Vogl beleuchtet die Wirtschaftstheorie auf eine Weise, wie es lange nicht mehr geschehen ist. Er kann es, weil er sich eine Literaturkenntnis erworben hat, die in dieser Breite bei den meisten Vertretern des Faches leider längst fehlt. Aus verständig ausgewählten Werken der Wirtschaftstheoriegeschichte destilliert er ein knapp 200 Seiten messendes Konzentrat, das es in sich hat. Die Theorieentwicklung wird darin als Versuch der Auflösung eines immer wieder aufkommenden widersprüchlichen Eindrucks dargestellt. Die Theorie der Wirtschaft handelt einerseits von der Wohlfahrt sichernden Warenproduktion und wunderschönen und leicht verstehbaren Harmonien; die erlebbare Wirtschaft durchläuft dagegen auch immer wieder wenig harmonisch wirkende, offenbar schwer zu erklärende Perioden der Stagnation oder gar des wirtschaftlichen Niedergangs. Aristoteles sah dies als Folge davon, dass die Wirtschaft nicht mehr nur auf die im Gleichgewicht zu erzeugende Gütermenge zur Befriedigung des natürlichen Bedarfs der Polis gerichtet war. Darüber hinaus wurde für den auf Gelderwerb gerichteten Handel produziert. So wie die Befriedigung des Bedarfs endlich war, hatte das Streben nach Geld kein Harmonie sicherndes Maß und keine Grenze. Im Zeitalter der ökonomischen Klassiker glaubte man, den Widerspruch durch Harmonie störende externe Ereignisse gedanklich überbrücken zu können. Heute sind zur Schließung der Lücke zwischen dem Denken und dem Wahrnehmen von Wirtschaft sublimere Ideen üblich, aber eben keineswegs überflüssig. Vogl zeigt, wie die moderne Neoklassik die Einheit von Denken und Sehen dadurch herstellt, dass sie das Gleichgewicht und die Harmonie - statt als Beschreibung der Wirtschaft - nur noch als Modell betrachtet, das eine über vollkommene Märkte zu verwirklichende Möglichkeit gesellschaftlicher Wirtschaft darstellt. Die pessimistische, von Marx ausbuchstabierte Konsequenz der Klassik, dass Ökonomie nicht als Reproduktion von Natur, sondern als Reproduktionsprozess des Kapitals zu verstehen ist, in dem sich die Kapitalisten als Kapitalisten und die lohnabhängigen, eigentumslosen Arbeiter als weiterhin eigentumslose Arbeiter reproduzieren, wird dabei aufgelöst. Es geschieht durch Ökonomisierung des Haushaltes, die ihn zum Humankapital produzierenden Unternehmen werden lässt. Damit eröffnen sich für Haushalte und Unternehmen in den Grundzügen gleiche Bedingungen. Es gelten vor allem in Güter erzeugenden Unternehmen und Humankapital hervorbringenden Haushalten die gleichen Kalküle für die Investition und die daraus sich ergebenden Möglichkeiten zum Beispiel der Spekulation. Die soziale Harmonie erscheint so als Herausforderung, das Modell der Wirtschaft in die Wirtschaftswirklichkeit zu transformieren und sie entfesselt einen Prozess der Entwicklung von Instrumenten, mit denen es gelingen könnte, die Ungleichgewicht und Krise bergende Unsicherheit bei den Investitionsentscheidungen in berechenbare Wahrscheinlichkeiten aufzulösen. Die Mathematisierung der ökonomischen Theorie versprach, die besten Dienste zu leisten. Der Glaube daran, dass, was man richtig rechnen kann, auch richtige Handlungen begründen können muss, hat noch immer Überzeugungskraft ausgestrahlt. Das Vertrauen in diese Annahme führt direkt zu der vom Nobelpreis gekrönten Formel von Black, Merton und Scholes. Schon lange nicht mehr, so kann man bei Vogl sehen, hat eine Gleichung so energisch die Institutionen der Wirtschaft in so kurzer Zeit verändert wie diese. Dass sie in eine Reihe von heftigen - nur durch bislang ungeahnte und in ihrer Wirkung noch nicht abschließend zu bewertende Staatsinterventionen abgewehrte - Finanzmarkterschütterungen führte, hat freilich den Zauber der Berechenbarkeit gesellschaftlicher Harmonie verblassen lassen. Das hat der von Mandelbrot aufgestellten Behauptung, das Gleichgewicht der Ökonomen gehöre nicht zu den möglichen Lösungen eines freien Marktes, neuen Auftrieb gegeben. Statt Annäherung an die Harmonie einer gesellschaftlichen Wirtschaft ohne Klassen zu ermöglichen und nur durch Begabung und Leistung begründete Einkommensunterschiede zuzulassen, lösen Marktpreise hiernach systematisch prozyklische Instabilitäten aus. Dies sind nicht nur vom Finanzmarkt ausgehende Übersteigerung der Konjunktur und ein anschließender Krebsgang mit einbrechenden Preisen. Es werden auch typischerweise die Kosten der unerfreulichen Entwicklung auf jene übertragen, die an den Entscheidungen, die zur Krise führten, weder beteiligt waren, noch von ihren Übersteigerungen profitierten.
Das Buch Vogls enthält - hierin berühmten Vorbildern ähnlich - eigentlich keine wirklich neue Theorie. Es bringt aber die Vorhandenen in einen konsistenten und überzeugenden Zusammenhang. Mit gutem Grund wird es seinen Weg in die Bücherregale finden. Es wird auch sehr wahrscheinlich eine längst nötige Diskussion um die Möglichkeiten und Leistungen der gelehrten und praktizierten Ökonomik auslösen. Das kann Überraschungen für die in Selbstgefallen erstarrte vorherrschende Lehre von Miegel, Sinn und Zimmermann ergeben. Man darf sich darauf freuen. Eine Warnung tut aber not: Das Buch ist kein Leitfaden für Laien und Anfänger im Fach. Den vollen Genuss hat nur der Leser, der über hinreichende dogmenhistorische Kenntnisse verfügt.