Für seine Justizthriller hat John Grisham viel Geld bekommen, aber auch viel Kritik. Nun versuchte er sich am höchsten literarischen Gut: der Short Story. Sieben davon sind in »Das Gesetz« abgedruckt.
Ich hör' sie schon wieder schreien, die etablierte Riege der Buchkritiker, die mit John Grisham und dessen Justiz-Thrillern auf Kriegsfuß stehen. Von wegen: einfache Sprache, schlichte Story und überhaupt immer diese schnöden Klischees. Und jetzt versucht sich dieser verflixte Grisham auch noch an dem höchsten, literarischen Gut: die Short Story. Sakrileg!
Tatsächlich?
Nun, das Schreiben einer guten Kurzgeschichte ist tatsächlich echte Kunst. Nur die wenigsten Schriftsteller beherrschen dieses Spiel der wenigen Worte und der überraschenden Pointen, erst recht wenn sie ihre Story im Krimi- oder Thrillergenre ansiedeln.
Letzteres ist bei Grisham gar nicht der Fall. Darüber hinaus glaube ich auch nicht, dass er mit seinen Storys, die in dem jüngst veröffentlichten Buch »Das Gesetz« gesammelt erschienen sind, hohe, literarische Meriten anstrebte. Und überhaupt sei die Frage erlaubt: Wie zum Henker kommt der deutsche Verlag dazu, dem Storyband diesen hanebüchenen Titel zu verpassen. Denn mit Justiz und mit Richtern und Anwälten, so wie man es üblicherweise von Grisham gewohnt ist, haben die Kurzgeschichten meist gar nichts zu tun. Aber vermutlich haben findige Verlagslektoren mal wieder gedacht, deutsche Leser erwarten nun mal Recht & Ordnung von Grisham, also kriegen sie »Das Gesetz« von Grisham.
Im Original heißt das Buch stattdessen »Ford County - Stories«, und das trifft es auf den Punkt. Denn verbindendes Glied aller sieben Geschichten ist eben dieser fiktive Ort in Mississippi, den der Grisham-erprobte Leser bereits aus dessen Debüt
Die Jury: Roman kennt. Und wie man sich das Leben in Mississippi so vorstellt, gestaltet Grisham auch seine Stories, manchmal gemütlich, oft behäbig, meist irgendwie unspektakulär: ein in Ödnis erstarrter Mann, der zum ersten Mal im Leben über sich hinauswächst, nachdem seine Frau sich von ihm getrennt hat. Ein an Aids erkrankter Schwuler, der zum Sterben in seine Heimatstadt zurückkehrt, aber dort auf blankes Entsetzen stößt. Eine Familie, die zum letzten Mal ihren zum Tod verurteilten Sohn und Bruder im Knast besucht, der bis kurz vor der Hinrichtung an seine Begnadigung glaubt - bevor sie ihn im Sarg mit heimnehmen und begraben.
Wie gesagt: Ein Meisterwerk, wie es der Klappentext verheißt, ist das alles nicht. Aber gerade weil die Geschichten von den Erlebnissen kleiner Leute in einem kleinen Ort erzählen, und zwischen den Zeilen immer wieder ein stiller Humor durchscheint - ein Humor, der keineswegs bösartig ist; eher eine Art Humor, mit dem sich die Widrigkeiten des Lebens in der Einöde Amerikas leichter ertragen lassen - bietet »Das Gesetz« ein kurzweiliges Vergnügen für ein verregnetes Wochenende im Herbst. Das ist doch schon mal was!