Aus der Amazon.at-Redaktion
Ob in Form von Liedern, Gedichten, Balladen, Briefen, Dramen und Schwüren: Es war und wird in den meisten Fällen die Liebe sein, die den Schreiber, den Komponisten oder den Sänger beflügelt. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob die Nähe der Liebe demütig, spöttisch oder sogar auf verachtende Weise gesucht wird. Raoul Schrott widmet sich jedenfalls in seinem Buch
Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen sowohl der himmlischen als auch der irdischen Liebe und legt eine Sammlung verschmitzter Briefe vor, beginnend mit einem Mönch aus dem Orient, der die Engel erstmals nach Chören und Rängen ordnet. Nach und nach entstehen Geschichten von den biblischen Wandlungen der Engel von Babylon bis nach Irland und immer wieder wird auch der Himmel auf Erden gesucht. Auf Fragen nach ihrer Natur, ihrem Geschlecht, ihren Namen, ja selbst der Herkunft der Flügel weiß Schrott Antworten -- diese Antworten verwendet er als augenzwinkernden Vorwand für eine Geschichte der Liebe.
Arnold Mario Dall'O hat das Liebes-Brevier mit Zeichnungen bereichert, wobei es ihm gelungen ist, die Legenden voller Geheimnisse, ihre Motive von Martyrium und Erlösung neu darzustellen. Texte und Illustrationen ergänzen sich in geradezu idealer Weise. Es ist kaum zu glauben, dass von einem Buch eine solche Harmonie ausgehen kann. Und nur von wenigen Werken lässt sich wirklich sagen, dass es sich -- ganz einfach ausgedrückt -- um ein schönes handelt. Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen ist harmonisch und schön zugleich. Wer Näheres von den Engeln wissen möchte, der kann nachschauen -- für ihn hat der Autor sogar eine Webadresse parat. --Elfriede Quell
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Neue Zürcher Zeitung
Die Liebe, die Engel und die Heiligen
Raoul Schrotts und Arnold Mario Dall'Os seltsame Engelskunde
Von Günther Stocker
Es ist wieder einmal die Abwesenheit der geliebten Frau, die den Dichter zum Schreibtisch drängt. Eine geheimnisvolle Begegnung mit einem rothaarigen, engelgleichen Wesen hat seine Welt aus den Angeln gehoben. «Bin ruhelos, kann meine Gedanken nicht von dir wenden, nicht schlafen und was der Katalog sonst noch enthält.» Bei einem so vielseitig gebildeten und weit gereisten Autor wie Raoul Schrott führt diese archetypische Situation der abendländischen Poesie nicht zu einem metaphernreichen Wortschwall über die Schönheit der Liebe und der Geliebten, sondern zu einer vielfältigen und lehrreichen Entdeckungsreise in die Kulturgeschichte. Von den Sexualpraktiken der Sumerer über entlegene griechische Mythen bis zur Homepage eines Forschungsinstituts für Nordlichter kommen dabei allerhand überraschende Fundstücke zutage. Aber in erster Linie geht es um Engel.
Der Titel von Schrotts Buch «Das Geschlecht der Engel, der Himmel der Heiligen» lässt eher an eine theologische Abhandlung aus dem Mittelalter denken als an einen modernen Prosatext. Auch angesichts der zuletzt erschienenen Bücher des österreichischen Schriftstellers verwundert diese scheinbare Wendung ins Metaphysische und Irrationale. Sowohl im Gedichtband «Tropen» (1998) als auch in der Novelle «Die Wüste Lop Nor» (2000) ging es um die Engführung von Poesie und wissenschaftlicher Erkenntnis.
Schrotts grosses Interesse für die Naturwissenschaften und sein Versuch, deren poetische Möglichkeiten auszuloten, waren für ihn die logische Konsequenz aus ihrer Bedeutung für das 20. Jahrhundert und erwiesen sich als fruchtbarer literarischer Ansatz. Und nun bezeichnet er sein neues Projekt, zu dem Arnold Mario Dall'O die Illustrationen beigesteuert hat, als «Brevier». Ein Andachts- und Gebetbuch ist es aber trotzdem nicht geworden. Schon nach wenigen Seiten wird klar, dass Raoul Schrott viel mehr vom poetischen Reiz der Engel fasziniert ist als von ihrer religiösen Funktion, dass sich Dall'Os Bilder mehr für den visuellen Aspekt der Heiligen und ihrer Martyrien interessieren als für ihren spirituellen. So erfahren wir, wann die Engel zu ihren Flügeln gekommen sind, wie sie den Planeten zugeordnet wurden und was es mit ihrem Namen auf sich hat.
Schrott setzt Bruchstücke aus frühchristlichen theologischen Diskursen auf spielerische Weise mit etymologischen Ableitungen, klanglichen Assoziationen und einer profunden Kenntnis griechischer und keltischer Mythen in Verbindung. Manchmal bewegt er sich dabei allerdings hart an der Grenze zur Sophisterei. Der Ich-Erzähler, der viele Züge des Autors trägt, bemerkt dies selbst und bittet um Verständnis. Denn sein ganzer Erzählfluss ist eigentlich nichts anderes als eine Serie von Briefen an die Geliebte, die er aus einem unklar bleibenden Grund nicht wiedersehen kann. Aus Verzweiflung darüber doziert und schwadroniert er, beschreibt und phantasiert er, erzählt und witzelt er und entwickelt dabei seine ganz persönliche Angelographie. Er wechselt mühelos zwischen eindringlichen Naturbildern und mythologischen Reflexionen, zwischen Liebesbrief und Sprachwissenschaft. Den roten Faden bildet die Anrede an das aus der Ferne begehrte Du.
Als Kommentar und Kontrastierung begleitet den Text eine Reihe von Glossen, die in prägnantester Form Heiligenviten erzählen, sich dabei vor allem auf deren kuriose Aspekte konzentrieren und die gegen Ende des Buches immer grotesker werden. Auf diese Glossen wiederum bezogen sind die Bilder von Dall'O, die das Buch zusammen mit der ausgefallenen Typographie auch zu einer sinnlichen Attraktion machen.
Die Suche nach mythischen Wurzeln, nach dem Erfahrungsschatz anderer Kulturen und anderer Zeiten ist für das Werk von Raoul Schrott charakteristisch. In einer zunehmend zersplitterten Welt versucht es eine neue poetische Sinnstiftung. Das Überschreiten der Grenzen zu anderen Disziplinen entspringt nicht nur der blossen Wissbegier des Autors, sondern soll auch helfen, eine schärfere, sinnlichere Wahrnehmung zu entwickeln. Doch im Fall des vorliegenden Buches stellt sich die Frage, ob sich dieses anspruchsvolle literarische Programm auch mit dem Thema der Engel verwirklichen lässt.
Es scheint, als wisse der Erzähler selbst nicht, wie er auf die Engel gekommen ist, denn Mystiker ist er keiner und in Metaphysik war er «immer schon schlecht». Ihre Notwendigkeit liegt nach ihm darin, «ein Gleichnis zu sein für etwas, das sich nicht zeigt, das Licht, das sich nicht benennen lässt», sie personifizierten eine Wirklichkeit, «die sonst gleichgültig und unzugänglich bliebe». Das bleibt alles sehr vage und spekulativ und spielt ein wenig auf Rilkes «Duineser Elegien» an, in denen die Engel als mythische Sinnfiguren einer das Leben und den Tod verschmelzenden Ganzheit fungierten, als Repräsentanten einer unsichtbaren Welt, in der das historische und menschliche Zeitgefüge aufgehoben ist. Rilke gelang es am Beginn des 20. Jahrhunderts noch einmal, den Engeln einen schlüssigen Platz in der poetischen Landschaft zuzuweisen. In Schrotts und Dall'Os Buch wird hingegen trotz aller Gelehrtheit der Ausführungen und trotz aller Kunstfertigkeit der Form nicht klar, warum sie sich gerade mit Engeln und Heiligen beschäftigen und ob diese mehr sind als nur Requisiten für ein reizvolles künstlerisches Verfahren.
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