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Das Gesetz der Ehre: Roman
 
 
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Das Gesetz der Ehre: Roman [Gebundene Ausgabe]

Gianrico Carofiglio , Claudia Schmitt
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

kulturnews.de

Der ehemalige Mafia-Staatsanwalt Carofiglio hat mit seinem Romanhelden, dem Avvocato Guido Guerrieri, der italienischen Kriminalliteratur eine neue Nuance gegeben. Guerrieris neuer Klient ist ausgerechnet der Albtraum seiner Jugend, der ehemalige faschistische Rädelsführer Paolicelli. Widerstrebend übernimmt er den Fall, fühlt er sich doch auch zu der Frau seines Klienten hingezogen ...  Autor Carofiglio benötigt beim dritten Fall etwas länger, um den Leser in seinen Bann zu ziehen, bleibt aber immer noch weit über dem Durchschnitt. Wie gehabt steht weniger die Lösung des Falls im Mittelpunkt, sondern die persönliche Entwicklung von Guerrieri. Und die fasziniert wie immer! (am)

Pressestimmen

"Carofiglio schreibt prägnant und intensiv, voll Tempo, Tiefe und Witz. Wer Krimis liebt, kann sich auf ,Das Gesetz der Ehre' so richtig freuen." (Bild am Sonntag )

"In Bari ist Gianrico Carofiglio ein Star: Der Staatsanwalt sorgt nicht nur dafür, dass die Bösen hinter Gitter kommen, er schreibt auch noch phantastische Kriminalromane." (FAZ )

"Seine Figuren sind plastisch, seine Dialogführung ist ziemlich gewitzt, sein Wissen um die Arbeit von Strafverfolgungsbehörden wohltuend kompetent. Einmal mehr speist Gianrico Carofiglio seinem Plot zudem hübsch unerwartete Wendungen ein. Dass Jeffery Deaver, der Großmeister des intellektuellen Verwirrspiels, ihm attestiert, er setze in der Krimiliteratur neue Maßstäbe, ist ein Ritterschlag – und zugleich völlig berechtigt." (Die Welt )

Kurzbeschreibung

Wer seinen Feind besiegen will, muss ihn verteidigen

Als Avvocato Guerrieri seinem neuen Mandanten zum ersten Mal im Gefängnis begegnet, verschlägt es ihm den Atem: Denn vor ihm sitzt niemand anders als Fabio Paolicelli, der Intimfeind seiner Jugendtage. Aus dem gewaltbereiten Teenager, der als Rädelsführer einer Jugendgang in Bari von sich reden machte, ist mittlerweile ein braver Familienvater geworden. Mit dem vorgeworfenen Drogenschmuggel habe er nichts zu tun, beteuert er. Ob Guerrieri seinem Mandanten glauben kann, weiß er nicht. Seine Verwirrung steigert sich noch, als er Natsu kennenlernt, die schöne Ehefrau Paolicellis, zu der er sich sofort hingezogen fühlt. Weil Natsu seine Gefühle erwidert, steht Guerrieris Entschluss fest: Er wird Paolicelli verteidigen. Auch wenn er dabei alles andere als redliche Motive verfolgt …

Klappentext

»Gianrico Carofiglio setzt in der Kriminalliteratur neue Maßstäbe.«
Jeffrey Deaver

"Eine neue kraftvolle Stimme, von der wir noch viel hören werden."
Daily Mail

"Carofiglio schreibt prägnant und intensiv, voll Tempo, Tiefe und Witz. Wer Krimis liebt, kann sich auf ,Das Gesetz der Ehre' so richtig freuen."
Bild am Sonntag

Über den Autor

Gianrico Carofiglio wurde 1961 in Bari geboren und arbeitete in seiner Heimatstadt viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt. 2007 war er als Berater des italienischen Parlaments für den Bereich organisierte Kriminalität tätig. Seit 2008 ist Gianrico Carofiglio Mitglied des italienischen Senats. Berühmt gemacht haben ihn vor allem seine Romane um den Anwalt Guido Guerrieri. Seine Geschichten fesseln mit einem spannenden Plot, doch sie sind viel mehr Entwicklungsroman als Krimi oder Gerichtsthriller, denn stets spielen die Höhen und Tiefen im Privatleben seines Helden eine zentrale Rolle. Gianrico Carofiglios Bücher feierten sensationelle Erfolge, wurden bisher in 24 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen literarischen Preisen geehrt, u.a. mit dem Radio Bremen Krimipreis 2008. Gianrico Carofiglio lebt mit seiner Familie in Bari.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als Margherita sagte, sie müsse mit mir reden, dachte ich, sie sei schwanger.
Es war ein Spätnachmittag im September. Erfüllt von dem dramatischen Licht des scheidenden Sommers, das bereits das Halbdunkel des Herbstes und seine Geheimnisse in sich birgt.
Ein guter Moment, um zu erfahren, dass ich Vater werde, dachte ich buchstäblich, während wir uns in einem Straßencafé niederließen, die tief stehende Sonne im Rücken.
»Ich habe einen neuen Job angeboten bekommen. Es ist ein sehr gutes Angebot. Allerdings müsste ich dafür etliche Monate ins Ausland gehen. Vielleicht sogar für ein ganzes Jahr.«
Ich starrte sie an, als hätte ich mich verhört oder den Sinn ihrer Worte nicht richtig erfasst. Was hatte dieser Job mit dem Kind zu tun, das wir in ein paar Monaten bekommen würden? Das verstand ich nicht, und sie erklärte es mir.
Eine große amerikanische PR-Agentur – sie nannte mir auch den Namen, aber ich vergaß ihn sofort, vielleicht hörte ich ihn auch gar nicht – hatte ihr angeboten, die Werbekampagne für die Neu-Lancierung einer Fluggesellschaft zu leiten. Hier nannte sie einen sehr bekannten Namen. Sie meinte, es handle sich um eine einmalige Gelegenheit.
Eine einmalige Gelegenheit. Billardkugeln gleich prallten diese Worte immer wieder gegen die Wände meines Hirns, was so weh tat wie das dumpfe Pochen bei einem Migräneanfall. Mir war plötzlich, als kreise der Sinn dieser ganzen Geschichte um einen unsichtbaren Punkt, den ich weder ausmachen noch genau erkennen konnte.
»Wann hast du dieses Angebot bekommen?«
»Im Juli. Erste Kontakte gab es vorher schon, aber das offizielle Angebot kam im Juli.«
»Bevor wir in den Urlaub gefahren sind«, sagte ich, als hätte das irgendeine Bedeutung.
Die es vielleicht auch hatte.
Dann fiel der Groschen. Wenn sie es mir im September sagte, also zwei Monate nach dem Angebot und wer weiß wie lange nach den ersten »Kontakten«, dann hieß das, sie hatte sich bereits entschieden, wenn nicht gar zugesagt.
»Du hast bereits zugesagt.«
»Nein. Ich wollte vorher mit dir reden.«
»Aber du hast dich schon entschieden.«
Sie zögerte kurz – es war das einzige Mal –, dann nickte sie.
Und ich dachte, du wolltest mir sagen, du seist schwanger. Ich dachte, mein ödes Leben bekäme mit zweiundvierzig urplötzlich, wie durch Zauberhand, noch einen Sinn und einen Zweck. Durch dieses Kind, diesen Jungen – oder dieses Mädchen –, dem ich vor dem Altwerden noch rasch etwas hätte beibringen können.
Das sagte ich nicht. Ich behielt es für mich, wie etwas, wo für man sich schämt, obwohl man es nur gedacht hat. Weil man sich für seine Schwäche schämt, für seine Verletzlichkeit.
Stattdessen fragte ich sie, wann es losgehe, und mein Gesicht muss dabei absurd ruhig gewirkt haben, denn sie sah mich mit einem Anflug von Besorgnis und Verwunderung an. Von der Straße klang das lang gezogene, wütende Knattern eines frisierten Motorrads herüber, und ich dachte, dass ich dieses Geräusch im Gedächtnis behalten würde. Dass ich es wieder hören würde, jedes Mal, wenn mir diese unerwartete, grausame Szene in den Sinn kam.
Sie wusste nicht, wann es losgehen würde. In zehn, vierzehn Tagen vielleicht. Bis Ende des Monats musste sie auf alle Fälle in Mailand sein, Mitte Oktober in New York.
Also wusste sie sehr wohl, wann es losging. Dachte ich.
Wir schwiegen, zwei, drei Minuten lang. Oder auch länger.
»Willst du nicht wissen, warum?«
Nein, das wollte ich nicht. Und selbst wenn – ich sagte trotzdem nein. Ich wollte nicht, dass sie ihre Gründe – zweifellos ausgezeichnete Gründe – bei mir ablud, um ihr Gewissen zu erleichtern oder ihr Herz oder wo auch immer unsere Schuldgefühle sich befinden mögen. Ich wollte, dass ich meinen Schmerz behielt und sie ihren. In den kommenden Wochen und Monaten würde ich noch ausreichend Gelegenheit haben, mich mit dieser Frage, den Erinnerungen und allem Übrigen zu quälen.
Aber für diesen milden, grausamen Septembernachmittag war das genug.
Ich stand auf und sagte, ich würde nach Hause zurückkehren oder vielleicht ausgehen.
»Guido, sei doch nicht so. Sag bitte was.«
Ich sagte aber nichts. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Ich gehe doch nicht für immer. Wenn du so reagierst, machst du mir Schuldgefühle.«
Worte, die ihr leidtaten, sobald sie sie ausgesprochen hatte. Vielleicht las sie etwas in meinem verzweifelten Gesicht, vielleicht wurde ihr einfach nur klar, dass das, was sie tat, nicht richtig war. Wahrscheinlich war es unvermeidlich – sie hatte es sich in all diesen Wochen gewiss gründlich überlegt –, aber richtig war es mit Sicherheit nicht.
Sie brachte noch andere Dinge vor, mit gebrochener Stimme. Doch sie hörten sich an wie das, was sie waren. Ausreden.
Und während sie diese Dinge vorbrachte, hörte ich ihr schon nicht mehr zu. Die ganze Szene nahm die Unwirklichkeit eines Negativs an und grub sich mir als solches ins Gedächtnis ein.

1
Während ich darauf wartete, dass die Richter den Saal betraten und die Sache meines Mandanten zum Aufruf kam, sah ich im Zuschauerraum eine junge Frau. Eine Asiatin mit deutlich europäischem Einschlag; sie war hübsch und wirkte etwas verloren.
Ich fragte mich, weshalb sie wohl hier war, und wandte mich mehrmals nach ihr um, indem ich wie beiläufig meine Bank um rundete.
Sie schien mich anzusehen, was natürlich Unsinn war. So eine hätte dich nicht einmal in deinen besten Zeiten angesehen, dachte ich. Was für Zeiten das gewesen sein sollten, hätte ich allerdings selbst nicht zu sagen gewusst.
Über derlei Gedanken vergingen mindestens zehn Minuten. Dann kamen die Richter endlich aus dem Beratungszimmer, die Verhandlung begann, und ich hörte auf, über idiotische Fragen nachzudenken.
Es war ein Prozess wegen bewaffneten Raubüberfalls, und der Hauptzeuge – das Opfer – wurde vernommen. Es war ein Schmuckvertreter, dem sie die Musterkollektion ab genommen hatten und ebenso die völlig überflüssige Pistole, die er bei sich getragen hatte.
Zwei der Täter waren kurz nach dem Überfall mit der Diebesbeute im Wagen festgenommen worden. Sie hatten sich für ein Schnellverfahren entschieden und waren bereits zu verhältnismäßig milden Haftstrafen verurteilt worden. Meinem Mandanten wurde vorgeworfen, Schmiere gestanden zu haben. Das Opfer hatte ihn auf dem Polizeipräsidium in einem Album mit Fotos von Vorbestraften wiedererkannt. Das Verfahren fand in Abwesenheit des Angeklagten statt, da mein Mandant – Herr Albanese, Amateurfußballer und Profiverbrecher – untergetaucht war, als er erfuhr, dass man ihn suchte. Er hatte gerade erst eine Haftstrafe verbüßt und wollte nicht schon wieder ins Gefängnis. In diesem Fall sei er unschuldig, behauptete er.
Die Vernehmung durch den Staatsanwalt dauerte nicht lange. Der Schmuckvertreter war seiner Sache sicher und kein bisschen eingeschüchtert durch die Umstände. Er bestätigte sämtliche im Laufe der Ermittlungen gemachten Aussagen, einschließlich der Lichtbildvorlage, das Foto wurde in die Prozessakte aufgenommen, und dann durfte ich mit dem Kreuzverhör beginnen.
»Ihrer Aussage zufolge handelte es sich bei den Tätern um drei Personen. Zwei haben Ihnen Ihre Musterkollektion und die Pistole abgenommen, ein Dritter stand, so schien Ihnen, etwas abseits und passte auf. Richtig?«
»Ja. Der Dritte stand an der Ecke, später sind sie aber alle drei zusammen weggelaufen.«
»Können Sie uns bestätigen, dass der Dritte, also der Mann, den Sie hinterher auf dem Foto wiedererkannt haben, rund zwanzig Meter von Ihnen entfernt stand?«
»Ja, fünfzehn, zwanzig Meter.«
»Gut. Dann schildern Sie uns jetzt doch einmal kurz den Ablauf der Lichtbildvorlage, die am Tag nach dem Überfall auf dem Polizeipräsidium stattfand.«
»Ich bekam verschiedene Alben zur Ansicht vorgelegt, und in einem davon war das Bild dieses Mannes.«
»Hatten...

n

Als Margherita sagte, sie müsse mit mir reden, dachte ich, sie sei schwanger.
Es war ein Spätnachmittag im September. Erfüllt von dem dramatischen Licht des scheidenden Sommers, das bereits das Halbdunkel des Herbstes und seine Geheimnisse in sich birgt.
Ein guter Moment, um zu erfahren, dass ich Vater werde, dachte ich buchstäblich, während wir uns in einem Straßencafé niederließen, die tief stehende Sonne im Rücken.
»Ich habe einen neuen Job angeboten bekommen. Es ist ein sehr gutes Angebot. Allerdings müsste ich dafür etliche Monate ins Ausland gehen. Vielleicht sogar für ein ganzes Jahr.«
Ich starrte sie an, als hätte ich mich verhört oder den Sinn ihrer Worte nicht richtig erfasst. Was hatte dieser Job mit dem Kind zu tun, das wir in ein paar Monaten bekommen würden? Das verstand ich nicht, und sie erklärte es mir.
Eine große amerikanische PR-Agentur - sie nannte mir auch den Namen, aber ich vergaß ihn sofort, vielleicht hörte ich ihn auch gar nicht - hatte ihr angeboten, die Werbekampagne für die Neu-Lancierung einer Fluggesellschaft zu leiten. Hier nannte sie einen sehr bekannten Namen. Sie meinte, es handle sich um eine einmalige Gelegenheit.
Eine einmalige Gelegenheit. Billardkugeln gleich prallten diese Worte immer wieder gegen die Wände meines Hirns, was so weh tat wie das dumpfe Pochen bei einem Migräneanfall. Mir war plötzlich, als kreise der Sinn dieser ganzen Geschichte um einen unsichtbaren Punkt, den ich weder ausmachen noch genau erkennen konnte.
»Wann hast du dieses Angebot bekommen?«
»Im Juli. Erste Kontakte gab es vorher schon, aber das offizielle Angebot kam im Juli.«
»Bevor wir in den Urlaub gefahren sind«, sagte ich, als hätte das irgendeine Bedeutung.
Die es vielleicht auch hatte.
Dann fiel der Groschen. Wenn sie es mir im September sagte, also zwei Monate nach dem Angebot und wer weiß wie lange nach den ersten »Kontakten«, dann hieß das, sie hatte sich bereits entschieden, wenn nicht gar zugesagt.
»Du hast bereits zugesagt.«
»Nein. Ich wollte vorher mit dir reden.«
»Aber du hast dich schon entschieden.«
Sie zögerte kurz - es war das einzige Mal -, dann nickte sie.
Und ich dachte, du wolltest mir sagen, du seist schwanger. Ich dachte, mein ödes Leben bekäme mit zweiundvierzig urplötzlich, wie durch Zauberhand, noch einen Sinn und einen Zweck. Durch dieses Kind, diesen Jungen - oder dieses Mädchen -, dem ich vor dem Altwerden noch rasch etwas hätte beibringen können.
Das sagte ich nicht. Ich behielt es für mich, wie etwas, wo für man sich schämt, obwohl man es nur gedacht hat. Weil man sich für seine Schwäche schämt, für seine Verletzlichkeit.
Stattdessen fragte ich sie, wann es losgehe, und mein Gesicht muss dabei absurd ruhig gewirkt haben, denn sie sah mich mit einem Anflug von Besorgnis und Verwunderung an. Von der Straße klang das lang gezogene, wütende Knattern eines frisierten Motorrads herüber, und ich dachte, dass ich dieses Geräusch im Gedächtnis behalten würde. Dass ich es wieder hören würde, jedes Mal, wenn mir diese unerwartete, grausame Szene in den Sinn kam.
Sie wusste nicht, wann es losgehen würde. In zehn, vierzehn Tagen vielleicht. Bis Ende des Monats musste sie auf alle Fälle in Mailand sein, Mitte Oktober in New York.
Also wusste sie sehr wohl, wann es losging. Dachte ich.
Wir schwiegen, zwei, drei Minuten lang. Oder auch länger.
»Willst du nicht wissen, warum?«
Nein, das wollte ich nicht. Und selbst wenn - ich sagte trotzdem nein. Ich wollte nicht, dass sie ihre Gründe - zweifellos ausgezeichnete Gründe - bei mir ablud, um ihr Gewissen zu erleichtern oder ihr Herz oder wo auch immer unsere Schuldgefühle sich befinden mögen. Ich wollte, dass ich meinen Schmerz behielt und sie ihren. In den kommenden Wochen und Monaten würde ich noch ausreichend Gelegenheit haben, mich mit dieser Frage, den Erinnerungen und allem Übrigen zu quälen.
Aber für diesen milden, grausamen Septembernachmittag war das genug.
Ich stand auf und sagte, ich würde nach Hause zurückkehren oder vielleicht ausgehen.
»Guido, sei doch nicht so. Sag bitte was.«
Ich sagte aber nichts. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Ich gehe doch nicht für immer. Wenn du so reagierst, machst du mir Schuldgefühle.«
Worte, die ihr leidtaten, sobald sie sie ausgesprochen hatte. Vielleicht las sie etwas in meinem verzweifelten Gesicht, vielleicht wurde ihr einfach nur klar, dass das, was sie tat, nicht richtig war. Wahrscheinlich war es unvermeidlich - sie hatte es sich in all diesen Wochen gewiss gründlich überlegt -, aber richtig war es mit Sicherheit nicht.
Sie brachte noch andere Dinge vor, mit gebrochener Stimme. Doch sie hörten sich an wie das, was sie waren. Ausreden.
Und während sie diese Dinge vorbrachte, hörte ich ihr schon nicht mehr zu. Die ganze Szene nahm die Unwirklichkeit eines Negativs an und grub sich mir als solches ins Gedächtnis ein.

1
Während ich darauf wartete, dass die Richter den Saal betraten und die Sache meines Mandanten zum Aufruf kam, sah ich im Zuschauerraum eine junge Frau. Eine Asiatin mit deutlich europäischem Einschlag; sie war hübsch und wirkte etwas verloren.
Ich fragte mich, weshalb sie wohl hier war, und wandte mich mehrmals nach ihr um, indem ich wie beiläufig meine Bank um rundete.
Sie schien mich anzusehen, was natürlich Unsinn war. So eine hätte dich nicht einmal in deinen besten Zeiten angesehen, dachte ich. Was für Zeiten das gewesen sein sollten, hätte ich allerdings selbst nicht zu sagen gewusst.
Über derlei Gedanken vergingen mindestens zehn Minuten. Dann kamen die Richter endlich aus dem Beratungszimmer, die Verhandlung begann, und ich hörte auf, über idiotische Fragen nachzudenken.
Es war ein Prozess wegen bewaffneten Raubüberfalls, und der Hauptzeuge - das Opfer - wurde vernommen. Es war ein Schmuckvertreter, dem sie die Musterkollektion ab genommen hatten und ebenso die völlig überflüssige Pistole, die er bei sich getragen hatte.
Zwei der Täter waren kurz nach dem Überfall mit der Diebesbeute im Wagen festgenommen worden. Sie hatten sich für ein Schnellverfahren entschieden und waren bereits zu verhältnismäßig milden Haftstrafen verurteilt worden. Meinem Mandanten wurde vorgeworfen, Schmiere gestanden zu haben. Das Opfer hatte ihn auf dem Polizeipräsidium in einem Album mit Fotos von Vorbestraften wiedererkannt. Das Verfahren fand in Abwesenheit des Angeklagten statt, da mein Mandant - Herr Albanese, Amateurfußballer und Profiverbrecher - untergetaucht war, als er erfuhr, dass man ihn suchte. Er hatte gerade erst eine Haftstrafe verbüßt und wollte nicht schon wieder ins Gefängnis. In diesem Fall sei er unschuldig, behauptete er.
Die Vernehmung durch den Staatsanwalt dauerte nicht lange. Der Schmuckvertreter war seiner Sache sicher und kein bisschen eingeschüchtert durch die Umstände. Er bestätigte sämtliche im Laufe der Ermittlungen gemachten Aussagen, einschließlich der Lichtbildvorlage, das Foto wurde in die Prozessakte aufgenommen, und dann durfte ich mit dem Kreuzverhör beginnen.
»Ihrer Aussage zufolge handelte es sich bei den Tätern um drei Personen. Zwei haben Ihnen Ihre Musterkollektion und die Pistole abgenommen, ein Dritter stand, so schien Ihnen, etwas abseits und passte auf. Richtig?«
»Ja. Der Dritte stand an der Ecke, später sind sie aber alle drei zusammen weggelaufen.«
»Können Sie uns bestätigen, dass der Dritte, also der Mann, den Sie hinterher auf dem Foto wiedererkannt haben, rund zwanzig Meter von Ihnen entfernt stand?«
»Ja, fünfzehn, zwanzig Meter.«
»Gut. Dann schildern Sie uns jetzt doch einmal kurz den Ablauf der Lichtbildvorlage, die am Tag nach dem Überfall auf dem Polizeipräsidium stattfand.«
»Ich bekam verschiedene Alben zur Ansicht vorgelegt, und in einem davon war das Bild dieses Mannes.«
»Hatten Sie ihn früher schon einmal gesehen? Ich meine, vor dem Überfall?«
»Nein. Aber als ich sein Gesicht in dem Album sah, war mir sofort klar: Den kennst du. Und dann fiel mir ein, dass er es war, der Schmiere gestanden hatte.«
»Spielen Sie Fußball?«
»Verzeihung?«
»Ich fragte, ob Sie Fußball spielen.«
Der Vorsitzende wollte wissen, was diese Frage mit dem Gegenstand unseres Prozesses zu tun hätte. Ich versicherte ihm, das werde sich innerhalb weniger Minuten erweisen, worauf er mich bat fortzufahren.
»Spielen Sie Fußball? Nehmen Sie an irgendwelchen Meisterschaften oder Turnieren teil?«
Der Zeuge bejahte. Ich zog aus meiner Akte ein Foto von zwei Fußballmannschaften hervor, eines von denen, die gern vor einem Spiel gemacht werden. Daraufhin bat ich den Richter, es dem Zeugen vorlegen zu dürfen, und ging zu diesem hinüber.
»Erkennen Sie jemanden auf diesem Foto?«
»Klar. Da bin ich, da sind meine Mannschaftskameraden ...«
»Können Sie uns sagen, wann dieses Foto gemacht wurde?«
»Das war letzten Sommer, vor dem Endspiel eines Turniers.«
»Erinnern Sie sich noch an das genaue Datum?«
»Ich glaube, es war der zwanzigste oder einundzwanzigste August.«
»Etwa einen Monat vor dem Raubüberfall.«
»Ja, das könnte stimmen.«
»Kannten Sie die Spieler der gegnerischen Mannschaft?«
»Den einen oder andern, nicht alle.«
»Betrachten Sie das Foto bitte noch einmal und sagen Sie mir, welche Spieler der anderen Mannschaft Sie erkennen.«
Er nahm das Foto in die Hand und studierte es, indem er den Zeigefinger über die Gesichter der Fußballer gleiten ließ.
»Den hier kenne ich, aber ich weiß nicht, wie er heißt. Der hier heißt, glaube ich, Pasquale ... an den Nachnamen erinnere ich mich nicht. Der da ...«
Er machte ein seltsames Gesicht, drehte sich verwundert nach mir um und betrachtete dann wieder das Foto.
»Haben Sie noch jemanden erkannt?«
»Der hier ... ähnelt ...«
»Wem?«
»Er ähnelt ein wenig dem auf dem Foto ...«
»Sie meinen den Mann, den Sie im Album vom Polizeipräsidium erkannt haben?«
»Ja, ein wenig ähnelt er ihm. Natürlich ist es nach so langer Zeit nicht einfach ...«
»Sie haben Recht, es handelt sich in der Tat um dieselbe Person. Erinnern Sie sich jetzt wieder?«
»Ja, könnte sein, dass es derselbe ist.«
»Gut, Sie erinnern sich also. Dann frage ich Sie: Würden Sie jetzt immer noch behaupten, dass der Mann, der an jenem Augustabend in der gegnerischen Fußballmannschaft spielte, derselbe war wie der, der an dem Raubüberfall teilnahm?«
»Na ja ... wenn Sie mich so fragen ... jetzt fällt mir das natürlich schwer.«
»Dafür habe ich volles Verständnis. Ich will meine Frage einmal anders formulieren. Als Sie überfallen wurden und in zwanzig Metern Entfernung den dritten Komplizen erblickten, war Ihnen da bewusst, dass es sich möglicherweise um denselben Mann handelte, gegen den Sie einen Monat zu vor Fußball gespielt hatten?«
»Nein, natürlich nicht ... dafür war er einfach zu weit weg ...«
»Richtig, dafür war er zu weit weg. Ich habe keine weiteren Fragen an den Zeugen, danke.«
Der Vorsitzende setzte einen neuen Termin an. Während er den Protokollführer die nächste Verhandlung aufrufen ließ, wandte ich mich um und suchte die junge Asiatin. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich sie entdeckte, denn sie saß nicht mehr dort, wo ich sie anfangs gesehen hatte. Sie stand jetzt dicht neben der Tür, bereit zu gehen.
Unsere Blicke begegneten sich kurz. Dann drehte sie sich um und verschwand in den Fluren des Gerichtsgebäudes.

2
Das Telegramm traf zwei Tage später ein. Mit der üblichen Formulierung
Der Strafgefangene, Herr Soundso, derzeit in Untersuchungshaft, beauftragt Herrn Rechtsanwalt Soundso mit seiner Verteidigung in der Sache Soundso. Er bittet ihn, ihn zur Besprechung im Gefängnis zu besuchen.
In diesem Fall hieß der Inhaftierte nicht Soundso, sondern Fabio Paolicelli, nannte die Nummer des Verfahrens und bat mich dringlichst, ihn im Gefängnis zu besuchen.
Fabio Paolicelli. Wer war das bloß? Der Name sagte mir et was, aber ich kam nicht darauf, was. Das irritierte mich gewaltig, denn ich hatte schon seit einiger Zeit den Eindruck, mein Namensgedächtnis lasse nach. Darin sah ich ein besorgniserregendes Indiz für den Niedergang meiner geistigen Fähigkeiten. Was natürlich Unsinn war, denn ich hatte mir noch nie gut Namen merken können, mit zwanzig so wenig wie heute. Aber wenn man die vierzig überschritten hat, häufen sich die dummen Gedanken, und die harmlosesten Vorkommnisse werden zu bedrohlichen Alterserscheinungen.
Wie auch immer, ich zerbrach mir ein paar Minuten lang den Kopf und ließ es dann gut sein. Ich würde sowieso bald erfahren, ob ich diesen Kerl wirklich kannte, dazu brauchte ich ihn nur im Gefängnis zu besuchen.
Ich rief Maria Teresa herein und fragte, ob wir am Nachmittag Termine hätten. Sie meinte, Herr Abbaticchio sei angemeldet, aber der würde erst gegen Abend, kurz vor Büroschluss kommen.
In Anbetracht der Tatsache, dass es jetzt vier Uhr war, dass wir Donnerstag hatten und man inhaftierte Mandanten donnerstags bis sechs besuchen kann, vor allem aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich nicht die geringste Lust hatte, die Prozessunterlagen für den nächsten Tag zu studieren, beschloss ich, Herrn Fabio Paolicelli kennenzulernen, der mich ja dringlichst zu sehen wünschte. So würden, wenigstens für diesen Nachmittag, einmal alle zufrieden sein. Mehr oder weniger.
Seit einigen Monaten fuhr ich Rad. Nach Margheritas Abreise hatte ich ein paar Veränderungen vorgenommen. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber sie hatten mir gutgetan. Dazu gehörte, dass ich mir ein schönes, altmodisches Fahrrad kaufte, schwarz und ohne Gangschaltung, die mir in Bari sowieso nichts genützt hätte. Zu meiner Freude war ich innerhalb kürzester Zeit ganz ohne Auto ausgekommen. Zuerst radelte ich nur bis zum Gericht, später auch zum Gefängnis, das etwas weiter entfernt liegt, und zuletzt verzichtete ich sogar abends, wenn ich ausging, auf meinen Wagen. Ich ging sowieso immer alleine aus, egal wohin.
Ein bisschen riskant ist es schon, in Bari Fahrrad zu fahren: Radwege gibt es nicht, und für die Autofahrer sind Radler in erster Linie ein Ärgernis; aber man kommt grundsätzlich schneller an sein Ziel als mit dem Wagen. Und so stand ich schon eine Viertelstunde später ziemlich durchgefroren vor der Gefängnispforte.
Der Wachbeamte, der an diesem Nachmittag Dienst hatte, war neu und kannte mich nicht. Deshalb nahm er seine Aufgabe sehr genau. Er kontrollierte meine Ausweispapiere, über prüfte meine Zulassung, nahm mir das Handy ab. Am Ende ließ er mich ein, und dann musste ich die übliche, lange Flucht von Stahltüren durchqueren, die sich bei meinem Durchgang öffneten und schlossen, bis ich den für die Mandatenbesprechungen vorgesehenen Raum erreichte. Der, auch das nichts Neues, so einladend war wie der Wartesaal eines Leichenschauhauses in der Provinz.
Sie ließen sich Zeit. Mein neuer Mandant erschien erst nach einer guten Viertelstunde, als ich bereits erwog, den Tisch und ein paar Stühle anzuzünden, der Kälte wegen und um auf mich aufmerksam zu machen.
Ich erkannte ihn sofort. Dabei war es über fünfundzwanzig Jahre her, dass ich ihn zuletzt gesehen hatte.
Das war Fabio Paolicelli alias Fabio Raybàn, mit Betonung auf der zweiten Silbe, wie in Bari üblich. Den Spitznamen hatten wir ihm aufgrund der Sonnenbrille gegeben, die er ständig trug, sogar nachts. Jetzt war mir auch klar, weshalb ich mich nicht an ihn erinnert hatte. Für mich, für uns alle war er immer nur Fabio Raybàn gewesen.
Die siebziger Jahre. Eine lange, fahle Tagesschau in Schwarz-Weiß, die in meiner Erinnerung mit Bildern der verwüsteten Piazza Fontana in Mailand beginnt, wie sie unmittelbar nach dem Bombenattentat aussah. Obwohl ich damals erst sieben Jahre alt war, erinnere ich mich noch sehr genau an alles: an die Fotos in den Zeitungen, an die Fernsehberichte, sogar daran, was meine Eltern untereinander oder mit Freunden, die zu Besuch kamen, sprachen.
Eines Nachmittags, ich glaube, es war am Tag nach dem Attentat, fragte ich meinen Großvater Guido, warum sie diese Bombe gelegt hätten, ob in Italien Krieg herrsche und wenn ja, gegen welches Land. Er sah mich an und sagte nichts. Es war das einzige Mal, dass er keine Antwort auf meine Fragen fand.
Ich erinnere mich noch an fast alle wichtigen Ereignisse jener Jahre, und meine Erinnerungen sind mit den Nachrichtensendungen verbunden, in denen zunehmend junge Gesichter auftauchten, Gesichter wie die unseren.
Ich selbst machte, wenn auch sporadisch und eher halbherzig, bei Aktionen der außerparlamentarischen Linken mit.
Fabio Raybàn hingegen war ein faschistischer Schläger.
Und möglicherweise mehr als ein simpler Schläger. Über ihn, und über andere wie ihn, wurde damals viel gemunkelt. Es war die Rede von bewaffneten Raubüberfällen, die als Mutprobe galten. Von paramilitärischen Trainingslagern in den abgelegensten Winkeln der Murgia, bei denen undurchsichtige Gestalten aus den Rängen der Armee und der Geheimdienste ihre Finger mit im Spiel hatten. Von so genannten Arierfesten in luxuriösen Vorstadtvillen. Vor allem aber hieß es, Raybàn habe dem Schlägertrupp angehört, der einen achtzehnjährigen, an Kinderlähmung erkrankten Kommunisten durch Messerstiche getötet hatte.
Am Ende eines langwierigen Prozesses war einer dieser Faschisten wegen Mordes verurteilt worden. Dass er sich daraufhin im Gefängnis umbrachte, kam vielen sehr gelegen, denn damit war es unmöglich geworden, die Mittäter zu identifizieren.
In den Tagen unmittelbar nach dem Mord war Bari erfüllt vom Rauch der Tränengasbomben, vom beißenden Gestank brennender Autos, vom Geräusch hastiger Schritte auf menschenleeren Straßen. Metallkugeln sprengten Schaufenster, Sirenen und Blaulichter sprengten die graue Nachmittagsstille der letzten Novembertage.
Die Faschisten waren professionell organisiert. Mehr noch, sie waren organisiert wie professionelle Verbrecher. Ihre politischen Argumente hatten die Form von Brechstangen, Ketten und Messern. Solange sie nicht gleich zur Pistole griffen. Damals reichte es schon, mit der falschen Zeitung, dem falschen Buch oder auch nur der falschen Kleidung die Via Sparano in der Nähe der San-Ferdinando-Kirche entlangzugehen - eine Gegend, die damals als schwarze Zone galt -, um brutal verprügelt zu werden.
Einmal passierte es auch mir.
Ich war vierzehn Jahre alt und trug immer einen grünen Parka, auf den ich sehr stolz war. Eines Nachmittags ging ich mit zwei Freunden, die wie ich fast noch Kinder waren, im Stadtzentrum spazieren, als wir plötzlich umringt wurden. Von Jungs, die sechzehn oder siebzehn waren, aber aussahen wie Männer. In diesem Alter machen zwei Jahre einen Riesenunterschied.

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