Journalisten, Seminarleiter und Moderatoren aller Art trugen wesentlich dazu bei, dass sich das Wissen über das menschliche Gehirn in den letzten Jahren verbreitete. Dafür sei ihnen gedankt. Doch wenn der Wissensstrom allzu schnell fließt und die Quellen kaum mehr auszumachen sind, braucht es Bücher wie dieses. Bücher, die ebenso verständlich geschrieben und visuell gestaltet sind wie die Produkte aus der Unterhaltungsindustrie. Bücher für ¤ 7.90, farbig, weniger als 130 Seiten umfassend und von Wissenschaftlern verfasst. Denn nur so lässt sich einigermaßen verhindern, dass bequeme Vereinfachungen und Wunschvorstellungen zu allgemeinen Glaubensbekenntnissen werden. Paradebeispiel für einen solchen Vorgang ist der Mythos, dass sich Menschen in zwei neurologische Typen unterscheiden lassen. Aber die linkshemisphärische Persönlichkeit gibt es ebenso wenig wie die rechtshemisphärische. Dieser unsinnigen Behauptung widersprechen inzwischen so ziemlich alle renommierten Neurowissenschaftler. Aber da deren Bücher keine leichte Kost sind, werden sie vom breiten Publikum auch kaum wahrgenommen.
Norbert Herschkowitz tritt nun an, etwas Ordnung in das Wissenswirr um das menschliche Gehirn zu bringen. Und da er bereits Erfahrung hat, wie man auch akademisch unbelastete Leser erreicht, gelingt ihm die Unterrichtsstunde hervorragend. Er bedient sich dabei des alten Tricks, Antworten auf selbst gestellte Fragen zu geben. Unterscheiden sich die Gehirne von Menschen und Menschenaffen? Ist das Gehirn ein Computer? Nutzen wir nur zehn Prozent unseres Gehirns? Ist Intelligenz erblich? Was macht die linke, was die rechte Hirnhälfte? Denken Frauen anders als Männer? Entstehen Gefühle im Bauch? Wie lernen wir? Können wir uns auch im Alter noch verändern? Lässt sich der Glaube an Gott erklären? Macht gesundes Essen klüger? Zwanzig Fragen, zwanzig Antworten. Und ein Anhang mit illustrierten Ansichten des Gehirns, mit einem ausführlichern Glossar und einem weniger ausführlichen Literaturverzeichnis. Mich hat das Gesamtresultat sehr überzeugt.
Mein Fazit: Dem Autor gelingt es, einem breiten Publikum die wichtigsten Erkenntnisse der Neurowissenschaftler zu vermitteln. Das ist deshalb so wichtig, weil sich in den letzten Jahren Theorien verbreiteten, die einem Verständnis neuronaler Vorgänge im Wege stehen und unbrauchbare Mythen zementieren. Das Konzept, häufige Fragen aufzuwerfen und zu beantworten, ist ebenso überzeugend wie die sprachliche Umsetzung und die Gestaltung. Wer sich auf dem Gebiet der Neurologie schon auskennt, wird kaum auf inhaltliche Überraschungen stoßen. Aber vielleicht entdeckt er, dass man schwierige Dinge auch einfach erklären kann.