Wer die Affäre Guttenberg einmal über die Frage, ob er denn nun absichtlich geschummelt oder einfach nur schlecht gearbeitet hätte, und ob der Doktortitel und sein Zustandekommen denn bei einem so beliebten Politiker wirklich karriereentscheidend sein sollte hinaus betrachten möchte, dem bietet sich mit dem Guttenberg-Dossier die Möglichkeit, sich über die Hintergründe der Person und der Karriere zu Guttenbergs näher zu informieren.
So erfährt der Leser interessante Details über den Beginn der Karriere des Freiherrn: Der CSU-Parteikollege eines traditionell CSU-dominierten Wahlkreises sah sich plötzlich (und ungerechtfertigt) mit dem Vorwurf der Steuerhinterziehung konfrontiert, seine Kandidatur mußte er bis zur Klärung dieser Angelegenheit ruhen lassen. So war der Weg für den Baron frei: Als CSU-Kandidat dieses Wahlkreises schaffte er auf Anhieb über ein Direktmandat den Sprung in den Bundestag. Der nächste Karriereschritt war dann die Berufung in den Auswärtigen Ausschuß, ein sehr wichtiges Gremium, das so gut wie im Alleingang die bundesdeutsche Außenpolitik bestimmt. Nur wenige Jahre später folgte dann zuerst die Ernennung zum Bundeswirtschaftsminister, dann zum Bundesverteidigungsminister.
Ein Kapitel befaßt sich natürlich auch mit dem Doktortitel des Barons, der zum tragischen Element seiner Karriere werden sollte. Eine Sondergenehmigung ermöglichte dem Adligen erst die Zulassung zur Doktorprüfung, was generell ohne zweites Staatsexamen gar nicht möglich ist. Die Beziehung der Familie Guttenberg zur Uni Bayreuth wird näher betrachtet: Die Uni verdankt dem Adelshaus die Finanzierung eines Lehrstuhls durch umfangreiche Spenden. Der Doktorvater des Ex-Ministers wird vorgestellt, Prof. Peter Häberle. Dieser zählt zu den Verfechtern der Bundesstaatswerdung der EU, und liegt damit voll im herrschenden politischen Trend, der durch die amtierende Merkel-Regierung betrieben wird. Prof. Häberle zählt zu den Großen im Fachgebiet Verfassungsrecht und genießt international hohes Ansehen. Um so erstaunlicher ist die Tatsache, daß der Professor bei Guttenbergs Doktorarbeit keine Auffälligkeiten fand, obwohl diese im Wesentlichen eine Art "Best of" der wissenschaftlichen Standardliteratur darstellte, sozusagen die gekonnte Verschmelzung der Bruchstücke fremden geistigen Eigentums zu einem neuen Ganzen, quasi eine Zitatesammlung mit durchgehendem roten Faden.
Wie das alles möglich war, wie ein junger Mann Anfang Dreißig, ohne berufliche Referenzen und ohne besondere Fähigkeiten, innerhalb weniger Jahre eine steile Karriere vom Privatmann zum Bundesminister absolvieren konnte, davon handelt dieses Buch.
Die Trumpfkarte des Herrn von und zu, die treibende Kraft hinter seiner Karriere, das sind die transatlantischen Netzwerke, denen zu Guttenberg angehört. Die Autorin erläutert die Strategie des "Empire Building", mit dem heutige imperialistische Staaten - in diesem Falle die USA - ein System von abhängigen Staaten (Klientelstaaten) um sich bilden. Das geschieht, in dem ein Staat, der sich weitgehend oder total unter der Kontrolle einer dominierenden Macht befindet, wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, geheimdienstlich unterwandert wird, mit dem Ziel, sogenannte "Collaborators" in allen wichtigen Positionen in Politik, Wirtschaft und Medien zu plazieren. Diese Personen werden nach den Richtlinien der dominierenden Macht ausgebildet und haben eine Karriere zu erwarten, deren Erfolg in direktem Zusammenhang zum persönlichen Einsatz für die Interessen des Imperiums steht.
Hochinteressant ist hier die Schilderung der Meinungsverschiedenheit zwischen den transatlantischen Young Leaders Westerwelle und Guttenberg über weitere Soldaten für Afghanistan. Im Laufe dieser Auseinandersetzung finden sich nacheinander beide Bundesminister beim amerikanischen Botschafter in Berlin ein, um den aktuellen Stand der Debatte und parteiinterne Vorgänge zu melden, und sich für die eigene Vorgehensweise zu rechtfertigen. Der amerikanische Botschafter hat also für die Angehörigen der Bundesregierung die Funktion eines "Führungsoffiziers", er empfängt höchste deutsche Politiker zum Rapport. So ist auch Washington jederzeit vollständig informiert, seine Zuträger sind die Bundesminister persönlich.
Dieses transatlantische Netzwerk, mit dem die USA ganz Europa, besonders aber Deutschland an sich bindet, besteht aus Vereinen, Stiftungen und Institutionen, die offiziell der deutsch-amerikanischen Freundschaft und Zusammenarbeit dienen. Genannt seien hier z.B. die Atlantik-Brücke, der American Council on Germany (ACG), die American Academy, der Council on Foreign Relations (CFR), die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).
Treibende Kräfte und Gründer dieser Organisationen sind meist amerikanische Geheimdienstler, Henry Kissinger ist einer der prominentesten Köpfe. Die Fäden laufen heute bei den amerikanischen Neocons zusammen, die ihre Wurzeln im Trotzkismus haben.
Wenn man sich die Mitgliederlisten der genannten Vereine ansieht, liest man die Namen sämtlicher Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Medien und Finanzwesen.
Der Einstieg in diese erlesenen Kreise ist nicht jedem vergönnt, ohne Empfehlungen bleiben alle Türen verschlossen. Wer als Nachwuchsführungskraft, als sogenannter "Young Leader" aufgenommen wird, erhält eine Ausbildung im amerikanischen Sinne und anschließend eine karriereträchtige Position.
Wer ein echtes Interesse an den Strukturen dieser Republik hat, sollte sich ein paar Stunden nehmen und diese knapp 200 Seiten lesen. Das ausführliche Quellenverzeichnis ermöglicht bei tieferem Interesse weitere Recherchen. Wer sich sein Bild der offiziellen Darstellung und seine Verehrung unserer großartigen Demokratie erhalten möchte, sieht besser von der Lektüre ab.