Zur Story braucht hier nichts gesagt zu werden, da dies bereits weiter oben geschehen ist. O 'Nans "Glück der anderen" ist eine faszinierende Meditation mit Stilmitteln des Suspense und des Action-Writing. O 'Nan scheint geschult an Raymond Carver. Wie dieser schreibt er in kurzen, klaren Sätzen ohne viele Nebensätze. Der Roman ist geschrieben in der zweiten Person Singular, was äußerst ungewöhnlich ist und dem Autor (anders als bei Nutzung einer "Ich"-Perspektive) ermöglicht, gleichzeitig die Perspektive des monologisierenden Erzählers und die dessen, der den Erzähler kommentiert, einzunehmen. Die "Du"- Perspektive bewirkt eine seltsam metaphysische und gleichzeitig bis in Grenzbereiche vordringende Erzählmöglichkeit, die bei Gebrauch der ersten Person Singulat nicht erreichbar wäre.
Das Setting des Romans ist ebenso schlicht und überschaubar wie seine Sprache: fast archaisch wird der Ort der Handlung angelegt, eine isolierte Kleinstadt in den USA im vorigen Jahrhundert, deren einzige Verbindung zur Außenwelt der einmal täglich passierende Zug ist.
Themen des Romans sind Glaube, Religiösität, Disziplin, Verantwortung, Schuld, Warten auf Erlösung. Trotz Beschäftigung mit so existentiellen Fragen des menschlichen Lebens ist auffällig wie wenig Liebe, Hoffnung und Nähe es zwischen den handelnden Personen gibt. Rigide Glaubensvorstellungen sind wichtiger als der Gebrauch der Vernunft. Die genannten Attribute stehen im Denken des Protagonisten fast gleichberechtigt nebeneinander. Die Mischung aus dem Mangel an echtem Gefühl und Irrationalität ist dabei prägend. Die Verweigerung eines rationalen Zugangs zu den Menschen und Ereignissen wird darin deutlich, daß der Protagonist sich mit seiner Glaubensvorstellung soweit im Wege steht, daß er nicht zu erkennen fähig ist, daß er selbst, als verantwortungsfixierter Helfer und Retter letztlich verantwortlich für den Tod seiner Familie, seiner Mitmenschen und seines Heimatortes wird.
Streckenweise handelt es sich bei dem Roman um eine Legende, eine Heiligengeschichte, streckenweise um eine Crime-Story, in der die Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen eines Größenwahnsinnigen geschildert werden, der (mit sich und seinem Gott im Reinen) sein persönliches Handeln außerhalb aller Kausalitäten sieht.
Ein bewegendes und verstörendes Buch, das von hohem literarischen Niveau ist und gleichzeitig Ähnlichkeiten mit Stephen King in seinen besten, tiefsten Erzählungen aufweist.