Aus der Amazon.at-Redaktion
Die Erzählungen um Gilgamesch, den großartigen Helden und gleichzeitig großartig an der letzten Grenze des menschlichen Daseins -- der Sterblichkeit -- Scheiternden, erregten schon kurz nach der ersten Übersetzung um 1900 großes Aufsehen. Neben der Entdeckung einer außerbiblischen Sintflutgeschichte begeisterten Dichter und Gelehrte die erzählerische Wucht und philosophische Tiefe der geschilderten Heldenabenteuer.
Einer weiteren Verbreitung steht jedoch bis heute die fragmentarische Überlieferung einzelner Erzählstränge im Wege, die in einem Zeitraum von mehr als tausend Jahren entstanden und in vier verschiedenen Sprachen verfasst wurden.
In den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts unternahm Albert Schott als erster Deutscher den Versuch, aus den damals bekannten Bruchstücken ein zusammenhängend lesbares Epos herzustellen. Dieses blieb in der Überarbeitung v. Sodens (neben der wenig geglückten versifizierten Ausgabe H. Schmökels von 1966) die einzig greifbare deutsche Fassung.
Raoul Schrott legt nun mit seinem Werk eine Neuausgabe dieses Epos unter Berücksichtigung neuester Fundstücke und Erkenntnisse vor. Er bietet gleich zwei Versionen an: eine eigene Nachdichtung des Stoffes und die so genannte ninivitische Fassung. Diese größte zusammenhängende Sammlung von Fragmenten einer einzelnen Überlieferungsschicht entstand etwa um 1.200 v. Chr.
Und genau darin liegt das Problem. Man wird nach der Lektüre das Gefühl nicht los, dass sich Schrott einerseits als Nicht-Altorientalist vor einer rein wissenschaftlichen Ausgabe scheute, andererseits vor einem eigenständigeren dichterischen Werk ob des hehren Vorbildes zurückschreckte. So fällt vor allem im Teil der Nachdichtung der pädagogische Impuls des Autors ins Auge, die Knappheit und manchmal rätselhafte Kürze eines Textes, welche einen großen Teil seiner Faszination ausmachen, durch Weitschweifigkeit zu ersetzen. Damit beschneidet und unterschätzt er die Fantasie eines aufmerksamen Lesers. Mit dieser sicherlich unbeabsichtigten Entzauberung einer Poesie, die Schotts/v. Sodens kleine Reclam-Ausgabe in wesentlich reinerer Form bietet, schafft Schrott zwar möglicherweise ein schnelleres Verständnis, allerdings zu einem vergleichsweise hohen Preis.
Dennoch machen Anmerkungen, Appendix, Zeittafel und Glossar den Zugang zu diesem wirklich außergewöhnlich faszinierenden Stück Weltliteratur einfacher als bisher, der weiteren Entdeckerfreude und dem weiteren Informationsdrang des Lesers sind da keine Grenzen gesetzt. --Burkhard Steinmüller -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Buch der 1000 Bücher
Gilgamesch-Epos
OT Scha naqba imuru (»Der alles schaute«)
EZ ca. 21. 12. Jahrhundert v. Chr. DE 1891Form Epos Epoche Babylonisches Altertum
Das Gilgamesch-Epos, das erste Großepos der Weltliteratur, war schon zu seiner Zeit berühmt und kanonisch. Eine nachträgliche Einfügung »aktueller« bedeutender Gottheiten fand in der Folge der Abschriften nicht statt. Die besondere Hochschätzung der alten Stadt Uruk, die im Epos zum Ausdruck kommt, hängt u. a. damit zusammen, dass in jener Stadt die Schrift zu einer solchen Form entwickelt wurde, dass sie die Gesamtheit der (sumerischen) Sprache auszudrücken vermochte. Uruk ist damit gewissermaßen der Geburtsort der Weltliteratur.
Entstehung: Gilgamesch war ein König der mesopotamischen Stadt Uruk, der zwischen 2750 und 2600 v. Chr. (in der »frühdynastischen« Epoche) geherrscht haben muss. Kürzere epische Dichtungen über Gilgamesch in sumerischer Sprache liegen aus der 3. Dynastie von Ur (ca. 2000 v. Chr.) vor, deren Herrscher aus Uruk stammten. Unter Verwendung dieses Materials schuf ein Dichter der mittelbabylonischen Zeit (ca. 1200 v. Chr.) eine zusammenhängende Komposition in akkadischer Sprache: das eigentliche Gilgamesch-Epos. Ein Exemplar dieses auf zwölf Tontafeln in Keilschrift niedergeschriebenen Zyklus wurde in der Bibliothek des assyrischen Königs Assurbanipal (669627 v. Chr.) gefunden. Ein Fragment eines literarischen Katalogs aus derselben Bibliothek nennt als Verfasser des Epos einen Sin-leqe-uninni. Nachdem der Text mehr als 2000 Jahre verschollen war, wurde er ab 1872 von dem britischen Assyriologen George Smith entdeckt. Zerstörte Teile des Textes werden seither in dem Maße ergänzt, wie an verschiedenen Orten Textfragmente (vor allem der sumerischen Varianten) gefunden werden.
Inhalt: Um der Fronherrschaft des Königs Gilgamesch über die Bewohner Uruks abzuhelfen, schaffen die Götter einen Gefährten für ihn: den »Tiermenschen« Enkidu. Dieser wird zum Menschen zivilisiert, indem ihm eine Tempelprostituierte zugeführt wird. Gemeinsam begehen Gilgamesch und Enkidu Heldentaten: Sie töten den Wächter des Zedernwaldes (Libanon), Chuwawa, und fällen die heilige Zeder. Zurückgekehrt, wird Gilgamesch von der Liebesgöttin Ischtar aufgefordert, die heilige Hochzeit zu vollziehen. Er lehnt das Angebot ab und verhöhnt die Göttin. Darauf muss er mit Enkidu gegen den Himmelsstier kämpfen, den sie töten. Aufgrund eines Ratsschlusses der Götterversammlung erkrankt Enkidu und stirbt. Gilgamesch trauert um den Freund und wird fortan von der Angst zu sterben umgetrieben. Auf der Suche nach Unsterblichkeit macht er sich auf die Suche nach Utnapischtim, dem einst von den Göttern die Unsterblichkeit verliehen wurde. Auf dem Weg vollbringt er weitere Heldentaten; weder Gefahren noch der Rat der Schenkin Siduri, sich auf den Genuss des diesseitigen Lebens zu konzentrieren, können ihn bremsen. Der Fährmann Urschanabi setzt Gilgamesch schließlich über die Todeswasser zu Utnapischtim über. Dieser berichtet ihm, dass er die Unsterblichkeit erlangte, als er die Sintflut durch den Bau einer Arche überlebte. Mit Urschanabi kehrt Gilgamesch zurück zur Stadtmauer von Uruk. Sie, die von Gilgamesch gebaut wurde, erweist sich als das Mittel, seinen Namen unsterblich zu machen.
Aufbau: Die Abenteuer des Helden bilden einen Kreis, beginnend und endend mit der (ihrerseits annähernd kreisförmigen) Stadtmauer Uruks. Daran angehängt ist als zwölfte Tafel eine Art Epilog, worin Enkidu seinem Freund Nachricht aus der Unterwelt erteilt. Ein wichtiges Element der einzelnen Abenteuer sind die großzügig eingearbeiteten Träume der Helden und deren Deutung als Omina.
Wirkung: Der Sintflut-Bericht der R Bibel ist von seinem mesopotamischen Gegenstück offensichtlich beeinflusst; der Letztere ist aber nicht exklusiv im Gilgamesch-Epos enthalten, sondern auch separat, als Atrachasis-Mythos, überliefert. Motive des Gilgamesch-Epos haben spätere Heldenerzählungen beeinflusst, so jene über Herakles, und lassen sich noch in den Erzählungen aus R Tausendundeiner Nacht finden.
Nach 2000 Jahren Rezeptionsabriss gelangte Gilgamesch erneut zu großer Popularität. Neben den diversen Editionen des Epos selbst wurde der Stoff in Opern von Ture Rangström (18841947) und Bohuslav MartinÞu (1890 bis 1959) sowie in diversen Romanen verarbeitet (zuletzt Stephan Grundy, Gilgamesch. Herr des Zweistromlandes, 2000). R. H. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
Umschlagtext
Die heute greifbaren deutschen Übersetzungen sind zu großen Teilen veraltet, was zum einen damit zu tun hat, dass das elf Tontafeln umfassende Gilgamesh-Epos bis heute nur fragmentarisch überliefert ist, zum anderen aber auch mit den immensen Fortschritten der letzten fünfzig Jahre im Verständnis dieser Kultur und ihrer Sprache. Mittlerweile jedoch sind so viele Funde ans Licht gekommen, dass zahlreiche Lücken gefüllt werden konnten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .