Beim Reclam Verlag hatte man wohl Bedenken, den englischen Untertitel zu übernehmen. Aber dass Michael O'Shea als Direktor des Sussex Centre for Neuroscience seine 180 Seiten als "A Very Short Introduction" bezeichnet, ist nachvollziehbar. Denn es muss ihn viel Überwindung gekostet haben, seinen riesigen Wissensschatz in eine so kleine Kiste zu zwängen. Aus der Widmung geht hervor, dass der Autor vom Wissen und Unwissen über das Gehirn auch sehr persönlich betroffen ist, litt doch eines seiner Kinder unter einer schweren Funktionsstörung, an der es starb. Vielleicht ist es dieser emotionale Hintergrund, der Michael O'Shea die Ehrfurcht vor einem wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand bewahren ließ. Jedenfalls spricht in diesem Buch kein abgehobener, kühler und rein empirisch argumentierender Experte zum Publikum. Trotzdem hält der Autor die Anforderungen hoch, vermeidet populärwissenschaftliche Anbiederungen und geht immer ins Detail, wenn dies für das Verständnis der großen Zusammenhänge notwendig ist.
Was andere Einleitung nennen, heißt bei O'Shea "Nachdenken übers Gehirn". Und wer einfach wieder einmal etwas Kluges über den Stand der Neurowissenschaften lesen will, kann sich auch mit der Lektüre dieses Kapitels und des Nachwortes zufrieden geben. Bei einem Preis von gut fünf Euro würde das Kosten- und Nutzenverhältnis noch immer aufgehen. Aber da der englische Forscher seine Leser begeistern kann, werden sie wohl ohne zu Zögern auch die Kapitel 2 bis 7 lesen. Ihre Überschriften lauten: Von Körpersäften zu Zellen: Bestandteile des Geistes - Weiterleitung von Signalen: Verbindungen herstellen - Vom Urknall zum Großhirn - Empfinden, Wahrnehmen und Handeln - Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind - Geschädigte Gehirne: Erfindungen und Eingriffe. Wer sich schon ein wenig in der Welt des menschlichen Gehirns auskennt, wird unschwer feststellen können, dass in diesem kleinen Büchlein alle wichtigen Themen behandelt werden. So komprimiert, verständlich und geordnet schaffen das nur ganz wenige. Zudem finden sich sogar Abbildungen, wo dies der Veranschaulichung dient.
Mein Fazit: Ein Wissenschaftsbuch in der Größe eines iPhones, nur sehr viel günstiger. Den größten Nutzen bringt es wahrscheinlich Lesern, die sich ohnehin intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und nach einer Alternative zu dicken Lehrbüchern suchen. Aber auch interessierte Laien werden sich zurechtfinden, wenn sie hie und da einen fremden Begriff nachschlagen und das Lesetempo nicht allzu sehr forcieren.