Ich gebe zu, ich bin ein Fan der Autorin, weshalb ich möglicherweise ein bisschen befangen bin. Jedoch hat sich Mara Laue meiner Meinung nach mit diesem Roman selbst übertroffen.
Worum es geht:
Der New Yorker Cop aus Leidenschaft Ashton Ryder gerät in eine Krise, als sich die Indizien häufen, dass seine Frau Mary ihn betrügt. Doch der vermeintliche Nebenbuhler ist weder ein Nebenbuhler und erst recht kein Mensch, sondern ein Vampir - eine Kreatur, von deren Existenz Ashton nichts geahnt hat, bis er ihn neben der blutleeren Leiche seiner Frau sieht. Von dem Moment an kennt Ashton nur noch seinen Durst nach Rache. Er schließt sich "Protector" an, einer Detektei, die sich auf die Jagd nach Vampiren spezialisiert hat und verfolgt zehn Jahre lang unerbittlich Marys Mörder. Doch als er ihn endlich stellen und töten kann, hat er die Rechnung ohne dessen Geliebte gemacht. Die lockt ihn in eine Falle und verwandelt ihn aus Rache ebenfalls in einen Vampir.
Ashton wird vom Jäger zum Gejagten, hinter dem nicht nur rachsüchtige Vampire her sind, deren Freunde und Verwandte er ermordet hat. Auch seine Kollegen von "Protector" verfolgen ihn unnachsichtig, die in einem Vampir, der alles über ihre Organisation weiß, eine immense Gefahr sehen und ihn deshalb schnellstmöglich töten wollen. Ashton, von Selbsthass auf sein neues Dasein und mörderischer Wut auf seine neuen Artgenossen zerfressen, macht rachsüchtig nun noch gnadenloser Jagd auf jeden Vampir, der ihm über den Weg läuft. Schließlich wird er von den "Wächtern" dingfest gemacht und muss durch diese Vampirpolizisten erkennen, dass sein "Wissen" über Vampire kaum etwas mit deren Realität zu tun hat. Dass diese Nachtgeschöpfe zudem strenge Gesetze haben und nur die wenigen Verbrecher unter ihnen sich verbotenerweise an Menschen vergreifen. Vor die Wahl gestellt, sich entweder in die enge Gemeinschaft der Vampire einzugliedern oder hingerichtet zu werden, entscheidet sich Ashton notgedrungen für seine neue Existenz, kann sich aber - logischerweise - nicht so recht mit ihr anfreunden. Ständig schwankt er zwischen Todessehnsucht und der Faszination, die das Vampirleben zunehmend auf ihn ausübt.
Als er von einem Heilmittel erfährt, mit dessen Hilfe er vielleicht wieder ein Mensch werden könnte, macht er sich auf die Suche danach und kommt im Zuge dessen einem Komplott auf die Spur, mit dem ein hochrangiges Mitglied der Vampirgemeinschaft die Wächter auslöschen will, um danach ungehindert die Herrschaft über alle Vampire an sich reißen zu können. Nun muss Ashton sich entscheiden, ob sein brennender Wunsch, wieder ein Mensch zu werden, es rechtfertigt, seine neuen Artgenossen im Stich zu lassen, oder ob er nicht moralisch verpflichtet ist, zusammen mit ihnen dem Verbrecher und seinen vampirischen, menschlichen und sogar dämonischen Kumpanen das Handwerk zu legen. Dass das Heilmittel, das ihn wieder in einen Menschen verwandeln könnte, ausgerechnet im Besitz einer Dämonin ist - in seinen Augen eine Ausgeburt der Hölle, der man nicht trauen darf -, erschwert ihm die Entscheidung ebenso sehr wie die Tatsache, dass er inzwischen begonnen hat, Freunde unter den Vampiren zu finden und sogar eine Vampirin zu lieben ...
Dies ist absolut kein Teenie-Schmachtroman nach dem Vorbild der "Bis(s)"-Bände, sondern eindeutig ein Roman für Erwachsene, der durch die ausgefeilten Charaktere besticht sowie durch die differenzierte (und eigene) Darstellung der vampirischen und "magischen" Parallelwelt mitten in der menschlichen Gesellschaft. (Unter anderem beantwortet die Autorin auch beinahe wissenschaftlich die Frage, warum Vampire zu Staub zerfallen, wenn man sie mit einem Holzpflock durchbohrt.) Darüber hinaus ist es ein hervorragender Entwicklungsroman, der den Werdegang eines Mannes vom gnadenlosen Rächer zum Friedensstifter sehr glaubhaft darstellt.
Unter der Oberfläche der actionreichen und spannenden Krimihandlung im Vampir-Milieu mit packenden Wendungen gibt es aber durchaus Parallelen zu Problemen unserer realen Welt.
So erinnert "Protectors" gnadenlose Verfolgung von Vampiren, Hexen, Werwölfen und Dämonen nur weil sie eben Vampire etc. sind, frappierend an Genozide/Genozidversuche der jüngeren Geschichte. Ashton Ryder steht dabei als Beispiel dafür, wie ein an sich guter Mensch durch den blinden Glauben an Feindpropaganda (hier: dass alle Vampire menschenmordende Monster wären) und deshalb in der festen Überzeugung, damit Gutes zu tun, zum mehrfachen Mörder Unschuldiger wird. Die Verfolgung, der er durch "Protector" ausgesetzt ist, nachdem er selbst zum Vampir wurde und die Wahrheit erkannt hat, ähnelt nicht minder frappierend den gängigen Repressalien, die Aussteiger aus manchen Sekten oder radikalen Gruppierungen von ihren ehemaligen Kameraden zu befürchten/erleiden haben. Nicht zuletzt zeigt der Roman auch die absolute Sinnlosigkeit und das zerstörerische Potenzial von "Vendetta".
Trotzdem wird nirgends der "erhobene Zeigefinger" sichtbar und kann man den Roman auch einfach nur als einen Vampirkrimi der besonderen Art genießen - temporeich, düster, abgründig und trotzdem amüsant.
Nach diesem ersten Auftaktband einer Trilogie (Band 2: "Göttin der Finsternis", Band 3: "Sanktuarium") darf man zu recht auf die beiden Folgebände gespannt sein! Schade nur, dass man auf den nächsten Band ein Jahr warten muss.