Nachdem der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer mit dem Beweis eines Schwulengens in die Weltschlagzeilen geriet, sorgt er nun mit dem Gottes-Gen dafür, dass er in der Popularitätsskala weiterhin oben bleibt. Sein Rezept ist einfach: Man nehme eine wissenschaftliche Hypothese und stelle sie sprachlich so dar, dass alle meinen, sie sei bereits bewiesen. Und wenn man trotzdem in der Fachwelt weiterhin ernst genommen werden will, erwähnt man in Nebensätzen, dass alles auch ganz anders sein könnte. Das klingt dann so: Der Begriff Gottes-Gen ist im Grunde genommen eine grobe Vereinfachung dieser Theorie. Oder: Mithilfe der Gene kann die Entstehung der Spiritualität vielleicht zum Teil erklärt werden, doch längst nicht vollständig. Dean Hamer rechnet offenbar auch nicht damit, dass sich seine Leser daran erinnern, was sie drei Seiten vorher gelesen haben. So steht auf Seite 203: Wie sich herausstellte, haben die Eltern nur wenig Einfluss auf den Glauben ihrer Kinder. Und wenn, dann bewirkt dieser Einfluss oft genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erhofft haben. Auf Seite 206 erfahren wir dann Folgendes: Wenn Eltern dieselbe Religionszugehörigkeit und Überzeugung haben und die gleichen Bräuche befolgen, so ist es sehr wahrscheinlich, dass sie sie ihren Kindern sowohl vererben als auch beibringen. Von solchen Ungereimtheiten ist Dean Hamers Buch voll. Ein letztes Beispiel: Insgesamt haben wir hier eine ziemlich typische Mischung von Amerikanern, auch wenn es sich nicht um eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe handelt.
Um 272 Seiten über eine These zu schreiben, die wissenschaftlich auf wackligen Füssen steht, braucht es Beredsamkeit und Fantasie. Dean Hamer verfügt über beides. Und er wechselt ohne zu Zögern seine Rollen, wenn er als Molekularbiologe, Religionswissenschaftler, Entwicklungspsychologe, Kulturanthropologe, Zwillingsforscher, Mystiker, Drogenfachmann oder Dean Hamer argumentativ aufläuft. Das macht die Lektüre zwar spannend, die Beweisführung jedoch nicht wissenschaftlicher. Ich unterstelle dem Autor, dass er seinen Ansatz nur durchhalten kann, weil er trotz gegenteiliger Beteuerungen die Begriffsunschärfen zwischen Glaube, Religion, Spiritualität und Selbsttranszendenz nicht klärt. Aber genau damit erweist er seinem Anliegen einen Bärendienst. Denn würde er lediglich behaupten, dass Spiritualität ein evolutionärer Wettbewerbsvorteil sei, der seine Spuren auch in den menschlichen Genen hinterlässt, wäre Dean Hamer wesentlich glaubwürdiger.
Mein Fazit: Dean Hamer mag ein renommierter Molekularbiologe sein, aber als Verfasser populärwissenschaftlicher Bücher überzeugt er mich nicht. Seine Beweisführungen sind manchmal so abenteuerlich und salopp, dass sie an mittelalterlichen Hokuspokus erinnern. An einigen Stellen auf das Spekulative seiner Ausführungen zu verweisen, reicht nicht aus, um das Buch als wissenschaftlichen Bericht durchzulassen. Zumal diese Verweise meist wieder in Abrede gestellt werden.