Geerd Dahms ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter Denkmalgutachter und Mitbegründer der Hamburger Geschichtswerkstätten zur Regional-, Handwerks- und Industriegeschichte. Er hat meiner Meinung nach mit seinem Buch "Das Hamburger Gängeviertel - Unterwelt im Herzen der Großstadt" einen Volltreffer gelandet, indem er im Hamburger Staatsarchiv Material zutage förderte, das dort seit mehr als 100 Jahren unbearbeitet und beinahe vergessen in den Akten lag. Dazu gehörten u.a. die Berichte von William Lindley über die hygienischen Zustände in den Höfen und Gängen des heute so eleganten Zentrums der Hansestadt.
Wer die Prachtstraßen und Kontorhäuser wie das Chilehaus oder den Sprinkenhof kennt, kann sich gar nicht vorstellen, wie es rund um die Mönckeberg- und die Spitalerstraße vor 100 Jahren aussah. Das beschreibt der Autor nicht nur, sondern er belegt es auch mit sehr vielen Bildern. Beides macht dieses Buch so wertvoll, in dem es nur um das Gängeviertel der Altstadt geht. Ein Buch über das Gängeviertel in der Neustadt soll später folgen.
Geerd Dahms erzählt zunächst einmal, wie das Gängeviertel überhaupt entstand und wie es zu der unglaublichen Verdichtung der Wohnbereiche dort kam, und erst dann wie es im Gängeviertel aussah: Viele Höfe und Gänge hatten offene Rinnsteine in der Mitte und waren nicht an die Siele angeschlossen. Deswegen wurde das Trottoir der Spitalerstraße und in den Lange Mühren mit neuem Sandsteinpflaster versehen. Links und rechts der gepflasterten Wege ín den Höfen und Gängen waren häufig schiefe hölzerne Verschläge an die Häuser angebaut und ragten in den Weg. Darin war eine hölzerne Kastenbank mit einem Loch in der Mitte. Sie bildete die einzige Toilette für alle Bewohner des Hauses. Die Trinkwasserversorgung wurde über zentrale Brunnen und mit den Wasserwagen abgewickelt. Da das Wasser nicht umsonst war, versorgten sich viele Einwohner mit dem, was ihnen die Fleete zu bieten hatten. Die gleichen innerstädtischen Kanäle waren aber auch für den Abtransport von Kot und Unrat jeder Art gedacht... Der Dreck stapelte auf den Wegen, es wimmelte von Mäusen und Ratten.
Die Wohnungen waren feucht und voller Ungeziefer, vor allem Wanzen piesackten die Menschen. Glück hatten Familien, die über ein Kinderbett und den Platz, es aufzustellen, verfügten. Oftmals schliefen die Kinder auf ausgebreiteten Kleidungsstücken auf dem Fußboden, die kleineren auch in aufgezogenen Schubladen. Es gab Häuser mit 25 Familien, darüber sogenannte Sähle, in denen 10 Familien lebten, nur durch eine dünne Bretterwand voneinander getrennt.
Es ist sehr verdienstvoll, dass der Autor viele Berichte zitiert, u.a. die des Notars Dr. Heinrich Asher, der in Begleitung einiger Honoratioren das Gängeviertel besichtigt hatte. Dieser Mann empörte sich moralisch (!) darüber, dass die Bewohner aus Not ihr eigenes Bett stundenweise an Schlafgänger vermieteten. Er wetterte, es gäbe hier Branntweinschenken, wo die unstetig beschäftigten Schauermänner "viehischer Begierde" und "widerlicher Völlerei" nachgingen. Darüber aber, dass die Reeder ihren Beschäftigten so geringe Löhne bezahlten, dass sie sich keine andere Unterkunft leisten konnten, empörte er sich nicht. Auch nicht darüber, dass sie im Winter, wenn die Elbe zugefroren und sie arbeitslos waren, keine Unterstützung erhielten.
1892 brach in Hamburg die Cholera aus; und der Senat sorgte dafür, dass sich die Seuche in der Stadt ausbreiten kann, indem er neun volle Tage lang die Nachricht über das Auftauchen des Bazillus in Hamburg unterdrückte. Außerdem hatten die Politiker in Senat und Bürgerschaft, die meist Kaufleute waren, sich zwar lange über die Finanzierung einer Sandfiltrierungsanlage gestritten, sie aber nicht bauen lassen. Geerd Dahms schreibt (S.90): "Am Schulterblatt in St. Pauli wurde die eine Straßenseite von Hamburg aus und die andere von Altona aus mit Trinkwasser beliefert. Im Gegensatz zu Hamburg hatte man in der preußischen Nachbarstadt aber von Anfang an Wert auf die gründliche Sandfiltrierung gelegt, bevor das Wasser in die Leitungen kam. Die Hamburger entnahmen das Wasser der Elbe bei Rothenburgsort, ließen es in große Becken laufen und dort eine Zeitlang stehen, damit sich die festen Bestandteile absetzen konnten, anschließend wurde es in die Leitungen gepumpt. Je höher der Wasserverbrauch, umso kürzer die Ablagerungszeit. Während die Bewohner auf der Altonaer Straßenseite gesund blieben, hatten die mit Hamburger Wasser versorgten Bevölkerungsteile zahlreiche Todesfälle zu beklagen." Und der Bakteriologe Robert Koch, der das Gängeviertel besichtigte, sagte danach zu den Honoratioren: "Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin."
Schließlich beschloss der Senat, das Gängeviertel komplett abzureißen, und zwar ohne neuen Wohnraum für die vertriebenen Hafenarbeiterfamilien zu schaffen, die aber auf die Nähe zum Hafen angewiesen waren, weil es noch keine funktionierenden und bezahlbaren öffentlichen Verkehrsmittel gab. Akribisch dokumentiert der Autor, wer die noch geheimen Pläne vor deren Veröffentlichung verriet und wer dadurch mittels Bodenspekulation auf Kosten der Steuerzahler bzw. Ärmsten der Armen Hamburgs sein Vermögen aufgebaut hat. Außerdem hat sich der Autor anhand der Bevölkerungsstatistik auf die Suche nach den jetzt Wohnungslosen gemacht.
Kurz: "Das Hamburger Gängeviertel - Unterwelt im Herzen der Großstadt" ist eine wertvolle Informationsquelle für jeden, der sich für die Hansestadt interessiert.