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Das Hören des Genitivs: Gedichte
 
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Das Hören des Genitivs: Gedichte [Gebundene Ausgabe]

Oskar Pastior


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Neue Zürcher Zeitung

Die Hosenträger der Erkenntnis

Zwei neue Bücher zu Oskar Pastiors 70. Geburtstag

«Welches Wort wäre kein Luder des Schinds?» Es verbindet und kontaminiert sich, erinnert sich, geht Anklänge ein und pflanzt sich fort. Das weiss Oskar Pastior, geboren 1927 im rumänischen Hermannstadt, ein Siebenbürger der Sprachen, der seine polyglotte Krimgotik ausruft am Hof der «Trünnigen Glühbecken», der «Überbauzen», der «Paraputen» und der «Scheuchen»: «Adafactas / Cowbl / Ed rumplnz kataraktsch-lych / Uotrfawls / aachabrawnkts Brambl / aachr dohts . . . // Schlochtehz ihm / schlochtehz ihm / ehs klaren Zohn.»

Doch Oskar Pastior ist auch «Oulipote», bekennender Mitstreiter der «Ouvroir de Littératur Potentielle», der von Georges Perec, Raymond Queneau und Italo Calvino ins Leben gerufenen Werkstatt für Literatur, deren Spielregeln im Text Potenzen freisetzen sollen, bis er sich ordentlich «selber liest». Am Ende steht der Dichter vor den Palindromen und Anagrammen, der unbestechlichen Physik einer Kunstmaschine, in der sich alles bewegt und die sich aufbraucht, indem sie sich herstellt. Das Wandelbare selbst, sagt Oskar Pastior, ist die Sprache des Oulipo, und so hat er seinen eigenen Texten zugesehen, wie sie sich verändern. Den Palindromen und Anagrammen des Gedichtbandes «Kopfnuss Januskopf», den paraphrasierenden «Gedichtgedichten», den Modellen literarischer Harthörigkeit in «Höricht» und den Gedichten Francesco Petrarcas, von Pastior übersetzt an ihren eigenen Anfang, an die Entstehung ihrer Metaphern.

Oskar Pastiors Schreiben ergibt eine Literatur der Relationen, der Verhältnisse und Verhängnisse in allen Grössenbereichen der Sprache. Einen Metabolismus, in dem Phoneme sich Phonemen anverwandeln (ein endloses «Myzel und Scharmützel»), Wörter ihrer Zitathaftigkeit überführt werden und ganze Texte mit anderen gekreuzt werden durch andere neu und fortgeschrieben werden. Das Scharnier der Sprache ist der Genitiv, von dem Oskar Pastior, wohl mit Recht, vermutet, dass seine Fähigkeiten an die «Jahrhundertfrage Subjekt - Objekt» rühren. Noch allerdings misstraut der Dichter dem Begriff der Hermeneutik und ersetzt ihn, für den Fall, doch im Trüben zu fischen, durch die «Hermenautik».

Die stichhaltige Metapher seines Schreibens hat Oskar Pastior gefunden, die Ergebnisse liegen vor: «Das Hören des Genitivs» umfasst jene Gedichte der letzten Jahre, die neben den strengeren Projektbüchern entstanden sind. «vom löschen des durstes abgesehen / ist das hören des genitivs / der hosenträger der erkenntnis // das verleihen des ohres / die behandlung des arztes.» Oskar Pastior ist behandelnder Arzt, er hört ab und sucht nach dem «polyvalenten Genitiv-Genital» der Wörter und Texte. Unter den Bemühungen des Genitivs schliesslich gehen die Wörter schwanger, sie werden, um einen Kalauer Pastiors zu übernehmen, prägnant. «arpeggio» nennt Pastior das Gedicht mit gebrochenen Akkorden, das den Namen seines geistigen Vaters im Titel und in den Versen trägt. Es erinnert nicht von ungefähr an Hans Arps «Wolkenpumpe»: «harpune im karpfen zu trapezunt, rapp rapp / sein parapluie spart flamme im april, papperlapapp / auf praktizierender scharpie parliert, rapp rapp / raptus mit paraffinade karpaten (partiell) / oder rapunzel, wenn der spargel im pitigrill / des lepraparlamentes kapriolen macht – glissando . . .»

Oskar Pastior setzt mit dem neuesten Gedichtband eine Arbeit fort, die auf undogmatische Art heimisch ist in den Gebieten der Homolettrien und Lautpalindrome, der metrischen Mimikry und der Anagramme. Mitunter jedoch frönt er der Leidenschaft, als Oskar Pastior auch ein Oskar a posteriori zu sein. Dann wird Benn, in der «Zweiten Berliner Ansteckung», mit Kleist gekreuzt, Hugo Balls Lautpoesie «Karawane» ins Krimgotische übertragen oder, noch einmal, Petrarca übersetzt. Und es erweist sich: Auf eigentümliche Weise war Pastior immer schon vor Petrarca, vor Hugo Ball, Kleist und Benn.

Seine «Gimpelschneise» zieht Oskar Pastior jetzt auch durch die «Winterreise» des Wilhelm Müller. Noch einmal erweist Pastior Brentanos Starensprache und seinem eigenen Gedichtband «Vokalisen und Gimpelstifte» die Ehre. Oskar Pastior orientiert sich dabei nicht nur an der sprachlich-lautlichen Oberfläche der von Schubert entharmlosten Gedichte des «Griechen-Müllers», sondern schreibt ihre Metaphern weiter fort: Müllers «Täuschung» wird zur «optik» berichtigt, der «Lindenbaum» zum stockfinster-assoziativen «Blindenraum», und in Müllers «Frühlingstraum» fährt Pastiors Gimpelschneise als «gaumendünung»: «ich maulte phonem und amen / von einem andenkaff / von billy und mandscharo / von propusk und rachenschaft // hund hals zyklamen wuten / da war's vom ziegenstall / dass high noon ich synapsen- / de daumen schnappen sah.»

Auf einer beigelegten CD liest Pastior, eindrücklich wie immer, die eigenen Gedichte. Er hat Schuberts Vertonungen von Wilhelm Müllers Texten noch im Ohr. Und der Hörer: Pastior, Schubert und Wilhelm Müller. Es ist das Hören des Genitivs. Oskar Pastior wird heute siebzig. Auch eine «Verwüstlichkeit des Un».

Paul Jandl

Oskar Pastior: Gimpelschneise in die Winterreise–Texte von Wilhelm Müller. Urs Engeler Editor, Weil am Rhein 1997.

Kurzbeschreibung

Zu seinem siebzigsten Geburtstag hat Oskar Pastior seinen Lesern eine furiose neue Sammlung seiner einzigartigen Sprachspiele zusammengestellt: voll Sprachwitz und leichtfüßigen poetischen Gedankensprüngen. Und wie bereits in den anderen Büchern von Pastior führt uns auch dieses zu Erkundungen im Inneren der Worte selbst. Doch diesmal folgt er keiner festen Spielregel, sondern läßt seiner Phantasie und den Worten freien Lauf. Die einzige Regel lautet: Vielfalt.

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