Die Rückschau auf das 20. Jahrhundert von Hans-Peter Schwarz erschien bereits 1998 erstmals unter dem Titel "Das Gesicht des Jahrhunderts". Inzwischen ist das Buch zu einem historischen Standardwerk geworden. Nun liegt eine Neuauflage im Münchner Pantheon Verlag vor, die um ein Aprèslude zum Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert ergänzt wurde.
Obwohl sich das 20. Jahrhundert mit Riesenschritten aus unserer Erinnerung zu entfernen scheint, ist die Analyse dieses geschichtsträchtigen Jahrhunderts eine wichtige und noch längst nicht abgeschlossene Sache. Der renommierte Politologe und Historiker Hans-Peter Schwarz untersucht das 20. Jahrhundert anhand seiner denkwürdigen politischen Gestalten. Dazu gehören große Ungeheuer, große Retter, Ruinierer, Reformer, Staatsgründer und Stabilisierer. Dieser Faktor Persönlichkeit ist das Thema der knapp 900 Seiten.
Die Darstellung beginnt nach einer Einführung mit den europäischen Monarchen (Franz Joseph I., Nikolaus II. und Wilhelm II.), die ihre Imperien in den Ruin trieben. Ohne sie, so der Autor, "hätten sich sinistre Figuren wie Lenin, Stalin, Mussolini und Hitler nie aus den Gullys der Geschichte hervorwagen können". Außerdem wird die historische Bedeutung der oft unterschätzten Generäle des Ersten Weltkrieges näher untersucht.
Das Ringen zwischen Demokratien und Diktaturen ist für den Autor das Zentralthema der ersten Jahrhunderthälfte. Als demokratische Gegenspieler in der Krise sieht er Roosevelt, Churchill, Lloyd George oder Chamberlaine. Als eigentliche Stabilisierer des aus den Fugen geratenen Jahrhunderts werden jedoch Truman und Eisenhower angesehen. Viele Persönlichkeiten wie Adenauer, Macmillan oder Ben Gurion werden heute schlechthin als historisch angesehen, aber ihre Nachwirkungen sind bis in unsere Gegenwart zu verspüren.
Ein weiteres Hauptthema der Betrachtungen ist die Errichtung einer Vielzahl von Nationalstaaten in Asien und Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter dem Aspekt der Dekolonisierung werden einige der zahlreichen Freiheitskämpfer und Staatsgründer vorgestellt. Zugleich kehrt auch hier der moderne Tyrannen-Typ in mehr oder weniger abgewandelter Form bei den Führern der Dritte-Welt-Länder auf. Das zu Ende gehende Jahrhundert wurde dann geprägt von der Entspannung und ihren Reformern (Brandt, Reagan, Gorbatschow oder Deng Xiaping). Der glückliche Ausgang dieses Umbruchprozesses war auch ganz wesentlich das Verdienst von George Bush und Helmut Kohl.
Zum Schluss nimmt Schwarz nicht nur das vorhergehende Jahrhundert in den Blick, um das 20. Jahrhundert richtig verstehen zu können, sondern versucht auch einen Ausblick auf das 21. Jahrhundert. Dabei stellt er entscheidende Fragen: Was wird geschehen, wenn erneut ausweglos erscheinende Weltwirtschaftskrisen und bedrohliche Ungeheuer auftreten? Und welches Gesicht werden die Führer in den kommenden Jahrzehnte an den Tag legen?
Fazit: Ein historisches Standardwerk von ausgesprochener Geltung für alle, die mehr über das vergangene Jahrhundert wissen wollen. Dabei sind die Grundlagen wie die Details sowohl aus fachlicher als auch aus sprachlicher Sicht in exzellenter Art und Weise miteinander verbunden.
Manfred Orlick