Die Geschichte dieses Romans folgt eigentlich einer klaren Linie: Ein glaubensloser Dichter (Brentano) kommt in eine kleine Stadt, in der eine angeblich stigmatisierte Nonne seit Jahren ans Bett gefesselt sein soll. Dem Leser wird sehr schnell klar, daß hier eine "Bekehrungsgeschichte" geknüpft werden soll. Interessanterweise verläuft diese für Brentano nicht gerade, sondern visionär, und man kommt auf den Gedanken, daß der Zweifel eine Kraft ist, die stärker überzeugen kann, als alles andere. Spannend war für mich weniger die Handlung, als vielmehr der geistige Prozeß, dem Brentano unterworfen wird. Aber die größte Stärke des Romans ist zweifellos die Beschreibung der Augustinerin Anna. Sie erscheint, im Gegensatz zu den Nebenfiguren, als einzige, die wahres Menschsein zum Ausdruck bringt. Fazit: "Das Gelübde" ist nicht Kai Meyers Meisterwerk, aber doch ein gut gelungener Roman.