Lesen! mit Elke Heidenreich 26.10.2007
Deutschlandradio Kultur 18.10.2007
brigittte.de, Tagesthema an 29.10.2007
Die Zeit, Januar 2007
Bilanz, Januar 2007
Stern, November 2007
Deutschlandradio Kultur, Februar 2008
Kurzbeschreibung
Der Verlag über das Buch
Klappentext
Miriam Meckel
"Es handelt sich nicht um eine Analyse der modernen Medienwirklichkeit, sondern um ein Sachbuch im amerikanischen Stil - locker plaudernd, mit tausend Beispielen aus dem eigenen Leben. [...] Witzig, intelligent und elegant geschrieben."
Deutschlandradio Kultur
"Der Leser wird innerhalb kürzester Zeit in dieses Buch hineingesogen."
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Über den Autor
Auszug aus Das Glück der Unerreichbarkeit von Miriam Meckel. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Lästige Erledigungen verschiebe ich gerne. Seit Wochen
fehlte mir ein Halogenlämpchen. Abends war die rechte
Seite meines Schreibtischs nur noch dunkel. Schließlich
fuhr ich an einem Samstagmorgen mit der U- Bahn in die Stadt
und stieg am Neumarkt aus. Direkt auf der anderen Seite des
Platzes befindet sich eines der großen, alteingesessenen Lampen-und Elektrogeschäfte von Köln. Dort haben sie eigentlich alles. Es gelang mir noch, die Straße zu überqueren, da klingelte mein Mobiltelefon. Es war die Hausverwaltung, die mich tags zuvor nicht erreicht hatte, um mit mir zu klären, ob ich einen Nachmieter für meine Wohnung gefunden hätte. Hatte ich.
Ja, ich würde ein Fax schicken mit den Unterlagen. Ja, gut, dass
jetzt alles geregelt ist. Das ging schnell.
Ich hatte das Handy noch nicht wieder verstaut, da klingelte
es noch mal. Diesmal war es ein Kollege. »Hast du kurz Zeit?«,
fragte er, es müsse dringend die Gliederung des gemeinsamen
Aufsatzes besprochen werden. »Eine Minute«, sagte ich und
meinte »keine Minute«. Ich war unter Zeitdruck. Außerdem ist
es prinzipiell unsinnig, ein anspruchsvolles Thema zwischen
Tür und Angel zu besprechen, im Lärm der Stadt, das Quietschen der Straßenbahn im Hintergrund. Ich bat dann doch
noch um Aufschub und erklärte meine Situation. Er wollte keinen Aufschub gewähren, habe er doch nur noch die nächsten
drei Stunden, um seinen Teil des Artikels zu schreiben. Dann
müsse er nach Paris fliegen, und dann nach London, und
dann . . . sei der Abgabezeitpunkt verstrichen. Ich diskutierte
also geschlagene zwanzig Minuten mitten auf der Straße die
Gliederung und die inhaltlichen Schwerpunkte des Aufsatzes.
Zwischenzeitlich musste ich ins Telefon schreien. Denn es wurde
immer lauter um mich herum; die samstägliche Einkaufswelle
war längst angerollt.
Als das Gespräch endlich beendet war, entdeckte ich einen
kleinen gelben Briefumschlag auf dem Display meines Mobiltelefons.
Zwei Nachrichten waren während des Telefonats eingegangen.
Die erste erinnerte mich daran, dass ich bereits seit
zehn Minuten im Café an der Apostelnstraße hätte sitzen müssen, weil ich dort verabredet war (»Wann kommst du denn?
Warten hier.«). Die zweite Nachricht lautete: »Meldest du dich
heute gar nicht?« Es war 11:10 an einem Samstagvormittag, ich
hatte mich bislang nicht gemeldet. Der Tag hatte noch 12 Stunden und 50 Minuten, aber an der privaten Front war er bereits kommunikativ verloren.
Genau in diesem Moment piepste mein BlackBerry, um
mich an eine Telefonkonferenz (Englisch: Conference Call ) zu
erinnern, die - ausnahmsweise - auch am Samstagmorgen möglich sein sollte, denn es gab drängende Probleme. Ich hatte auch einige:Dieses Telefonat hätte bereits in dem besagten Café stattfinden sollen, nachdem ich das Halogenlämpchen gekauft, ein Weilchen nett mit meinen Freunden geplaudert und einen Kaffee getrunken hätte. Nun fand auch die Telefonkonferenz auf dem Bürgersteig vor dem Lampenladen statt. Ich war sauer auf das Gerät, das zu dem Zeitpunkt piepste, den ich selbst festgelegt hatte. Ich war nass geschwitzt, denn es waren fast dreißig Grad, und das Mobiltelefon klebte an meinem Ohr. Menschen drängten sich an mir vorbei und redeten rücksichtslos in voller Lautstärke, obwohl ich doch telefonieren musste.
Mehrfach überkam mich die unbändige Lust, den anderen
Teilnehmern der Telefonkonferenz das Wort abzuschneiden
und eine knappe und präzise Zusammenfassung zu präsentieren, um endlich den Gehsteig verlassen zu können. Als das nach mehreren Anläufen nicht gelungen war, legte ich einfach auf und stellte mein Mobiltelefon ab. Über den BlackBerry schickte ich schnell eine Mail an einen Kollegen, der noch an der Telefonkonferenz teilnahm: »Mein Akku schmiert ab, bitte entschuldige mich bei den Teilnehmern.« Ich dachte: »Wenn jetzt noch irgendjemand anruft, bringe ich ihn um.«
Dann betrat ich den Lampenladen. Eine ältere Verkäuferin
steuerte auf mich zu: »Wat kann isch für Sie tun?« Ich kramte
mein kaputtes Halogenlämpchen aus dem Rucksack und hielt
es ihr hin. »Dat hammer nisch«, sagte sie gut gelaunt. »Sie sind
doch ein Lampenladen?« fragte ich spitz. »Jawoll«, antwortete
die Frau. »Und Sie verkaufen Lampen und Zubehör?« Ich nahm
selber meine leicht gepresste Tonlage wahr. »Jawoll«, wiederholte die Frau und ließ sich in ihrer guten Stimmung nicht beirren.
»Aber Sie haben keine Halogenlampen?«, fragte ich, fast
schon kreischend. »So isset: die hammer nisch.«
Ich verspürte ein Beben in mir. Dann sagte ich zu der freundlichen älteren Dame »Schlampe!«, drehte mich auf dem Absatz um und verließ das Geschäft.