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Heutzutage wird Webern nicht mehr so sehr als Musik-Guru angesehen, sondern ganz schlicht und einfach als ein wichtiger Komponist, dessen Ausdruck ebenso komprimiert wie intensiv ist. Was die Interpretation angeht, so ist hier ein Standard an musikalischem Können erreicht, mit dem sich nur wenige frühere Aufnahmen messen können; Vertrautheit mit dieser musikalischen Sprache mag hier eine Rolle spielen, aber ebenso wichtig ist die Einschätzung von Boulez, dass alles, was wir hören, mit Überzeugungskraft präsentiert werden muss. Versuchen Sie einmal die "Passacaglia", sinnenfrohe Musik, die die Klangwelt von Brahms und Mahler verbindet, oder hören Sie einmal das Streichquartett oder Orchesterstücke -- Miniaturen in ihrer Dauer, aber ganze Dramen voller Ausdruck. Die Leichtigkeit der Interpretation ebnet nicht immer den Weg zu dieser Musik: Die Liederzyklen muss man mehrfach hören, um die Bedeutung hinter der kompakten Ausdrucksweise zu erfassen. Die späteren Instrumental- und Chorwerke sind von leuchtender Strenge, die auf Bach und darüber hinaus noch weiter zurück zu den Renaissance-Meistern wie Schütz und Issac hinweisen.
Weberns Musik ist lange bewundert worden, aber erst jetzt wird es allmählich möglich, nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen auf sie zu reagieren. Dieses Set mit einer wunderbar gestalteten Verpackung und einer ausführlichen Dokumentation markiert einen wichtigen Schritt nach vorn und verdient die Neugier eines jeden, der das ruhige, gelassene Wesen von Musik erkunden möchte und dies in einem oft so schrillen, völlig desorientierten Jahrhundert. --Richard Whitehouse
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Anton Weberns gesamtes Musikschaffen liegt nun bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht auf 6 CDs vor. Zwar handelt es sich nicht ausschließlich um Neuaufnahmen, doch sind einige interessante Ersteinspielungen von Weberns Jugendwerken sowie seiner Bearbeitungen darunter. Das Spektrum der Webernbox reicht von frühen, vom Komponisten ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmten Werken ohne Opuszahl bis hin zu seinen späten Meisterwerken. Die stilistische Spannweite seiner kompositorischen Entwicklung lässt sich somit hörenderweise nachvollziehen: vom impressionistisch geprägten Orchesteridyll "Im Sommerwind" über 5 Sätze für Streichorchester op.5, frühe Beispiele für Weberns aphoristischen Kompositionsstil bis hin zu seinem letzten Werk, der zweiten Kantate op.31.
Dazwischen komponierte Webern zahlreiche kammermusikalische Werke, Streichquartette, Sonaten und Lieder. Lyrische Expressivität ist in vielen Stücken enthalten. Äußerste Konstruktivität gepaart mit Spiegelungen und Symmetrien halten den Komponisten, der zusammen mit Arnold Schönberg und Alban Berg zu den Hauptvertretern der Zweiten Wiener Schule zählt, nicht davon ab, ausdrucksstarke, immer wieder von der Natur inspirierte Musik zu komponieren. Als Gegenpol zur spätromantischen großangelegten Sinfonik kann man Weberns kurze und sehr kurze Miniaturen betrachten. Spannung vermag Webern mit nur wenigen Tönen zu erzeugen, durch oft große Intervallsprünge und gewollte Pausen.
Pierre Boulez, dessen Geburtstag sich im Jahr 2000 zum 70. Mal jährt, ist als Komponist geistiger Schüler Anton Weberns. Er dirigiert die Orchesterwerke seines Lehrers mit äußerster Genauigkeit, ohne dabei an Ausdruck zu verlieren. Auch die anderen Interpreten sind sämtlich hervorragende Musiker, die sich auf die konzentrierten Miniaturen einlassen. Angemessene Zartheit im Wechsel mit klanglicher Fülle verleihen die Sopranistinnen Christiane Oelze und Francoise Pollet den Liedern Weberns. Expressive Gesten und emotionale Ausbrüche kommen besonders in den Streichersonaten, interpretiert durch Gidon Kremer und Clemens Hagen zur Geltung. Besonderes Lob verdient auch das Emerson String Quartett, dessen nuanciertes Ausloten feinster Klangfarben und Intensitätsgrade besonders schlüssig und den Zuhörer packend gelungen ist. Ein ausführliches Booklet mit Beiträgen verschiedener Autoren vervollständigt das gelungene Komponistenporträt. --Nina Polaschegg
Anton Webern, der radikalste Neuerer (der wohl gleichzeitig als die Schlüsselfigur für die Entwicklung der Neuen Musik angesehen werden muß) unter Schönbergs Schülern, hinterließ ein Gesamtwerk, das durch seine Kompositionen von aphoristischer Kürze besticht. Viele Hörer befremdete diese Musik damals oder rief bei ihnen Unverständnis hervor.
Umso erfreulicher ist es festzustellen, daß nicht nur die Werke in absolut exemplarischen Einspielungen hier vorliegen, sondern auch die Werke ohne Opuszahl aufgenommen wurden, die in Boulez' erster Einspielung für Sony noch fehlten.
Hervorgehoben seien exemplarisch Boulez' wunderbare Deutungen der Webernschen Orchesterwerke (v.a. die Passacaglia und "Im Sommerwind"), die Sechs Stücke für Streichquartett op. 9 in einer unglaublich intensiven Interpretation durch das Emerson Quartett und die stets vernachlässigten Lieder mit Christiane Oelze. Weitere Kostbarkeiten sind die Variationen op. 27 mit Krystian Zimerman und die beiden Kantaten - gleichermaßen souverän gemeistert von Chor und Solisten. Auch die übrigen Kompositionen, die den Künstlern alles abverlangen, sind hervorragend eingespielt worden; nicht zuletzt die aboslut rauschfreie Aufnahmetechnik trägt entschieden zum Hörgenuß bei.
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