"Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht angenommen".
(Joh. 1,5)
Nach der Kapitulation der Festungen von Montségur (2. März 1244) und Quéribus (1255) konnte die Inquisition führende Köpfe der Katharer auf den Scheiterhaufen bringen, eine vollständige Ausrottung dieser dualistischen Häresie gelang den "canes domini" jedoch (noch) nicht. Neben der Überlieferung, dass kurz vor der Übergabe des Montségur eine kleine Schar mit dem Schatz der Katharer entkommen konnte, blieben vor allem bei der Landbevölkerung Okzitaniens die als ketzerisch gebrandmarkten Glaubenslehren der Bonhommes weiterhin präsent. Durch die Rückkehr bedeutender Parfaits aus ihrem lombardischen Exil (1299) sollte der Katharismus zu Beginn des 14. Jahrhunderts schließlich eine Renaissance erleben....
.....vor dem Hintergrund dieser periphären, jedoch dramatischen mediävistischen Ereignissen, die René Weis in seinem im Jahre 2001 erschienenen Sachbuch "Die Welt des Teufels" (Originaltitel: The Yellow Cross: The Story of the Last Cathars 1290-1329) ausführlich dargestellt hat, entwickelt Helene Luise Köppel den dritten Roman zu ihrem Lieblingsthema "Katharer, Languedoc und verbotene Liebe." Nach der anachronistisch-paradoxen Geschichte um die "Ketzerin vom Montségur" (2002) und der durchaus realistischen Version von Abbè Saunière und seiner Haushälterin Marie Dénarnaud in Rennes le Château ("Die Erbin des Grals"; 2003) präsentiert die Autorin diesmal eine Synthese aus auch und gerade vor Ort gut recherchierten historischen Fakten und dichterischen Freiheiten......
Die der adligen Katharerfamilie Philippe de Planisolles entstammende Ava wächst, von der Inquisition unerkannt, als "Tochter" des Bayle der Ortschaft Gavarnie auf, wo sie den Vornamen Rixende erhält. Während ihr Bruder Bernard als Hüter des Katharerschatzes weiterhin im Untergrund lebt, wird Rixende mit dem reichen Kaufmannsohn Aimeric Fabri aus Carcassonne verheiratet. Sie verliebt sich jedoch in den Dominikaner und Vize-Inquisitor Fulco de Saint-Georges, als es infolge einer Verhaftungswelle zu dramatischen Konflikten zwischen der Stadt Carcassonne, dem "Heiligen Offizium", dem Papst und schließlich Philipp IV. "le Bel" kommt......
Gegenüber einer Vielzahl von Genreromanen, die den Katharerschatz u. a. als den "Heiligen Gral" interpretieren, bietet Köppel eine weitere Version, indem sie ihn als das 1945 im oberägyptischen Nag Hamadi wiederentdeckte Thomasevangelium vorstellt. Daher ist unverständlich warum der originelle Titel der Originalausgabe "Die geheimen Worte" (2005) durch den recht banal wirkenden Taschenbuchtitel "Das Gold von Carcassonne (dem der Papst und der König hinterher sind)" ersetzt wurde. Ansprechend sind die, einem jedem der 45. Kapitel vorangestellten Verse aus Dante Alighieris "Devina Commedia". Die in direkter Rede verwendete, aus dem 15. Jahrhundert stammende Redensart "ins Bockshorn jagen" (S. 47) und die Bezeichnung der Trencavels als Grafen von Carcassonne und Béziers (statt Vizegrafen) stellen kleine Schönheitsfehler dar. Besonders gelungen sind die Charakterisierungen von König Philipp IV., seines Kanzlers Guillaume de Nogaret (der trotz seiner "Ohrfeige von Anagni" deutlich besser wegkommt, als in allen "Templerromanen"), Inquisitor Bernhard Gui und Papst Bonifatius VIII.
Am Ende des Buches gibt es eine Karte der "Region Carcassone" und eine Zeichnung der Stadt Carcassonne auf der neben der Stadtmauer mit ihren Türmen auch die Barbarkane, die Basilika St. Nazaire und das Château Vicomtal abgebildet sind. Besonders informativ und lobenswert ist ein 14seitiger Anhang "Personen und Erklärungen", in dem die Autorin eine offene und ehrliche Trennung zwischen historischer Realität und ihrer Romanfiktion vornimmt. "Das Gold von Carcassonne" ist ein zwar manchmal wahrlich abenteuerlicher anmutender, jedoch im Großen und Ganzen durchaus schlüssiger historischer Roman. Empfehlenswert - 4 Amazonsterne.