Wenn ich dieses Buch lese, muss ich unweigerlich wieder an die Frechheiten des vergangen Bundestagswahlkampfes denken. Was wären für wunderbare Veränderungen eingetreten, hätte man dieser Idee eine Chance gegeben. Bis zu dieser Wahl war es durchaus verständlich, ein echter Fan des sehr verehrten Herrn Wulf aus Niedersachsen zu sein, - bis er schließlich begann, sich seinen eigentlichen politischen Kontrahenten um unseren integeren Ex-Kanzler anzuschließen, und knallhart und mit einer primitiven Frechheit eiskalte Lügen (ja: Lügen) über die Vorschläge des "Professors aus Heidelberg" herauszudröhnen.
Ich mag mir kaum vorstellen, was uns alles entgangen ist: In vielen deutschen Städten hätten Finanzbeamte ihre warmen Büros räumen müssen, in denen ein Großteil der Bestimmungen unseres weltweit verlachten Steuerrechts ihren Ursprung haben. Ganze Finanzämter wären verschwunden, einige radikal verschlankt worden, weil es einfach keinen Bedarf mehr für ihre unproduktive und die Ökonomie behindernde Arbeit gegeben hätte. Auch die Unzahl unserer Steuerberater und -juristen (auch das ist ein deutlicher Indikator für die Fehlentwicklungen eines Wirtschaftsstandortes) hätte sich sehr rasch und wie von selbst reduziert. Sorgen hätte man sich jedoch um all diese hoch qualifizierten Menschen keine machen müssen, da sie problemlos in der Wirtschaft neue Beschäftigung gefunden hätten, wo sie endlich kreative und wertschaffende Tätigkeiten hätten ausführen und somit zu unser aller Wohl beitragen können, anstatt sich jeden Tag neue Wege zur Umgehung der Steuerpflicht ihrer elitären Mandanten zu überlegen und somit dem Gemeinwesen - also letztlich uns allen - beträchtlich zu schaden.
Da wurden doch tatsächlich von etablierten Politikern Sätze herausposaunt wie "Wollen Sie wirklich, dass die Krankenschwester genauso viel Steuern bezahlen muss wie der Oberarzt?" Einfach unglaublich, dass ein gewählter Abgeordneter die Dreistigkeit besitzt, mit der Unfähigkeit der Menschen, zwischen absolut und relativ zu unterscheiden, seinen Wahlkampf betreibt und die Massen auf schäbigste Weise anlügt. Hinzu kommt: Es wurde immer von einer Flat-Tax gesprochen - im Übrigen auch von den Kollegen der CDU. Dies ist einfach falsch. Auch der Kirchhof-Steuertarif beginnt in den ersten Einkommensklassen stufenweise. Das bedeutet, dass viele tausend deutsche Haushalte in diesem System im Vergleich zum Jetzigen gar keine (das ist wirklich so) oder viel weiniger Steuern zu entrichten gehabt hätten. Leider ist dies nie - bis heute nicht - zu den Menschen durchgedrungen.
Ich bin kein Fan von Ulli Hoeneß. Dennoch will es doch schon etwas heißen, wenn selbst dieser Mann Sätze sagt wie: "Die Kirchhof-Steuer wäre für all die Leute bei uns aus Starnberg das Brutalste überhaupt gewesen. Dann hätten sie zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich Steuern zahlen müssen."
Was wäre es allein für eine Freude gewesen, die eigene Steuererklärung zu erstellen. - Keine hohen Gebühren für den Steuerberater, kein endloser Zeitverlust, keine Nachzahlungen, keine mühsam gesammelten Belege, kein Druck, kein ahnungsloses Davorsitzen, keine Minderwertigkeitsgefühle, weil man dieses bescheuerte Formular nicht versteht. Und aus meiner Sicht Wichtigste: kein Sich-ewig-ungerecht-behandelt-fühlen, weil man bestimmt noch irgend etwas hätte besser machen und somit noch ein paar Cent sparen können. So mancher müsste sich wahrscheinlich erstmal überlegen, was er nun mit all der gewonnenen Zeit anfängt: vielleicht spazieren gehen, fernsehen oder nichts tun - alles tausendmal sinnvoller als dieser lächerliche, überflüssige Firlefanz, mit dem man die Leute seit Jahrzehnten quält.
Kurzum: Es bleibt dabei. Dieses Konzept (auch wenn dieses Wort keiner mag) ist brillant - und somit auch dieses Buch. Ich hoffe sehr, dass diese Idee - egal, ob in Gestalt des Herrn Professor Kirchhof, oder sonstwie - noch einmal eine echte Chance bekommt. Deutschland kann's gebrauchen.