"Das Goldene Kalb" beweist ein weiteres Mal, dass Tony Hillerman nicht nur ein begnadeter Krimiautor ist, sondern auch, dass er weiß, wovon er schreibt. Seine Romane um den Navajo-Polizisten Jim Chee, den Pensionär Joe Leaphorn und, in den neueren Bänden, auch Bernie Manuelito sind einfach Extraklasse. Nie ist etwas so klar und einfach, wie es zunächst scheint. Außerdem verarbeitet Hillerman geschickt altbekannte literarische Motive; in "Das Goldene Kalb" z.B. zeigt er, dass ein Wildwest-Othello weder einen Jago nötig hat, noch -- (mehr wird nicht verraten).
Übrigens verwirrt hier der deutsche Buchtitel und setzt schiefe Akzente: Der Originaltitel, "The Wailing Wind" (in etwa: "Klagewind"), weist von vornherein stärker auf Leaphorns Rolle hin. Das ändert aber nichts an der überzeugend konstruierten, vielschichtigen Handlung, die nahtlos völlig verschiedene Themen und Figuren ineinander verwebt und niemals den Zufall strazapieren muss. Auch diesmal schafft Hillerman eine authentische Atmosphäre, die ihresgleichen sucht.
Zunächst geht es darum, dass in einem verlassenen Pickup ein Toter liegt. Bernie Manuelito, die ihn gefunden hat, vermutet einen Unfall und sammelt Pflanzensamen, während sie auf den Ambulanzwagen wartet. Ein böser Fehler, meint man beim FBI, denn der Tote ist erschossen worden. Was man beim FBI aber nicht weiß: Bernie ermittelt nun auf eigene Faust. Wo ist der Mann erschossen worden? Die Pflanzensamen an seinen Kleidern geben ihr nämlich Rätsel auf.
Außerdem findet man im Wagen des Toten Material, das auf längst vergangene Goldgräber-Zeiten verweist, aber auch auf einen gerade 5 Jahre zurückliegenden Mordfall, und auf eine seit damals verschwundene Frau. Eine Rolle spielen alte Mythen um legendäre Goldminen, ein undurchsichtiger Ölmagnat und seine verschwundene Frau, ein vor 5 Jahren erschossener Betrüger (angeblich wurde er in Notwehr getötet), ein kluger alter Navajo-Schamane, dem die Erde heilig ist, und eine unheimliche Geisterstimme, die einige Schulkinder 5 Jahre früher gehört hatten. Und wie immer bei Hillerman spielen auch hier wieder Mythen und Gegenwart der Navajo eine Schlüsselrolle. Kein Wunder, dass das FBI bei den Ermittlungen nicht recht vorankommt.
Nun machen sich Chee, Leaphorn und Manuelito gemeinsam an die Arbeit, jeder mit seinen Stärken, jeder auf seine Art. Ihre Charaktere und ihre Beziehungen untereinander, aber auch die zwischen dem Ölmagnaten, seiner Frau und dem Betrüger spielen eine große Rolle bei der Ermittlung, ebenso das komplizierte Verhältnis zwischen Reservatspolizei und FBI. Auch hier zeigt Hillerman, was er kann, und zieht alle Register. "Das Goldene Kalb" ist streckenweise wie ein extrem spannendes Drama aufgebaut, und wie das Finale furioso des Romans zeigt, kennt nicht nur Joe Leaphorn seinen Shakespeare, sondern auch Tony Hillerman.