Wer bin ich und wo ist mein Platz in dieser Welt? Wer darauf Antworten sucht, und das sind letztlich alle, beschäftigt sich auch mit der Frage, wie weit sein Leben bereits von den Genen festgeschrieben ist. Gibt jemand darauf so kluge, verständliche und in die Wissenschaft eingebettete Antworten wie Werner Siefer, sollten wir ihm zuhören. Zumal zu seinen Spezialgebieten Hirnforschung, Evolution und Anthropologie gehören und Siefer als Diplom-Biologe auch dort in die Tiefe gehen kann, wo andere nur an der Oberfläche kratzen. Das hat er bereits in seinem Buch "Ich. Wie wir uns selbst erfinden" bewiesen, das er zusammen mit Christian Weber verfasste.
Wer hat Erfolg und wer nicht? Was ist angeboren und was angelernt? Wie plastisch oder statisch ist unser Gehirn? Das sind alles Themenkreise, die leicht zu Glaubenskriegen führen können, auch in der Politik. Werner Siefer nähert sich möglichen Antworten sehr viel vorsichtiger als der amerikanische Erfolgsautor Malcolm Gladwell. Dem Leser weniger Sicherheit zu bieten, schlägt sich leider in den Verkaufszahlen nieder, macht mir aber den Autor umso sympathischer. Wo aus wissenschaftlicher Sicht der Konjunktiv angesagt ist, hält sich auch Werner Siefer mit klaren Aussagen zurück und überlässt es dem Leser, aus den Beispielen und zusammengefassten Ergebnisse Schlüsse zu ziehen. Vagheit kann allerdings dazu führen, dass man von Ideologen vereinnahmt und missbraucht wird. Diese Gefahr besteht bei Werner Siefers neuem Buch vor allem dort, wo es um die Unterscheidung von Persönlichkeitseigenschaften und Fertigkeiten geht. Das zeigt auch die Rezeption der Stanford Professorin Carol Dweck, deren Buch "Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge und Niederlagen bewirkt" so interpretiert wird, dass menschliche Verhaltensmuster fast beliebig veränderbar sind.
Selbstverständlich bestreitet kein namhafter Neurologe, dass unser Gehirn ein plastisches, hoch dynamisches System ist, das sich bis ins hohe Alter verändern kann. Aber diese Plastizität betrifft vor allem Hirnareale, die für Fertigkeiten zuständig sind. Neuronale Muster jedoch, die unsere Persönlichkeitseigenschaften und damit unser Verhalten steuern, sind Änderungen gegenüber sehr viel resistenter. Dem widerspricht Carol Dweck ebenso wenig wie Werner Siefer. Aber da wir Menschen die Tendenz haben, nur das zu hören, was wir hören wollen, sollte ein Wissenschaftsautor diese Eigenart nicht zusätzlich fördern, indem er ein Buch mit dem Satz "Ein Genie steckt in jedem" beendet. Denn obwohl Werner Siefer immer wieder darauf hinweist, dass das autobiografische Gedächtnis etwas anderes ist als das Arbeitsgedächtnis, zweifle ich daran, ob dies auch wirklich gehört und verstanden wird. Immerhin spricht Siefer Klartext, wenn er sagt, dass die einfachen Formeln von Ratgeberbüchern blanker Unsinn sind.
Der Autor hat sehr viele aktuelle Studien gesichtet, Fachpublikationen verarbeitet und Experten besucht. Und die Schlüsse, welche er daraus zieht, stellt er in Bezug zum umfangreichen biografischen Material, das über so genannte Genies vorliegt. Selbst wenn sich viele Fragen beim gegenwärtigen Stand der Forschung noch nicht abschließend beantworten lassen, zeigen sich doch gewisse Tendenzen. So deutet vieles darauf hin, dass der Einfluss der Gene auf unsere Talente und Fertigkeiten weniger stark ist als bisher angenommen. Aber, und auch das müsste stärker betont werden, ohne Durchhaltevermögen und sehr viel Üben wird niemand zum Genie oder außerordentlichen Spezialisten. An einer Sache dran zu bleiben gehört jedoch zu den so genannten Big Five, also zu den Persönlichkeitseigenschaften mit hoher Stabilität.
Dieses Buch empfehle ich deshalb gerne, weil sein Autor etwas von der Materie versteht, komplizierte Zusammenhänge einfach beschreiben kann, wichtige Themen aufgreift und vielleicht auch Entscheidungsträger erreicht, die veralteten Vorstellungen von Intelligenzquotienten, Vererbung und Talent anhängen. Seine Lesern möchte ich allerdings dazu ermuntern, sich bei der Lektüre vor Augen zu halten, dass die verschiedene Hirnareale zwar alle miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen, aber dennoch für unterschiedliche Spezialaufgaben entwickelt wurden. Von der grundsätzlichen Plastizität des menschlichen Gehirns darf man also noch lange nicht darauf schließen, jeder Mensch sei der Schmied seines Glücks und jeder gesellschaftspolitische Wunsch lasse sich mit Appellen erfüllen. So unabhängig von den Einflüssen einer langen evolutionären Geschichte ist auch die Gattung Mensch nicht.
Mein Fazit: Werner Siefer gibt seinen Lesern einen verständlichen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung, regt sie zum Nachdenken an und räumt mit vielen Mythen des Geniekults gründlich auf. Hätte er noch dezidierter auf die Unterschiede von Persönlichkeitseigenschaften und menschlichen Fertigkeiten hingewiesen, könnte ich noch mehr zu meiner Fünfsternebewertung stehen.