle Berge, genauer am Bodensee und buddelt dort die verschollenen Reichskrone aus,um sie zu Friedrich Wilhelm nach Ostpreußen zu bringen, das Reich zu retten und Napoleon zur Hölle zu jagen. Guter Plan soweit, nur gab es leider 1806 noch keinen Billigflieger von Friedrichshafen nach Königsberg, also muss man die beschwerliche Reise mit einem Theaterwagen und zwei müden Gäulen unternehmen und unterwegs allerlei Kompanien, Spionen aus allen möglichen Lagern und diversen Spitzbuben ausweichen, nebenbei steht man sich vortrefflich gegenseitig im Weg, denn Kleist will an die Memel, Schelgel dagegen plädiert dafür, die Krone nach Wien zu bringen und Goethe will nur nach Hause. Daß Madame de Stael harte Drogen bei sich hat, Kleist ständig wirrköpfig auf alles schießen will, was sich bewegt, der gute Tieck sich verliebt und überhaupt immer alles völlig anders kommt, als es geplant war, bringt die Geschichte mit viel Tempo voran. Den Hamlet zu geben, um nicht von einem Regiment württembergischer Soldaten enttarnt zu werden, ist zunächst nichts als Notwehr und eher bescheidene Kunst, wird dann aber für die Dichter und Denker zur beinahe allzu großen Passion und so kommen zu allen Problemen, die man ja ohnehin schon hat ( Krone, Spione, Alkohol, Opium, Frauen, Napoleon, Fouché, Eifersucht, Hunger, Orientierungslosigkeit,Jähzorn, Todesangst, Gewitter, liebestolle Bauern,fundamentlistische Geistliche, Attacken von Leidenschaft, gebrochene Nasen nicht zu lösende Handschellen und so weiter) auch noch Starallüren und ein schauspielernder Pudel hinzu.
Ich will nicht zu viel erzählen, man sollte sich wirklich selbst das Vergnügen gönnen und diesen herrlich augenzwinkernden Roman voller verrückter Wendungen und Finten genießen, auch wenn man die historischen Hintergründe nicht kennt, ist es wirklich ein großer Spaß, der wieder Lust auf noch mehr Löhr macht. Ich hoffe, der Autor lässt seinen Geheimrat nicht wirklich im Lehnstuhl sitzen, es gibt noch viel zu tun, noch ist Preußen nicht verloren und amüsante Lektüre dieser Art findet man nach wie vor zu selten!